Street Art

Harter Tobak in der ehemaligen Reemtsma-Zigarettenfabrik

Im Namen der Dose: Lange als „Schmierereien“ verfemt, ­erfreut sich Graffiti inzwischen vor allem bei ­Immobilienfirmen großer Beliebtheit. Nach „The Haus“ und „Wandelism“ toben sich Urban Art Künstler derzeit unter dem Motto Harter Tobak in der ehemaligen Reemtsma-Zigarettenfabrik in Schmargendorf aus

Der neongelbe Pfeil, der zum „Graffiti Jam Eingang“ weist, zeigt über die Mecklenburgische Straße in Wilmersdorf hinüber, hin zum anliegenden Heidelberger Platz. ­Irgendein Scherzkeks muss das an einem BSR-Mülleimerhalter befestigte Pappschild herumgedreht haben. Denn tatsächlich soll der Weg in die Forckenbeckstraße führen. Spaziert man hier an einem Kücheneinrichter und unter einer Autobahnbrücke entlang, kommt man zum Hintereingang der 2011 geschlossenen Reemtsma-Zigarettenfabrik.

Diesen Weg gehen eigentlich nur ­Leute, die zur Sportanlage Forckenbeckstraße ­wollen. Am 25. und 26. August aber zog es hier auch zahlreiche junge Menschen hin, die durch ihre metallisch klappernden Rucksäcke auffielen. Graffiti-Writer, die beim besagten Jam darauf spekulierten, ungestört von ­Gesetzeshütern und vereint unter Ihresgleichen in Ruhe ein paar größere Pieces, Bilder, sprühen zu können. Und die ihre Treibgasdosen mit Farbe gleich selbst mitbrachten.

„Zigarettenfabrik: Ein Quartier, das die Stadt vergessen hat“, überschrieb vor eineinhalb Jahren die „Berliner Morgenpost“ einen Beitrag zur früheren Kippen-Produktionsstätte. Denn obwohl das Gelände nur unweit eines U- und S-Bahnhofes und direkt neben der A100 liegt, nahmen, trotz einer Schauspielschule, die hier residiert, nur wenige Notiz davon. Was an der Lage im geruhsamen Schmargendorf, einem Teilkiez des ohnehin eher szene-fernen Wilmersdorf, liegen mag. Ein großes – allerdings durch aktuelle Wohnbebauung bereits dezimiertes – Schrebergartengebiet liegt gleich neben der stillgelegten Zigarettenfabrik. Auf der anderen Seite der Mecklenburgischen Straße dominieren unauffällige graue Mietshäuser. Hier liegt auch die Zentrale der Deutsche Wohnen. Doch auch die berüchtigte Immobilienfirma macht hier optisch wenig Aufhebens von sich.

Dass das rund 75.000 Quadratmeter große Gelände mit rund 110.000 Gebäudenutzquadratmetern überhaupt von den Sprühkünstlern entdeckt wurde, liegt hauptsächlich am Berlin Mural Festival Ende Mai diesen Jahres. Denn – mit Erlaubnis der Wohnkompanie, die seit 2014 Besitzer des Geländes ist – verewigte sich dort auf einer riesigen Wellblechhalle in meterhohen, silbernen Lettern unter anderem die GHS-Crew, also die selbsternannten Ghettostars, eine 1991 gegründete ­legendäre Berliner Graffiti-Gang. Mit ihr zückten knapp 30 weitere Einzelkünstler und Crews ihre Farbdosen. Und verwandelten ­Zufahrtswege, den Hinterhof und einem kleinen Teil der Hallen nicht nur in eine bunte Welt. Das Mural Festival sorgte auch für neue Kontakte untereinander.

„Wir haben uns auf dem Gelände kennengelernt“, sagt Denise, 30, Mitglied der Künstler-Crew Miesebande. Zusammen mit dem Kultur Kartell, einer Gruppe junger Licht- und Soundartisten, bespielen die Künstler unter dem Motto „Harter Tobak. Urban Art at Tabakfabrik“ seit kurzer Zeit das Gelände. Dies führte nicht nur zu dem oben erwähnten Graffiti Jam mit „Flächen, Dosen, Grillwürsten und geilen Beats“. Es werden auch Führungen mit Graffiti-Workshops angeboten. Highlight demnächst: ein Kunstmarkt mit Künstlern, Kunsthandwerkern, Live-Paintings und Live-Musik. Und auch die Filmschauspielschule Blackboxx begeht dann ihren Tag der Offenen Tür.

Im Unterschied zu vergangenen, temporären Urban-Art-Großprojekten wie dem überaus erfolgreichen „The Haus“ in der Nürnberger Straße, bei der zwei Monate lang eine zum Abriss vorgesehene und zuvor leer stehende mehrstöckige Filiale der Berliner Volksbank von rund 200 Künstlern bespielt – und von Besuchswilligen belagert – wurde, oder „Wandelism“, in dessen Rahmen sich eine zum Abriss vorgesehene Autowerkstatt in einen knallbunten Kunstkosmos ­verwandelte, macht „Harter Tobak“ eher wenig Furore. ­Weder flattern dazu Presseerklärungen durch Berlin um die Wette. Noch rauschte die RBB-Stilbruch-Moderatorin Petra Gute nebst Gefolge zu Fernsehaufnahmen und Interviews an. Was daran liegen mag, dass hinter „The Haus“ und „Wandelism“ professionelle Urban-Art-Agenturen standen, hinter „Harter Tobak“ aber „bloß“ ein knapp 15-köpfiger Trupp freischaffender Künstler.

Dass derartige Urban-Art-Aktionen auch auf die Immobilie aufmerksam machen – und sie aufwertet –, war bislang kaum ein ­Problem. Sowohl das leerstehende „The Haus“-Gebäude als auch die „Wandelism“-Werkstatt waren ungenutzte Gewerbeflächen, die weder Denkmalwert hatten noch von früheren Nutzern beansprucht wurden.

Ob das auf die alte Zigarettenfabrik, die zu einer modernen Gewerbefläche mit Nutzungsmix umgebaut werden soll, ebenfalls zutrifft, ist noch nicht ganz klar. Neben der Schauspielschule ist auch ein Cateringunternehmen Interimsmieter. Und auch die Künstler, das klingt aus ihren sehr zurückhaltenden Äußerungen heraus, würden ihre Ateliers gerne noch ein bisschen länger nutzen als nur bis Mitte Oktober, dem bisherigen offiziellen Ende von „Harter ­Tobak. Urban Art at Tabakfabrik“.

Harter Tobak Urban Art at Tabakfabrik Mecklenburgische Str. 32, Schmargendorf, Führungen (Kosten: auf Spendenbasis): Mi 12.9., 15 Uhr (f. Kinder), anschl. jeweils Graffiti-Workshop, Anmeldung unter: www.facebook.com/HarterTobakBerlin, E-Mail: tabakfabrikberlin@web.de

Kunstmarkt Sa 15.9., 11–22 Uhr (mit Kunst- undKunsthandwerksständen, Live-Painting, Live-Musik) Tag der Offenen Tür der Filmschauspielschule Blackboxx (selbe Adresse): Sa 15.9., 11.30–18 Uhr, www.filmschauspielschule.de