Schauspieler & Social Media

Hast du Likes, kriegst du den Job

Casting nach Gefolgschaft: Schauspielende ­stehen unter Druck, auch Stars auf Social Media zu sein. Denn Follower*innen sind eine Leitwährung. Wo führt das hin?

Humorvoll zeigt sich die Schauspielerin Pegah Ferydoni auf ­ihrem Instagram-Account mit 12.400 Abonnent*innen, Foto: Screenshot / Pegah Ferydoni / Instagram

Es war eine durchaus namhafte Schauspielerin, die beim Casting für die Rolle einer russischen Oligarchentochter in Detlev Bucks Gangsterfilm „Asphaltgorillas“ in die Endauswahl kam. Doch die Rolle bekam schließlich nicht sie, sondern eine Schauspiel-Amateurin: Stefanie Giesinger, eine „Germanys Next Top Model“-Gewinnerin, die statt ­Schauspielhandwerk etwas hier entscheidend anderes mitbrachte: über 3 Millionen Abonnentinnen ihres Kanals auf Insta­gram. „Die Anzahl der Follower als Kriterium bei der Rollenbesetzung spielt leider eine immer größere Rolle, gerade, weil das Marketing einem Druck gibt“, sagt die langjährige Casting-Direktorin Bo Rosenmüller. „Wenn ich als Casterin frei wählen kann, würde ich mich mitunter ganz anders entscheiden.“

Die Grimme-Preis-gekrönte ­­Schau­­spielerin ­Pegah ­Ferydoni („Türkisch für Anfänger“, „Die defekte Katze“) sieht die Entwicklung mit Sorge: „Ich finde das ganz heikel, dass Influencer plötzlich den Markt mitbestimmen und Besetzungskriterien nach Follower-Zahl laufen. Natürlich hat es eine Berechtigung, sich zu überlegen, ob ein Schauspieler auch eine Zugkraft hat. Aber wenn das dahin pervertiert, dass letztendlich nicht mehr das Spiel, sondern die Höhe der Follower ausschlaggebend ist, dann ist das sehr bedenklich.“ Schauspiel-Shootingstar und ­Gorki-Theater-Ensemblemitglied ­Jonas Dassler („Der Goldene Handschuh“) hat „das zum Glück noch nie selbst erleben müssen“, aber auch er bedauert, „dass kommerzielle Produktionen, die von vorne­herein ein Riesenpub­likum ansprechen wollen, inzwischen gern mal auf Influencer setzen, die schon ihre zig tausend Fans mitbringen.“

Rollenvergabe nach Anzahl der Follower – was bedeutet das für den Beruf der Schauspielenden? Geht für sie bald gar nichts mehr ohne nennenswerte Social-Media-Präsenz? „Wenn eine Schauspielerin oder ein Schauspieler nur im Arthouse-Bereich oder Thea­ter arbeiten will, geht es zumeist auch ohne Social Media“, sagt Bo Rosen­müller, „doch in dem Moment, wo man kommerzieller und internatio­naler arbeiten möchte, ist es schon wichtig. ­Social Media ist nicht mehr wegzudenken aus der Branche.“

Wie macht das Lars Eidinger?

Rosenmüller hat als Casterin 20 Jahre lang Rollen in über 60 Spielfilmen und gut 200 Serienepisoden wie „SOKO Wismar“ sowie mehrere „Tatorte“ besetzt. Sie kennt sich aus in der Branche, hat als Creative Producer und zuletzt für eine ­Social Media Agentur gearbeitet und eine Webserie mitentwickelt. Nun führt sie ihr Wissen aus der digitalen Welt mit ihren Erfahrungen als Casterin zusammen und hat im März die Online-Plattform „Get That Role“ gegründet.

In einem 20-teiligen Video-Workshops gibt sie mit der Hilfe von Experten wie dem in Theater wie Kino gleichermaßen erfolgreichen Schauspieler Samuel Finzi oder dem Schauspiel-Coach Wolfgang Wimmer Schauspielerinnen Tipps und vermittelt Grundwissen über die Rolle der Agenturen, der Gagen, des Castings, der Kommandos am Set – Dinge, die Schauspielschulen bislang kaum vermitteln. Ein Kapitel widmet sie dabei den neuen Anforderungen durch Social Media.

Rosenmüller sieht darin eher eine Chance. „Schauspielenden erwachsen dadurch auch tolle Möglichkeiten – nicht nur darauf zu warten, dass jemand mit einem Angebot anruft, sondern selbst aktiv zu werden“, meint sie. „Wenn du drei Wochen sitzt und nichts zu tun hast, dann tu was, schreib, mach, drück dich aus! Wenn du mit der nötigen Technik nicht umgehen kannst, mach einen Kurs! Die Möglichkeiten sind groß, dein eigener Redakteur zu sein. Nutz sie!“

So, wie es die Castorf-Schauspielerin ­Thelma Buabeng getan hat. Im Zorn über ausbleibende oder ewig stereotype Rollenangebote produzierte die Tochter ghanaischer ­Eltern auf YouTube ihre eigene ­Comedy-Serie „Tell Me Nothing from the Horse“ , in der sie in verschiedenen Rollen Alltagsrassismus parodiert. „Obwohl der Kanal nur eine kleine Reichweite besaß, hatte sie ihre Zielgruppe – Produzenten, ­Regisseure, Caster – erreicht. Plötzlich kriegt sie super Rollen angeboten“, resümiert Rosenmüller.

Tatsächlich ist Selbstvermarktungsdruck für Schauspielerinnen nichts ­Neues, man brauchte schon immer aktuelle Fotos und ein Showreel, also Arbeitsproben in Film­ausschnitten. Allerdings warnt Rosenmüller: „Die benötigte Energie, um eine wirklich relevante Reichweite aufzubauen, ist enorm. Doch man muss seinen eigenen Zugang dazu finden, und bevor sich jemand damit wirklich quält, rate ich dazu, es nicht zu machen, denn das sieht man dann auch den Postings an. Es braucht einen Plan und einen eigenen Stil und Weg, denn der Schauspieler ist der Kreative und weiß, woraus er schöpfen kann – das gilt es zu erzählen, vielleicht in einem ganz anderen, eigenen Blick auf die Welt, ohne dass er unbedingt sein Privatleben zeigen muss.“

So wie es etwa Lars Eidinger macht, der seine kreativen Instagram-Schnappschüsse (95.800 Followerinnen) inzwischen gar als Kunst ausstellt. Oder Pegah Ferydoni. Sie zeigt auf Instagram (12.300 Abonnenten), welche Komödiantin in ihr steckt: „Was ich da mache, sind schon kleine spontane Sketche. Ich bekomme da viele positive Rückmeldungen. Und das ist das Beste, was man in unserem Beruf machen kann: anderen eine gute Zeit zu geben.“