Dokumentarfilm

„Havarie“ im Kino

Philip Scheffner erzählt in „Havarie“ von der Flucht über die Meere

Foto: Real Fiction Filmverleih
Foto: Real Fiction Filmverleih

Ein Jahr, nachdem Philip Scheffners „Havarie“ auf der Berlinale lief, sind die Bilder überfüllter Flüchtlingsboote aus der alltäglichen Berichterstattung verschwunden. Die Aufmerksamkeit gilt nun der Angst vor dem Zuzug Fremder. „Havarie“ lenkt den Blick zum richtigen Zeitpunkt zurück auf die gefährlichen Fluchtwege auf Europas Meeren. Dazu geht der Filme­macher ähnlich vor wie bereits in „Revision“ – seiner Recherche über den Tod zweier Rumänen – und lässt sich von einem Schlüsselbild leiten: Hier ist es das unscharfe Bild eines im Meer treibenden Bootes mit einer Gruppe Menschen, es füllt den gesamten Film.
Zu Grunde lag der Handyfilm, den ein Passagier eines Kreuzfahrtschiffes machte. Keine vier Minuten dauert die Szene der Begegnung auf dem Meer, die Scheffner auf 90 dehnt. Ungefähr so lange brauchte es, bis ein Rettungskreuzer eintreffen sollte, so ist es dem Funkverkehr zwischen Küstenwache und dem Kapitän zu entnehmen. Der Funk ist Teil einer spannend komponierten Tonspur, die die Bildszene mit Informationen und Assoziationen füllt. Zu hören sind Aussagen des Kapitäns sowie des Touristen, der filmte, außerdem der Seeleute eines Containerschiffs.
Demgegenüber stehen Stimmen eines Algeriers, der die weitere Geschichte der Männer auf dem Boot kennt und von der eigenen Flucht übers Meer berichtet. Als kollektives Thema prägt sich das Warten ein: auf die Zulassung von Visa, die Rückkehr zum Heimathafen oder das Ende des Krieges, etwa in der Ukraine. Die unnachgiebige Bildszene wird so zum Kristallationspunkt für Gefühle von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, die sich in Scheffners poetischer Engführung beklemmend überschneiden.

Havarie D 2016, 93 Min., R: Philip Scheffner, Start 26.1.

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