Theater und Bühne in Berlin

„Hedda Gabler“ am DT mit Nina Hoss in der Hauptrolle

Nina Hoss spielt zum Abschied vom Deutschen Theater Ibsens "Hedda Gabler" in Stefan Puchers Regie

HeddaGablerDiese Frau langweilt sich. Sie langweilt sich von der ersten Szene an bis kurz vor ihrem Selbstmord. Sie versteht es, sich auf das allereleganteste zu langweilen und die lächerlichen männlichen Kreaturen, die um sie herum stolzieren, mal huldvoll anzulächeln, mal kokett zu betören. Und sie selbstverständlich schon aus Gründen der Stilsicherheit und um nicht in Gefahr zu geraten, auf das arg durchschnittliche Niveau ihrer Umgebung herabgezerrt zu werden, kühl zu verachten. Diese so überhaupt nicht mondäne oder auch nur halbwegs elegante Umgebung, irgendwo in der Rechtschaffenheitstristesse der Kleinbürger-Provinz, diese Ehe mit ihrem bestenfalls liebenswert vertrottelten Gatten, ist ein Rahmen, der ganz offenbar entschieden zu klein und zu glanzlos ist für Hedda Gablers Träume von einem großen, berauschenden, aufregenden Leben.

Diese Provinz-Diva im Spießerkokon ist mit Nina Hoss bestens besetzt. In Ibsens Bürgerwelt macht sie erst eine etwas komisch verstiegene, dann eine an den eigenen Überspanntheiten verunglückte Figur. Stefan Pucher inszeniert Ibsens „Hedda Gabler“ am Deutschen Theater erfreulicherweise nicht im an der Schaubühne beliebten Stil des sozialkritischen, ordentlich psychologisch-realistischen Fernsehspiels, sondern als schön spöttische Pop-Parodie auf die geplatzten Träume vom Glamour und Glanz. Nur die kleine Welt, aus der sich Hedda herausträumt, ist noch etwas komischer als die Posen ihrer Kleinstadt-Grandezza.
Schon die erste Szene macht das auf das Lustigste klar, wenn sie die jovialen Bürger nicht wie genreüblich als interessante, zur ambivalenten Identifikation einladende Charaktere oder auch nur Charaktermasken zeigt, sondern als in ihrem ausgestellt hölzernen Overacting prächtig hohle Knallchargen der Extraklasse, ein Genre, in dem vor allem Felix Goeser als Hedda-Gatte Tesman und die stoische Margit Bendokat als seine Tante zu loben sind. Auch das Bühnenbild der ersten Szene (Bühne: Barbara Ehnes), schwere Holzbalken- und Mief-Atmosphäre, lässt keine Zweifel an der Lächerlichkeit der geistig wie emotional arg beengten Verhältnisse, was sich selbstverständlich auch nicht ändert, als Pucher bei Dekor und Kostümen von Ibsens 19. Jahrhundert mal schnell in die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts und den arrivierten Bürger-Pop dieser Jahre samt roten Panton Chairs, einer Wand wie in der alten „Spiegel“-Kantine und grellen gemusterten Nylon-Kleidern wechselt.

HeddaGablerAuch in den bunt aufgepoppten Zeitgeist-Fassaden, die mit Modernitäts- und Hedonismus-Appeal die Enge und soziale Kontrolle nur schlecht kaschieren können, bleibt die Kleinstadt-Diva Hedda mit ihren narzisstischen Wünschen nach Gefühlen bigger than life ein Fremdkörper. Nur logisch, dass sie sich in Monroe-Posen und die Bilderwelten des klassischen Hollywood-Kinos träumt, vom lasziven Vamp in Schwarz-Weiß bis zur Westernbraut, Bilder, die wie eine imaginäre Parallel- und Wunsch-Identität über die Wände flackern. Was sish auch im dritten Bild, einer Konzertbühne, nicht ändert. Sehr komisch ist auch, wie in diesem durch und durch künstlichen, antinaturalistischen Pop-Setting die anderen Figuren, Alexander Khuon als verkrachtes Genie Lövborg, Bernd Moss als klebriger Kleinstadt-Casanova, ungebrochen grobklotzig aufmarschieren.

Weil Nina Hoss mit dieser Hedda fürs Erste ihren Abschied vom Deutschen Theater nimmt, um zur Schaubühne zu wechseln, hat man an diesem Abend viel Zeit und Gelegenheit, über das Verhältnis zwischen strahlendem Diventum und glamourfreie Umgebung nachzudenken, wobei es vermutlich überinterpretiert und etwas uncharmant wäre, eines der Häuser der bürgerlichen Rechtschaffenheit des ersten Bildes und das andere dem Biedermeier-Pop des zweiten Bildes zuzuordnen.      

Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair
tip-Bewertung: Sehenswert

Hedda Gabler
Deutsches Theater,
z.B. So 26.5., 18 Uhr, Mi 29.5., 20 Uhr,
Karten-Tel. 28 44 12 21

 

 

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