Kultur & Freizeit in Berlin

Heinrich Strößenreuther – Der ?Verkehrsdenker

Mit ungewöhnlichen Aktionen hat Heinrich Strößenreuther der Vorherrschaft des Autos den Kampf angesagt. In diesem Jahr zieht er alle Register

Heinrich Strößenreuther - Der ?Verkehrsdenker
Heinrich Strößenreuther – Der Verkehrsdenker Foto: Elena Kashirskaya

Zu radikal. Zu egoistisch. Und ohne reelle Erfolgsaussichten: Als der Berliner Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel, SPD, kürzlich zum geplanten Volksentscheid Fahrrad befragt wurde, wiegelte er ab. Und appellierte flugs an das Besitzstandsdenken der Autofahrer. „Man kann sich nicht über Staus beschweren und gleichzeitig sagen, wir geben alle Straßen nur noch fürs Fahrrad frei“, sagte er gegenüber der Deutschen Presseagentur.

Heinrich Strößenreuther – er hat mit rund 30 weiteren Aktivisten Ende 2015 die Idee zum Volksentscheid Fahrrad angestoßen – lächelt milde, wenn er mit den Bedenken Geisels konfrontiert wird. Zum einen wolle man die Straßen nicht für Radler alleine, sondern nur einen ihrem Aufkommen angemessenen Anteil beanspruchen. Zum anderen findet er es „wenig verwunderlich, dass der Senator sich dagegen positioniert. Man hat Angst um Wählerstimmen.“

Strößenreuther, ein Wirtschaftsinformatiker und Umweltmanager, der für Greenpeace und öffentliche Verkehrsbetriebe neue Konzepte erarbeitet hat, rüttelt seit 2013 mit seiner Initiative Clevere Städte – die „Taz“ nannte diese halb bewundernd, halb ironisch „eine Art fahrradpolitische Ich-AG“ – an der Selbstzufriedenheit von Autofahrern. So entwickelte er die Falschparker-App, mit der Kraftfahrzeuge, die etwa auf Radwegen parken, gemeldet werden können. Der „Internationale Falschparker-Tag“, an dem Fahrradfahrer mit ihren Bikes den Verkehr wie sonst Autofahrer behinderten, folgte. Außerdem die „Cycling Unites Tour“, eine Fahrraddemo mit Rabbinern und Imamen.

Allen diesen ungewöhnlichen Aktionen war jeweils ein großes, überregionales Medieninteresse beschieden. Strößenreuther drückt plakativ aus, was die in den vergangenen Jahren rasant gewachsenen Massen an Radfahrern fühlen: Wir werden als Verkehrsteilnehmer nicht ernst genommen. Für uns wird zu wenig investiert. Wir sind zu vielen Gefahren ausgesetzt. Entsprechend wurde für den Volksentscheid Fahrrad ein Zehn-Punkte-Plan erarbeitet, der das Fahrrad in der Hauptstadt zu einem angenehmen, sicheren Verkehrsmittel für jedermann machen soll. So werden „Radschnellwege für Pendler“, eine „grüne Welle fürs Fahrrad“ oder „sichere Radspuren für jede Hauptstraße“ gefordert.

Um den Volksentscheid Fahrrad in Gang zu bringen, müssen nun zwischen April und September 20.000 Unterschriften von wahlberechtigten Berlinern gesammelt werden. Ein Klacks, findet Strößenreuther, der mit seinen Mitstreitern zum Unterschriftensammeln Events wie die Velo Berlin, die Fahrradsternfahrt, aber auch Verkehrsknotenpunkte wie die Jannowitzbrücke, die täglich von bis zu 11.000 Radlern passiert wird, ansteuern will. „Eine andere Nummer“ seien die 170.000 Unterschriften, die anschließend innerhalb von nur vier Monaten gesammelt werden müssten. In Kooperation mit Verbänden und Vereinen wie dem ökologischen Verkehrsclub Deutschland glaubt Strößenreuther aber, auch diese Hürde überwinden zu können. Zumal weitere publikumswirksame Aktionen geplant sind.

Doch was, wenn der Volksentscheid Fahrrad spätestens im angepeilten Entscheidungsjahr 2017 an der Wahlurne scheitert?
Ein Zurück zur unangefochtenen, alten Vormachtstellung des Autos wird es trotzdem nicht mehr geben. Die einmal angestoßene, in breite Bevölkerungskreise reichende Diskussion wird ein Meilenstein in Sachen Bewusstseinswandel werden. Auch bei Menschen, die sich bislang noch nicht aufs Rad trauen. Ein Wandel, der sich auch bei Landtags- und Bundestagswahlen bemerkbar machen wird.

Text: Eva Apraku

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