Neoimpressionismus

Henri-Edmond Cross im Museum Barberini

Die Befreiung der Farbe: Andere sind zum Nordpol gewandert, Henri-Edmond Cross hat seinen Mut in die Erforschung der Farbe gesteckt. Das Museum Barberini stellt den Neoimpressionisten vor

Henri-Edmond Cross / Courtesy National Gallery of Art, Washington

Der bekannteste Vertreter des häufig etwas spitz auch als Pointillismus bezeichneten Stils des Neoimpressionismus, den die Künstler selbst deutlich treffender als Divisionismus, also Zerlegung in einzelne Teile und Farben bezeichneten, sind sicher Georges-Pierre Seurat und Paul Signac. Aber dann kommt schon der heute in Deutschland außer in Fachkreisen vergessene Henri-Edmond Cross (1856–1910), der insbesondere gegen Ende seiner Schaffenszeit mit einem geradezu waghalsigen Mut zur Farbe neuen avantgardistischen Strömungen in der Malerei den Weg bahnte.

Diesem Henri-Edmond Cross widmet das Potsdamer Museum Barberini dessen erste große institutionelle Einzelausstellung in Deutschland überhaupt. Dies ist umso beachtenswerter, bedenkt man die ursprünglich starke Präsenz von Cross in den deutschen Museen und Privatsammlungen wie jener von Harry Graf Kessler, der Cross für die deutsche Kunstszene sozusagen entdeckte. Mit dem dritten Reich und der Einstufung von Cross Werken als „entartet“ verkauften die meisten deutschen Museen die Werke des Künstlers. Cross fiel dem Vergessenheit anheim. Nun überzeugt das Barberini mit dieser Wiederentdeckung und einmal mehr mit seinem intelligentem Programm, das neben Publikumserfolgen wie der Gerhard Richter Ausstellung (150.000 Besucher) auch für Entdeckungen gut ist, wie sie beispielsweise die Ausstellung „Von Hopper bis Rothko. Amerikas Weg in die Moderne“ in großem Umfang geboten hat.

Die passend zu Cross’ Werken „Farbe und Licht“ benannte Ausstellung versammelt Werke aus allen Schaffensperioden und ordnet diese zu einer eher linearen Retrospektive. So lässt sich der in Farbwahl und Maltechnik immer weiter radikalisierende Stil des Künstlers nachvollziehen. Neben den Gemälden werden auch das zeichnerische Werk und seine bezaubernden Aquarellarbeiten vorgestellt.

Sind frühe divisionistische Arbeiten von Cross noch tatsächlich der Technik Seurats verhaftet, die Landschaften, Ansichten, Szenen in dicht aneinandergesetzte Farbpunkte auflöste, weichen die Punkte später kräftigen, manchmal geradezu pastosen Farbstrichen. Die Farbpalette entfernt sich nach und nach von der gesehenen Natur und ersetzt diese durch die vom Maler beim Motiv sozusagen gefühlten Farben. Hierdurch lösen sich die Farben mehr und mehr vom Gegenstand und von einer beschreibenden Rolle und werden autark, sind Farbe als Farbe, als Erlebnis- und Empfindungsraum. Lediglich den letzten, ultimativen Schritt hin zur Abstraktion ging Cross nicht.

Im Zentrum des Schaffens von Henri-Edmond Cross stehen die Landschaften der französischen Mittelmeerküste mit ihren lichtdurchfluteten Tagen. Manche sind von Menschen oder mythologischen Wesen behaust, oft kommen die Landschaften aber auch ganz ohne belebtes Beiwerk aus. Herauszuheben ist das spätestens 1892 entstandene Gemälde „Les Iles D’Or“. Es vedeutlicht die stetige Entwicklung des Stils, die das Gesamtwerk durchzieht, und nimmt spätere Tendenzen vorweg. Hier ist die Farbe, das Ineinander von Meer und Himmel und Sand mit den sich zart abzeichnenden Silhouetten der vorgelagerten Inseln viel präsenter und greifbarer, als das eigentlich Dargestellte, der Blick übers Meer auf die goldenen Inseln.

Museum Barberini Alter Markt, Humboldtstr. 5-6, Potsdam, Mi–Mo 10–19 Uhr, 17.11.-17.2.2019, Eintritt 14/ erm. 10 €

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