Alternative Folk

The Hidden Cameras: Flucht in die Klassiker

Die Hidden Cameras um Kopf und Teilzeit-Berliner Joel Gibb verbeugen sich vor Nordameras Folk- und Country-Ära

Joel Gibbs Heimatland ist schwer gefragt: In Kanada, wo der Mastermind der Hidden Cameras 1977 geboren wurde, ist kürzlich die Webseite der Einwanderungs­behörde zusammengebrochen. So stark war der Andrang ausreisewilliger US­-Bürger nach Trumps Wahlsieg. Was derzeit in den USA geschieht, bezeichnet Gibb im Interview als „Reality-TV-Albtraum“. Den verfolgt er aus der Nähe, da er nach vielen Jahren in Berlin wieder nach Toronto gezogen ist.
In Berlin galt der Sänger, der sich für den Stil der Hidden Cameras mal das drollige Label „gay church music“ ausdachte, als feste Größe der Queer­Kultur. Er legte gern als DJ
auf oder half bei Freunden wie Peaches aus. Komplett hat der Kanadier die Zelte in Berlin aber nicht abgebrochen. „Ich bin wie ein Jo­Jo, das im Zeitlupentempo zwischen den
beiden Städten pendelt“, sagt er. Überhaupt sei „Heimat“ für ihn „weniger ein geografischer Ort als ein Zustand meines Denkens und Fühlens. Berlin ist für mich in vielerlei
Hinsicht ‚Heimat‘. Der Nebel hier zum Beispiel kann etwas Tröstliches haben, genauso wie die oft krassen Realitäten.“
„Home On Native Land“, das jüngste Album, das Gibb unter der Flagge der Hidden Cameras aufgenommen hat, ist eine Verbeugung vor der alten und neuen Heimat
Kanada. „Meine Würdigung gilt in erster Linie der Musik als etwas, was uns trösten kann in Zeiten wie diesen“, sagt er. „Für mich bot diese Platte zudem eine Gelegenheit, um einmal Instrumente zu benutzen wie Pedal Steel und Banjo und meinen Songs den idyllischen Rahmen von Country­-Folk und Blues zu geben. Mir war nach diesem nostalgischen
und hellen Gefühl.“

Melodieprall wie lange nicht

Für die warmen Töne des neuen Albums taucht Gibb in den Soundtrack seiner Studienjahre in den 90ern ein. „Ich habe damals die 60er und 70er für mich entdeckt, was absolut prä gend war. Meinen Abschluss in Semiotik machte ich, während ich Scott Walker, Nick Drake und Joni Mitchell hörte.“
„Home On Native Land“ ist auf diese Weise das melodieprallste Album des Kollektivs seit langem. Veredelt von Chorharmonien aus den Kehlen illustrer Freunde wie Feist oder Ron Sexsmith strahlen die Songs eine Intimität aus, die Assoziationen an eine harmonische Lagerfeuer-Truppe weckt.
Neben zarten eigenen Songs wie dem Trennungs-Sing-along „Twilight of the Season“ hat der 39­Jährige auch nordamerikanische Klassiker neu interpretiert, darunter Wade
Hemsworths Flößer­-Ballade „The Log Driver’s Waltz“ von 1979. Auf der Plattenhülle posiert Gibb stilecht als Holzfäller mit entblößter Brust – die übliche Selbstironie, verkuppelt
mit „Brokeback Mountain“­-Romantik.
Als geborenen Naturburschen würde sich Gibb aber nicht bezeichnen: „Mich hat es, seit ich denken kann, immer in die Stadt gezogen“, bekennt er. „Dabei ist es die Natur
und die unglaubliche Weite, die Kanada im Wesen ausmachen und mich auch anziehen. In der Natur zu sein, das bedeutet mir heute viel mehr als früher, und es wird wichtiger werden, je älter ich werde.“ Abschließend reflektiert der Songwriter den Tod eines der größten Künstler Kanadas. „Ich habe in der Vergangenheit viel an Leonard Cohen gedacht“, sagt er, „Er wird uns fehlen. Schwer zu fassen, dass er so kurz nach Trumps Wahlsieg gestorben ist, und dann auch noch ein Album hinterlässt mit dem Titel: ‚You Want it Darker‘.“ Die bittersüße Weltflucht, die Gibb mit seinen Country­-Songs betreibt, erscheint im Moment intuitiv als goldrichtiges Manöver.
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Wir verlosen 5×2 Freikarten für das Konzert der Hidden Cameras am 5.12. im Musik & Frieden. Schickt eine E-Mail mit dem Betreff „Hidden Cameras“ an geschenkt@tip-berlin.de