Berliner Autor

Hilmar Klute über seinen neuen Roman

Rebellentum mit ethischer Komponente: Hilmar Klute hat einen Entwicklungsroman geschrieben, der ­– so ein Zufall – in den 80er-Jahren in Berlin spielt

Hilmar Klute. Foto: Jan Konitzki

Hobbydichter Volker wird mit anderen Nachwuchspoeten nach ­West-Berlin eingeladen. Zwischen Selbstzweifeln und Höhenflug taumelt der Protagonist in ­Hilmar Klutes Debütroman „Was dann nachher so schön fliegt“ durch die geteilte Stadt; das gerade eröffneten Literaturhaus, die ­legendären Kneipe Zwiebelfisch oder das Grab von Kleist. Warum wieder West-Berlin? Wir haben beim Autor nachgefragt.

tip Eine vielleicht provokante Frage gleich zu Beginn: Braucht es denn noch einen Berlin-Roman?
Hilmar Klute Für mich ist das nicht wirklich ein Berlin-, sondern eher ein 80er-Jahre-Roman, viele Szenen spielen schließlich auch im Ruhrgebiet oder Frankreich. Dass Volker in West-Berlin landet, ist dem Zufall geschuldet. Es geht um einen jungen Mann, der Schriftsteller werden möchte, aber in der Zwangssituation des Zivildiensts gefangen ist. Ich würde das Buch eher als Entwicklungs­roman bezeichnen.

tip Und doch wirkt Berlin wie ein magischer Ort: „…in jedem Hauseingang vermutete ich eine rasende Geschichte.“ Woher rührt diese ungebrochene Faszination für Berlin, vor allem West-Berlin, vor der Wende?
Hilmar Klute Diese Faszination rührt für Volker vor allem aus der neuen Städteerfahrung, die er, der 20 Jahre lang Bochum so gut wie nie verlassen hat, macht. Das Ruhrgebiet ist zwar ein Städte­konglomerat, aber trotzdem provinziell. Berlin eignete (und eignet) sich gut als Projek­tionsfläche für alle Fantasien, es war politisch, wild, und in ebendiesen Häusern fanden ­viele Geschichten statt.
Die Faszination für Berlin gab es immer, auch in den 80ern, nein: gerade in den 80ern. Allerdings war das West-Berlin, wie ich es damals erlebt habe, gar nicht so furchtbar aufregend, nicht, um es überspitzt zu sagen, das pralle Berghain-Leben wie heute, sondern eher das, was sich ein braver Mensch unter einer wilden Stadt vorstellte.

tip Warum haben Sie sich für die Perspektive eines jungen Mannes entschieden, der West-Berlin zum ersten Mal sieht?
Hilmar Klute Sie werden es ahnen: Der Roman ist leicht autobiografisch. Der Protagonist ist zwar ­erfunden, hat aber Züge von mir, von meinem Erfahrungshintergrund; ich wollte nicht aus der Sicht einer erfolgreichen Figur erzählen, die genau weiß, wo es langgeht, sondern lieber den Blick des Besuchers einnehmen. Das Ruhrgebiet war eine komplett kulturfreie Zone, alles war trist und traurig, und wir dachten: Woanders muss es mehr abgehen.
Ich war in den 80ern zwei, drei Mal in Berlin. Als Neuankömmling staunte man über die Menschen dort, das Inselleben, die Tatsache, dass man keinen Zivildienst leisten musste. Mir ging es wie Volker im Roman: Ich wollte mich gar nicht komplett verweigern, sondern etwas für die Gesellschaft tun – den Wehrdienst zwar verweigern, dafür aber als Zivi arbeiten. Rebellentum mit ethischer Komponente, wenn man so will.

tip Wann sind Sie denn nach Berlin gezogen?
Hilmar Klute Ach, erst vor vier Jahren! Für mich war München der Sehnsuchtsort, meine Berlin-Faszination war gar nicht so stark. Und doch war es toll, die Stadt zu besuchen, die ganzen Schriftsteller wie Heiner Müller ­beispielsweise zum ersten Mal zu sehen.

tip An einer Stelle heißt es: „Das Traurige war, dass wir Jungen ihren verlassenden Weltbildern keine frischen gegenüberstellen konnten.“ Wie viel Aktualität schwingt mit?
Hilmar Klute Das ist eine schwierige Frage. Heute braucht man nicht mehr die Weltbilder von damals, als man klar zwischen links und konservativ Denkenden unterschieden hat. Es ist schwieriger geworden, man muss nicht nur Weltbilder, sondern auch demokratische Prinzipien verteidigen. Damals war das eher ein Spiel mit Ideologien, heute geht es ans Eingemachte, die Demokratie steht auf dem Spiel und alle, die sich äußern, sind gefragt, Position zu beziehen und sie zu verteidigen.

tip Am Ende des Romans wirkt Volker desillusioniert von Berlin und vor allem den Menschen, es fühlt sich ein wenig an wie der Kater am Morgen danach …
Hilmar Klute Ja, sowas kann passieren, wenn man das ­Urbane, Hedonistische, wofür Berlin damals stand, im Übermaß hat. Volker wird alles zu viel, schließlich will er nur schreiben, sich auf seine Gedichte konzentrieren. Er hat Berlin im Schnellspülgang durchlebt und gesehen, dass nicht all diese Angebote taugen, und freut sich deswegen, in die Idylle zu kommen. Zu diesem Punkt muss man erstmal kommen: Er hat eine Odyssee hinter sich, hat versucht, die Gruppenerfahrung zu machen und merkt am Ende, dass er nur sich selbst braucht.

Interview: Isabella Caldart

Was dann nachher so schön fliegt von Hilmar Klute – Galiani, 368 Seiten, 22 Euro

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