Stadtleben und Kids in Berlin

Holger in\t Veld über Schokolade und seine Insolvenz

Der Berliner Schokoladenladen-Pionier Holger in’t Veld hat ein Buch geschrieben – und musste zeitgleich zur Veröffentlichung mit seinem Geschäft Insolvenz anmelden. Was das heißt und wie es mit seiner Schokoladenvision weitergeht, schreibt er selbst

Holger_int_VeldIch bin kein Berliner. Der von Zugezogenen gern affirmierten „Schnauze“ kann ich ebenso wenig abgewinnen wie dem Imperativ, „Klartext“ zu sprechen, oder der fehlgeleiteten Vorstellung, dass weniger mehr ist und die einfachen Dinge die besten sind. Um es mit Max Goldt zu sagen: Wozu hat sich die Menschheit durch tausende Jahre gequält? Um an rohen Kartoffeln zu ersticken?
Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine Ausnahme betrat, nein, stürmte am Tag vor der Schließung „meinen“ Schoko-Laden in der Raumerstraße 36, um sich ohne Begrüßung vor mir aufzustellen. „Nun hamse die Insolvenz doch nich abgebogen bekommen“, blaffte die resolute Dame mittleren Alters. „Wolltense meine Hilfe wohl nich?“

Ich habe kein Interesse daran, die Details des wirtschaftlichen Scheiterns des von mir geführten Unternehmens in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Wir schreiben die Post-Blasen-Zeit, und auch wenn verwirrte Geis­ter bis ans Ende aller Tage weiter Ballons mit heißer Luft füllen werden, sollte doch spätestens nach Lehman, Porsche, HypoReal und Merck jeder wache Zeitgenosse verstanden haben, dass Wirtschaft genauso sehr mit Kommunikation, Hybris, Missgunst und Müdigkeit zu tun hat wie alle anderen sozialen Verwicklungen auch.
Im Dezember 2002 habe ich mit familiärem Eigenkapital den in’t-veld-Schoko-Laden in der Dunckerstraße 10 eröffnet. Der Laden war, wie die gesamte Straßenzeile zum Helmholtzplatz – mit Ausnahme einer kleinen Kneipe und der legendär abgeranzten Videothek „Negativeland“ im Nebengebäude – wirtschaftliches Brachland, es gab keinen Vorbetreiber, das Gebäude war unsaniert. Noch vor Weihnachten hatten wir mit einem bis dahin ungesehenen Sortiment an internationaler Qualitätsschokolade die gesammelte Boulevardpresse und einen Kessel bunter Zaungäste im Haus.

Auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte, ging es im ers­ten Jahr kaum um Schokolade, sondern um Effekte: um das als Kunst wahrgenommene Spektakel einer Neu-Verortung vermeintlicher Luxusprodukte in einer unluxuriösen Ecke Berlins, um ungewöhnliche Zutaten und Verpackungen. Modern gestaltete Tafeln mit Rosa Pfeffer, Schweinsgrammeln, Frischkäse und Cayenne-gepfefferte Cowgirl-Bags aus Moscow, Idaho, verkauften sich wie geschnitten Brot und ermöglichten mir, das Sortiment so weit zu verfeinern, bis ich Mitte 2004 jeden weltweit relevanten Qualitätshersteller in diesen 40 Quadratmetern versammelt hatte und der Meinung war, nunmehr zwei Schritte gleichzeitig tun zu können: in den von einer erfolglosen Gastronomie verlassenen Räumlichkeiten nebenan ein Kakao-Cafe zu eröffnen und parallel aus meinem Schiffs-Logo eine eigene Marke zu machen.
Nun hat der Mensch nur zwei Beine, und wer so etwas tut, sollte sehr sportlich, finanziell solide aufgestellt und von einem guten Team umgeben sein. Keine dieser Voraussetzungen traf jedoch bedingungslos zu, und so verstolperte sich das kleine, aber material- und personalintensive Unternehmen immer mehr, bis wir unser Heil in einem weiteren Schritt nach vorn sahen, und diesen Schritt in eine eigene Manufaktur mit der Umfirmierung in eine kleine AG fundierten. Dazu kam ein weiterer, in vertraglich ungebundener Kooperation eröffneter Laden am Winterfeldtplatz, der für das eigene Geschäft deutlich mehr Arbeit als Einkommen bedeutete. Ab Mitte 2008 wurde schließlich zurückgerudert: erst musste ich das Cafй zumachen, dann präsentierte sich der Schöneberger Kooperationsladen mit eigenem Logo.

Zwei Faktoren machten aus der Schieflage des Schokoschiffs endgültig eine Seenot: die Wirtschaftskrise ließ die über vier Jahre auf gutem Niveau stabilen Umsätze im Stammhaus Duncker­straße um ein Drittel einbrechen, und Unachtsamkeit führte dort im späten Frühjahr 2009 zur Kündigung, wodurch wir das Restjahr nur mit der Ende 2008 in letzter Hoffnung eröffneten Filiale in der Auguststraße bespielen mussten – deutlich zu wenig Präsenz und Umsatz für die Kosten einer eigenen Manufaktur. Hat der Sog aus Mahnungen, Ratenzahlungen und Zinseszinsen erst einmal begonnen, ist er sehr schwer zu stoppen, vor allem, wenn man als produzierendes Gewerbe kaum an Fixkosten sparen kann.
Eine Insolvenz ist keine Spaßveranstaltung…

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Text: Holger in’t Veld
Foto: Uwe Schwarze

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