Lesungen und Bücher in Berlin

Holm Friebe und Philipp Albers im Gespräch

Die Trendexperten Holm Friebe und Philipp Albers über die ersten zehn Jahre ihrer Zentralen Intelligenz Agentur, Subversionsfallen, 23 Chromosome und ihr Buch "Was Sie schon immer über 6 wissen wollten".

Friebe_Alberstip: Auf der Webseite der Zentralen Intelligenz Agentur weist ein Balken Ihren aktuellen Anteil an der Weltherrschaft mit vier Prozent aus – das aber schon seit geraumer Zeit. Stagniert also die ZIA?

Holm Friebe:?Das ist gerundet. In Wahrheit sind es schon 4,35 Prozent.

tip: Die ZIA hatte gerade ihr zehnjähriges Jubiläum. Einige vom Anfang sind nicht mehr dabei. Kathrin Passig, die vor fünf Jahren die ZIA mit ihrem Bachmannpreis richtig in die Schlagzeilen brachte zum Beispiel …

Friebe:?Der harte Kern – Martin Baaske, Philipp Albers und ich – ist noch derselbe. Die Frage war nur: Wer hat Lust auf das Unternehmerische, und wer findet andere Sachen spannender? Radio zum Beispiel.

tip: Wieso hat das ursprüngliche Konzept des virtuellen Freiberufler-Netzwerkes, journalistische Texte kollektiv an Medien zu vermarkten, nicht lange gehalten?

Philipp Albers:?Es scheiterte an den niedrigen Preisen in dem Segment. Nach drei Monaten haben wir gesehen, dass sich das in der Buchhaltung nicht besonders positiv niederschlägt. Das Geschäftsmodell hat sich zwar mehrfach gehäutet, aber im Grunde ist es immer noch so, dass wir uns Sachen ausdenken – man kann es Content nennen, Konzepte, fixe Ideen – und versuchen, sie an den Mann zu bringen.

tip: Wie einige ZIA-eigene Veranstaltungsreihen.

Friebe:?Wir haben immer ein Zweisäulenmodell beherzigt, wo wir Dinge, von denen wir finden, dass es sie geben müsste, selber ausprobiert haben. Die Bunny Lectures, die Riesenmaschine, Powerpoint Karaoke. Mit dem, was wir daraus gelernt haben, wurden wir zu Dingen inspiriert, wo es Kunden gibt, die bereit sind, dafür gutes Geld zu bezahlen.

tip: Solvente Kunden wie Daimler. Geht an den Fleischtöpfen der Wirtschaft etwas von der, sagen wir: subversiven Ironie verloren?

Friebe:?Ja, und das ist auch gut so. Weil wir mit Subversion sowieso nie viel am Hut hatten, aber vielleicht aufgrund des etwas ironischen Markendesigns dieser Eindruck entstand und sich hartnäckig gehalten hat.
Albers:?Der Antrag zur Subversion kam eigentlich immer aus dem Kultur-Establishment. Wie das Nationaltheater Mannheim, das sagt: Schreibt uns auch mal ein subversives Erfolgsstück, so wie Ihr das beim Bachmannpreis gemacht habt.

tip: Gibt es eine Subversionsfalle?

Friebe_AlbersFriebe:?Eindeutig ja. Die schnappt immer dann zu, wenn Subversion mit Staatsknete geordert wird. Da ist es tatsächlich subversiver, für große Konzerne wie Douglas und Daimler zu arbeiten und zu versuchen, da ein bisschen humanistische Aufklärung  reinzutragen.

tip: Bei Ihrem gemeinsamen neuen Buch „Was Sie schon immer über 6 wissen wollten“ denkt man erst mal: Die digitale Boheme macht ein Buch über Zahlen, das kann ja nur um Nullen und Einsen gehen. Sie haben aber ein paar Zahlen mehr gefunden.

Friebe:?Es ist unglaublich guter Partygesprächsstoff. Jeder hat ein anderes affektives Verhältnis zu Zahlen, als es der Mathematikunterricht suggeriert.
Albers:?Uns ging es auch darum, mal die kulturgeschichtliche Bedeutung von Zahlen, Zahlensymboliken, vom Umgang mit Zahlen stärker zu machen.
Friebe:?Zum Beispiel die Initiative 2 Grad: Die bezieht sich auf das Klimaziel (zur Begrenzung der Erderwärmung, Anm. d. Red.). Das hätte vor fünf Jahren noch niemand verstanden. Oder die amerikanische Webseite 23andMe. Da geht es um 23 Chromosome, und dass man sich online seinen Chromosomensatz entschlüsseln lassen kann. Von daher ist dieses zeitlose Thema Zahlen ein enorm bewegliches Trendthema.

tip: Das wird dann eine richtig anstrengende Vorbereitung für ein Partygespräch. Die Buchlektüre ist ja durchaus anspruchsvoll.

Friebe:?Das ist ja häufig so bei Dingen, die wir machen: dass sie dem Kunden oder Leser einiges zumuten, aber man am Ende doch das Gefühl hat, man wird für den Aufwand entschädigt.

tip: Das Buch läuft nicht unter dem Label ZIA. Spielt es trotzdem eine Rolle, dass es von zwei ZIA-Machern verfasst wurde?

Friebe:?Für den Buchhandel immer. Aber tatsächlich haben wir, während wir das Buch schrieben, vieles unmittelbar aufs Kundengeschäft angewandt. Zum Beispiel haben wir einen Trendfarbkreis mit zwölf Trends erfunden, weil wir beim Schreiben Fans der Zwölf wurden – wegen ihrer hervorragenden Teiler-Eigenschaften: durch drei, durch vier.

tip: Was steht überhaupt auf Ihren Visitenkarte: diese lustigen Zuständigkeiten für die „ZIA-Agenten“ von Ihrer Internetseite?

Friebe:?Nein. Die kommen demnächst auch von der Webseite runter.

tip: Bei Holm Friebe liest man: Kommando, Kontrolle und Kommunikation. Bei Philipp Albers: Aufklärung und Gegenaufklärung.

Friebe:?Der Witz hat sich ein bisschen auserzählt. Mittlerweile halten allerdings so viele Leute die Webseite für einen Klassiker, dass wir uns fast scheuen, da ranzugehen.
Albers:?Das ist die schönste Ausrede, die ich bisher gehört habe, warum wir seit ungefähr drei Jahren die Webseite nicht neu gemacht haben.

Interview: Erik Heier

Foto: David von Becker

Holm Friebe?/?PHilipp Albers: „Was Sie schon immer über 6 wissen wollten“ Hanser, 276 Seiten, 17,90?Ђ

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