Kino & Film in Berlin

„How I Ended This Summer“ im Kino

Alexei Popogrebsky erzählt von zwei Männern, die sich auf einer Messstation im fernen Nordosten Russlands in ein tragisches Missverständnis verstricken.

How I Ended This Summer

Es ist eine schreckliche Nachricht, die der junge Meteorologe Pavel seinem älteren Kollegen Sergei ausrichten soll. Sergei ist für ein paar Tage zum Fischen gefahren, und Pavel hütet während seiner Abwesenheit die Messstation auf der einsamen Insel im arktischen Meer, wo die beiden arbeiten. Er übernimmt den routinemäßigen Datenabgleich mit der Zentrale auf dem Festland, und bei einem dieser Funkverkehre kommt er auch an seinen undankbaren Auftrag. Er ist dringend und fürchterlich, aber wenigstens, so denkt man, sind die Zeiten vorbei, in denen der Überbringer einer schlechten Nachricht mit dem Tode büßen musste. Pavel sieht das anders. Pavel fürchtet sich vor Sergei, so wie sich ein sensibler Sohn vor einem harten Vater fürchtet. Und als Sergei zurückkehrt, bringt es Pavel nicht übers Herz und den Mund nicht auf. Aus Angst, Schweigen und Missverstehen entwickelt sich eine sinnlose Eskalation.
How I Ended This Summer„How I Ended This Summer“, den Alexei Popogrebsky nach seinem eigenen Drehbuch inszenierte, ist ein Drama am Ende der Welt. Ein intimes, psychologisches Kammerspiel und ein grandioser, spektakulärer Landschaftsfilm zugleich. Bei der Berlinale wurden 2010 sowohl Sergei Puskepalis und Grigory Dobrygin als Beste Darsteller als auch Kameramann Pavel Kostomarov für Herausragende Künstlerische Leistung mit Silbernen Bären ausgezeichnet. Und dann dauerte es fast zwei Jahre, bis endlich jemand den Mut aufbrachte, diesem schönen und anrührenden Film den Weg ins Kino zu ebnen. Das Schicksal des Beinahe-Verdämmerns in der Warteschleife teilt Popogrebskys Werk mit nicht wenigen künstlerisch ambitionierten und/oder intellektuell herausfordernden Filmen, die in jenem Rest der Welt entstehen, der nicht Hollywood ist. Und wenn sich nicht immer wieder ein kleiner Verleih ein Herz fassen würde – im vorliegenden Fall der Berliner fugu Filmverleih –, unser Bild vom gegenwärtigen russischen Kino wäre bestimmt fast alleine von Timur Bekmambetovs zugegeben ausgesprochen fetzigem „Wächter“-Zweiteiler („Nochnoy dozor“, 2004, und „Dnevnoy dozor“, 2006) geprägt. Auch der 2003 in Venedig immerhin mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete „The Return“ („Vozvrashchenie“) von Andrei Zvyagintsev kam erst nach langer Wartezeit und dann auch nur kurz ins Kino. Und ob Alexander Zeldovichs Science-Fiction-Epos „Target“ („Mishen“), herausragender Beitrag im diesjährigen Berlinale-Panorama, jemals die Gelegenheit erhalten wird, einem größeren Publikum seine metaphysischen Rätsel aufzugeben, steht in den Sternen.
How I Ended This SummerDie Probleme, mit denen sich Sergei und Pavel herumschlagen, sind zunächst konkreter Natur. Misstrauisch beäugt der mit Zettel und Stift an seinen Messinstrumenten hantierende Alte den Jungen mit seinem Laptop, seinem Walkman und seiner Digitaluhr. Die beiden repräsentieren nicht nur unterschiedliche Generationen. Hochschulabsolvent Pavel steht auch für einen Modernisierungsschub, der den altmodischen, proletarischen Stolz des erfahrenen Sergei auf die Arbeit der seit 1935 bestehenden Wetterstation in Frage stellt. Die Lage spitzt sich zu, als zu diesem aus unterschiedlichen ideologischen Positionen zusammengesetzten Konfliktfeld auch noch ein menschliches Drama tritt. In einer Gegend, die so erhaben wie gleichgültig, so unwirtlich wie freigiebig ist – gedreht wurde auf der Polarstation Valkarkai in Chukotka im äußersten Nordosten Russlands –, erhält ihr gemeinsames Aneinander-Versagen eine existenzielle Dimension. Puskepalis und Dobrygin spielen diese hochdramatische Auseinandersetzung mit minimalen Mitteln und äußerst konzentriert, Kostomarovs Kamera verliebt sich derweil in die Landschaft, lockt Lichter, Farben und Strukturen hervor. Dann kommt ein Eisbär vorbei.

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „How I Ended This Summer“ im Kino in Berlin

How I Ended This Summer (Kak ya provel etim letom), Russland 2010; Regie: Alexej Popogrebsky; Darsteller: Grigori Dobrygin (Pavel Danilov), Sergei Puskepalis (Sergei Gulybin); 129 Minuten; FSK 12

Kinostart: 1. September

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