Zeitstück

Hurra, die Welt geht unter: „Let them eat money“ am Deutschen Theater

Die Zukunft wird schrecklich! Glaubt zumindest Andres Veiel mit seinem Ausblick ins Jahr 2028

Foto: Arno Declair

Derzeit schreibe so ziemlich jeder junge deutsche Autor Dystopien, konstatierte Helene Hegemann neulich. Aussichten auf kollabierende Gesellschaften haben als Schauer-Genre mit mehr oder weniger großer diagnostischer Kraft offenbar Konjunktur: Hurra, diese Welt geht unter. Den Trend wollte sich Andres Veiel, einst ein ernstzunehmender Regisseur von Dokumentarfilmen, offenbar nicht entgehen lassen.

Unter dem markigen Titel „Let them eat money“ blickt er am Deutschen Theater in die Zukunft des Jahres 2028. Und siehe da, es ist, wie es sich gehört, eine finstere Zukunft. Allmächtige Digitalkonzerne haben die Macht übernommen, alle wirtschaftliche Aktivität ist auf künstliche Inseln ausgelagert. In den exterritorialen Sonderwirtschaftszonen sind staatliche Regularien außer Kraft gesetzt wie in einem feuchten Traum des Silicon- Valley-Hardcore-Libertären Peter Thiel. Ein kümmerliches Grundeinkommen hat den Sozialstaat erst ausgehöhlt und dann substituiert, Online-Abstimmungen ersetzen den Rechtsstaat, von Arbeitnehmer- und sozialen Bürgerrechten ist sowieso nichts übrig geblieben. Und weil Technik im Denkhorizont wertkonservativer Walddorfschüler und anderer Kulturpessimisten sowieso und seit jeher Teufelswerk ist, leiden die bedauerlichen Bürger des Jahres 2028 unter einem „Nano-Tremor“, seit diabolische Digitalkonzerne mit implantierten Chips ihre Biodaten erfassen. Schlimm, diese modernen Zeiten!

Lustig ist, dass Veiel für die Entwicklung dieser Ansammlung diffuser Zukunftsängsten mehrere Workshops mir Experten- und Bürgerbeteiligung im Humboldt Forum unter tatkräftiger finanzieller Unterstützung der Bundeskulturministerin benötigte. Man kann sagen, er hat weder Steuermittel noch Aufwand gescheut, um alle gängigen Paniken zu illustrieren. Der Blick in einige Sachbücher, zum Thema Technologie als Chance etwa in Steven Pinkers „Aufklärung jetzt“, zum Digital-Kapitalismus in das neue Buch von Shoshana Zuboff, für Zukunftsszenarien in die Bestseller von Yuval Noah Harari und für etwas Durchblick im Allgemeinen in die „Blätter für deutsche und internationale Politik“, hätte Veiel davor bewahren können, mit seiner konfusen Inszenierung leicht reak­tionär den wohlfeilen Technologie- wie Zukunftspessimismus des Manufaktum-Milieus zu bedienen. Zu befürchten ist, dass man das am DT auch noch für zeitdiagnostisch und irgendwie kritisch hält. Das größte Problem dieser Veranstaltung ist nicht, dass sie eine mühsame Kopfgeburt ist. Das Problem ist, dass es sich bei diesem Kopf offenbar um eine schlecht beleuchtete, nicht besonders gut durchlüftete Gegend handelt.

Dieser inhaltlichen Unbedarftheit entspricht das Niveau der Aufführung: Hilfloses Textaufsag-Theater mit lauter leblosen Gestalten, die eher Behauptungen als Figuren sind. Die rührende, unfreiwillig komische Hilflosigkeit des Theaterlaien Veiel im Umgang mit den Mitteln der Bühne, das hochgetunte Gedröhne, die komischen Futurismus-Signale, die hölzerne Leitartikelsprache, die bedauernswerten, von jeder Regie im Stich gelassenen Schauspieler – es ist ein einziges peinliches Elend. Irgendwann sagt jemand auf der Bühne den Satz, der diesen Abend hinreichend charakterisiert: „Weshalb ist das alles so unscharf?“ Gute Frage.

Termine: Let them eat money im Deutsches Theater Schumannstr. 13, Mitte, Karten 5 – 48 €