Theater und Bühne in Berlin

„Hüzün“ im Hau 2

Der Breakdancer Kadir Amigo Memis ist ein Star in der HipHop-Szene. Jetzt inszeniert er im HAU 2 sein Break-Rap-Tanztheater-Stück Hüzün, inspiriert von Orham Pamus "Istanbul"-Buch.

heuzuenBevor ihn die Eltern nach Deutschland holten, hütete Kadir Memis als kleiner Junge in einem ostanatolischen Dorf die Schafe. „Das war mein Glück“, sagt er. „Der Onkel bei dem ich lebte, hatte ein echt hartes Erziehungsverständnis.“ Gehorsam? Prügel? „Das komplette Programm“, kommentiert Memis trocken und mehr ist dazu von ihm nicht zu hören. Beim Schafe hüten war er allein mit den Tieren, er war draußen, es war schön. „In meiner Erinnerung habe ich dort viel gesungen. Um mich war Ruhe, es war still und leer.“ Kadir Memis kommt gerade von den Proben, in ein paar Tagen wird sein neuestes Stück im HAU 2 Premiere haben, „Hüzün“, inszeniert mit Tänzern, Schauspielern und einem Rapper.

Das Stück ist inspiriert von Orhan Pamuks Buch „Istanbul“, von Pamuks Gedanken über Hüzün – dieser spezifischen Istanbuler Art der Melancholie, die hier von den Ecken und Winkeln und Menschen ausgeht und überall in der Stadt zu spüren ist. Für Kadir Memis ist dieses Gefühl nicht nur in Istanbul zuhause, es ist für ihn Teil seiner türkischen Geschichte. Ein Teil, der ihm in Deutschland fehlt. „Hier hat jeder so sein eigenes Alleine-Gefühl, wenn er traurig ist“, sagt er. „In der Türkei gehst du in ein Cafй, du trinkst etwas, hörst Arabesque-Musik – und wenn du weinst, dann weinen andere mit. Lange habe ich es nicht verstanden, nicht einmal gewusst, dass ich danach suche.“ Für ihn ist es eines von vielen Puzzle-Teilchen, um seine eigene Geschichte besser zu verstehen.

„Hüzün“ ist Memis’ zweite Choreografie nach „Zey’break“, ein Duett, das im vergangenen Jahr im Ballhaus Naunynstraße Premiere hatte und für das er zurück in die Heimat gereist war, sich auf die Spuren des Zeybek gesetzt hatte, eines traditionellen Tanzes, den er von den Festen dort kannte. Er hat den Zeybek grandios mit Breakdance kurzgeschlossen. Und so, wie Kadir Memis beides ineinander aufgehen ließ, war es wahr und schön und herzzerreißend traurig. Als könnte er im Tanz die unterschiedlichsten Kulturen und Zeiten und auch die unterschiedlichsten Enden seines Lebens verbinden.
Kadir Memis ist auch unter dem Künstlernamen Amigo bekannt. Als er zehnjährig nach Deutschland kam, schien ihm der Radius der wenigen Straßen, durch die er sich bewegte, furchtbar groß. „Die türkischen Jungens haben mir geholfen. Ein paar von ihnen probierten HipHop-Moves und das habe ich dann auch gemacht“, sagt er. Bald hat ihn nichts anderes mehr wirklich interessiert.

huezuenErst recht, nachdem er 1993 mit seinem Freund Vartan Bassil die Breakdance-Gruppe Flying Steps gegründet. Bald stießen noch andere dazu, darunter, große Ausnahme, auch eine Frau – und gemeinsam haben sie ungefähr jeden Preis gewonnen, den man in Europa in dieser Szene gewinnen kann. Vier Mal waren sie Weltmeister, zwei Mal beim B.O.T.Y., dem in Deutschland ausgetragenen Battle of the Year, zwei Mal beim in London bestrittenen Red Bull Beat Battle. „Man muss erst mal Preise gewinnen, um vom Tanzen leben zu können. Eine Gruppe, die nicht bekannt ist, wird auch nicht gebucht“, sagt Kadir Amigo Memis. Lange war er stolz und froh, dass alles so gut lief, nur: „Irgendwann bist du satt.“ Er wollte anderes, mehr als nur die verspielten Variationen und Ausdehnungen immer gleicher Bewegungsabläufe. Er wollte eine eigene Handschrift entwickeln. „Aber dazu“, sagt er, „musst du wissen, wer du bist.“

 Wer man ist, wo man herkommt, was einen ausmacht, das waren die Fragen, aus denen die E’Motion Crew gemeinsam mit sechs HipHoppern 2008 das Stück „2nd ID“ entwickelte. Kadir Amigo Memis war einer von ihnen (und der aufregendste von allen). Mehr als gute Shows sind auch die meisten anspruchsvolleren HipHop-Stücke nicht. „2nd ID“ war Kunst, zeitgenössische Tanzkunst. Mit dem Stück war die Gruppe sogar in China auf Tournee. Für Kadir Amigo Memis war die Produktion Teil einer großen Selbsterforschung. „Klar ist die HipHop-Welt nach wie vor mein Zu­hause“, sagt er. Vor sechs Jahren haben sie das World Team Battle „Funkin’ Stylez“ gegründet, das sich mittlerweile als eines der wichtigsten Battles in der Szene etabliert hat. Und dann ist Kadir Amigo auch noch Mitbegründer von Dance Unity, dem größten Betreiber von Urban Dance Events und Workshops in Deutschland. Aber er hat auch vor wenigen Monaten als Choreograf an Neco Зeliks Operninszenierung von „Gegen die Wand“ in Stuttgart mitgearbeitet oder davor bei Constanza Macras’ „Hell on Earth“. So, wie er da sitzt, frisch und  geradezu ausgeruht nach einem langen Probentag, das Käppi perfekt schräg auf dem Kopf, scheint seine Energie unerschöpflich. Draußen sind es gefühlte fünfzehn Grad unter dem Gefrierpunkt. „Fahrrad fahren, frische Luft, das ist nach einem langen Tag doch das Beste“, sagt er begeistert, schlingt sich einen Schal um den Hals und radelt davon.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Rain Kencana

Hüzün HAU 2, Do 16.-So 19. November, 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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