Science-Fiction

„I am Mother“ im Kino

Das vermeintliche Mutter-Tochter-Idyll: Regisseur Grant Sputore liefert mit seinem Debüt ein kluges Zukunftsszenario

2019 Concorde Filmverleih

Intelligente Science-Fiction-Filme, die den Zuschauer tatsächlich zum Nachdenken ­bringen und dabei mehr Fragen aufwerfen, als sie vielleicht selbst beantworten können oder möchten, sind zwar keine ausgesprochene Rarität. Aber in Relation zu jenen Werken, die Zukunftsszenarien vor allem als eine Grundlage actionreicher Ballerspiele betrachten, befinden sie sich doch deutlich in der Minderzahl. Insofern ist „I am Mother“, das Erstlingswerk des australischen Regisseur Grant ­Sputore, eine erfreuliche Überraschung: ein souverän inszeniertes Drei-Personen-Kammerspiel um den per Motion Capture animierten Roboter „Mutter“ (im Original gesprochen von Rose Byrne), die von ihm großgezogene „Tochter“ (Clara Rugaard) und eine fremde „Frau“ (Hilary Swank), die das vermeintliche Mutter-Tochter-Idyll ins Wanken bringt.

Schauplatz der Geschichte ist ein groß­zügig dimensioniertes, von der Außenwelt abgeschlossenes Labor, dessen wahres Ausmaß zunächst im Unklaren bleibt. Hier wächst „Tochter“ in der Obhut von „Mutter“ auf, als Teil eines Wiederbevölkerungsprogramms, nachdem die Menschheit offenbar ausgelöscht ­wurde. Anscheinend wurde das Laboratorium vorsorglich von Menschen errichtet, viele Tausend Embryonen lagern dort. Die „Schwangerschaft“ im Reagenzglas ist dank des technischen Fortschritts auf ­einen Tag verkürzt, die Kindheit rafft der Film in einer flotten Montagesequenz. Wir sehen „Tochter“ als Teenager wieder, ­Ballettübungen und alte Talkshows im Fernsehen gaukeln ein „normales“ Heranwachsen in einer gänzlich unnormalen Umgebung vor.


Wer manipuliert wen?


Allerdings muss sich „Tochter“ immer wieder merkwürdigen psychologischen Tests unterziehen, mit Fragen, die nach Antworten auf der Basis von moralischen Entscheidungen verlangen. Und bald schon fragt man sich nach dem Zweck dieser Tests und was wohl passiert, wenn die Antworten einmal nicht nach dem Gusto von „Mutter“ ausfallen. Dass der Roboter nämlich nicht etwa nur mütterlich-nett ist, sondern auch ganz anders kann, wird schnell deutlich: Als einmal eine Maus aus der angeblich unbewohnbaren Außenwelt in das Laboratorium eindringt, wird diese von „Mutter“ mit erschreckender Effizienz vernichtet.

Ganz so einfach geht es allerdings nicht, als eine Frau an der ­Laboratoriumsschleuse zur Außenwelt erscheint und verletzt bei „Tochter“ um Hilfe nachsucht. Sie berichtet von einer Welt, in der eine letzte Gruppe von Menschen in Minen lebt, immer verfolgt und bedroht von Robotern, die „Mutter“ gleichen. Auch ihre Verletzungen habe sie einem Angriff dieser Roboter zu verdanken. Wem soll „Tochter“ nun trauen? Denn auch die Fremde erscheint nicht vollkommen glaubwürdig. „Tochter“ wird eigene Entscheidungen treffen müssen – doch kann sie das überhaupt? Wer manipuliert hier wen und warum?

Die Struktur des Films basiert darauf, durch immer neue – und manchmal verstörende – Plotwendungen das bisher Gesehene in einen größeren Zusammenhang zu rücken und es in neuem Licht erscheinen zu lassen. So entfalten sich die philosophischen Dimensionen des Drehbuchs von Michael Lloyd Green erst nach und nach, doch auch sonst kann man an ­diesem dystopischen Film seinen Spaß haben: an der sagenhaften Präsenz der dänischen Nachwuchsschauspielerin Clara Rugaard, die den Film über weite Strecken mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit trägt, auch am Design von „Mutter“, in dem sich autoritäre Fürsorge und Bedrohlichkeit angemessen spiegeln.

I am Mother AUS 2019, 113 Min., R: Grant Sputore, D: Clara ­Rugaard, Hilary Swank, Rose Byrne (Stimme), Start: 22.8.