Pop

„Ich bin nicht eure Türkin!“ – Gespräch mit Elif

Die Berlinerin Elif könnte der erste deutsch-türkische Popstar werden. Ein Gespräch über das Doppelleben von Migrantenkindern, ihre eigene Abnabelung und warum sie das Verfassungsreferendum nicht interessiert hat

Foto: FA Schaap

Elif Demirezer wird am 12.12.1992 in Berlin als Tochter türkischer Immigranten geboren und wächst mit drei Geschwistern in Moabit auf. 2009 kommt sie bei der Casting-Show „Popstars“ bis ins Finale, später erreicht sie mit gefühligen Balladen zur Akustikgitarre ein beachtliches YouTube-Publikum, bevor sie der Unterhaltungskonzern Universal verpflichtet, um sie langfristig zum Popstar aufzubauen. Der theatralische Pop auf ihrem zweiten Album Doppelleben, das Ende Mai erscheint, findet zielsicher den toten Winkel zwischen der neuen deutschen Befindlichkeit eines Mark Forster oder Clueso und dem glamourösen Potential einer Helene Fischer.

tip Ihr neues Album heißt „Doppelleben“. Wie sah dieses Doppelleben aus, das Sie führen mussten?
Elif Ich musste, um Liebe zu bekommen, zwei verschiedene Personen spielen. Draußen in der Welt war ich ein anderer Mensch als zuhause.

tip Wie unterschieden sich diese beiden Menschen?
Elif Die Draußen-Elif war ziemlich genau die Künstler-Eilf von heute, war freier, durfte denken, was sie wollte. Für die Draußen-Elif schien alles möglich zu sein, die Welt offen zu stehen. Die Zuhause-Elif war konservativer, war die brave türkische Tochter, die gefallen will und sich fügt. Diese beiden Menschen haben sich nicht sehr gut miteinander vertragen.

tip Sie haben noch unlängst gesagt: Ich hatte nie ein Problem mit dem Leben zwischen zwei Welten. Was hat sich verändert?
Elif Ich habe mich immer ja nur als Elif wahrgenommen, ich kannte es ja nicht anders. Für mich war die Normalität, draußen anders zu sein als zuhause. Erst, wenn man Abstand gewinnt, kann man klarer sehen. Ich bin zwar schon vor fünf Jahren ausgezogen, aber es hat gedauert, bis ich diesen Abstand hatte.

tip Wie äußert sich diese Zerrissenheit?
Elif Das fängt schon da an, dass ich im Restaurant nicht wusste, was ich essen will. Ich saß ewig vor der Speisekarte und konnte mich nicht entscheiden. Und so ging es mir mit vielem. Wenn man zwischen zwei Kulturen aufwächst, wird man ständig vor die Wahl gestellt. Ständig soll man sich entscheiden, es gibt kein Dazwischen, immer nur Ja oder Nein. Aber im wirklichen Leben gibt es viele Grautöne, für die man sich entscheiden kann, nicht nur Schwarz und Weiß. Darum geht es in dem Song „Schwarz, Weiß, Grau“.

tip Woher kam dieser Entscheidungsdruck?
Elif Die Gesellschaft will eine Entscheidung. Bist du Deutsche oder Türkin? Beides ging nicht, dir wird signalisiert: Wenn ich deutsch bin, dann kann ich keine Türkin mehr sein. Und umgekehrt. Ich war das letzte Mal vor fünf Jahren in der Türkei, und da bin ich auch keine Türkin. Wenn ich hier bin, dann bin ich für viele aber auch keine richtige Deutsche. Das merkt man nicht in Berlin, aber in kleineren Städten werde ich seltsam angesehen.

tip „Nimm mich so, wie ich bin“, heißt es in dem Song „Doppelleben“.
Elif Genau. Ich bin Elif, 24 Jahre alt, aus Berlin. Ich kenne nichts anderes.

tip Wann durften Sie nicht mehr nur Elif sein?
Elif Das fing in der Schule an. Du bist doch Türkin, sagten die anderen Kinder. Ich dachte: Ich bin Elif, ich habe mir das nicht ausgesucht.

tip In einem Lied singen Sie: „All die Anpassungsversuche – tausche ich gegen mich.“ In einem anderen heißt es: „Du sagst, ich pass’ hier grad nicht rein, du willst nicht mehr hier sein.“
Elif Ich muss aber sagen: Auf dem Album geht es in erster Linie um meine Erfahrungen, meine Gefühle, um mich. Es geht auch um eine verlorene Liebe. Ich habe diese Person sehr geliebt, aber diese Liebe war zum Scheitern verurteilt, weil ich nicht wusste, wohin ich will und wer ich bin. Das war ein Antrieb, sich damit zu beschäftigen, woher diese Zerrissenheiten kommen. Ich wollte nicht noch einmal eine Beziehung führen, die so scheitert. Vor allem geht es um die Frage: Wer bin ich? Und wo will ich hin? Wenn man darauf Antworten hat, dann verschwindet das Chaos von allein. Dass ich mir diese Fragen so intensiv stelle, mag damit zu tun haben, wie ich aufgewachsen bin.

tip Mit 17 Jahren haben Sie dann die Schule abgebrochen, um sich auf die Musik zu konzentrieren.
Elif Das fanden meine Eltern natürlich gar nicht gut: Die 17-jährige Tochter sagt, sie hört mit der Schule auf, um Künstlerin zu werden. Sie hatten Angst, ich wäre auf einem falschen Weg. Aber das ginge ja allen Eltern so. Wenn ich mal eine 17-jährige Tochter haben sollte, fände ich es auch nicht gut, wenn die die Schule schmeißt. Ich will da auch kein Vorbild sein. Aber meine Eltern haben sich daran gewöhnt: Sie sehen, dass es mir gut geht, dass ich glücklich bin, und sie haben Respekt davor, was ich mache und wie ich es durchziehe.

tip Wann hatten sich Ihre Eltern versöhnt mit der Entscheidung der Tochter?
Elif Als sie ihre Tochter im Radio gehört haben. Und als die Songs im Fernsehen liefen. Da haben sie gemerkt: Das könnte was werden, von dem ich leben kann, das ist nicht nur Kleinkunst oder Hobby. Aber meine Mutter fragt mich immer noch fast jedes Mal, wenn ich sie sehe, ob ich Hunger habe. Sie hat immer noch Angst, dass ich mir nichts zum essen kaufen kann. Komplizierter war es, als ich ausgezogen bin.

tip Wie alt waren Sie da?
Elif 19, kurz nachdem ich die erste Platte herausgebracht habe. Das mag für andere normal sein, sich in dem Alter abzunabeln, in einer türkischen Familie ist es immer noch unüblich, so früh auszuziehen – ohne einen Grund wie Heirat oder Studium. So einen Grund hatte ich nicht, ich habe gesagt: Mama, es ist Zeit. Aber meine Eltern haben es persönlich genommen. Erst jetzt, mit dem Abstand von sechs Jahren, geben sie zu: Das war gut.

tip Sie verstehen sich jetzt wieder besser mit ihren Eltern?
Elif Der Kontakt ist wieder gut. Es gab aber auch Phasen, in denen haben wir kaum miteinander geredet. Ich hatte Phasen, in denen ich mich nicht verstanden, nicht einmal gesehen gefühlt habe. Ich wusste nicht, worüber wir hätten reden sollen, es war alles so oberflächlich. Die Kluft zwischen den beiden Kulturen war so groß, dass wir uns einfach angeschwiegen haben. Aber dass ich ausgerechnet mit meinen Eltern, den beiden Menschen, die ich am meisten liebe, nicht darüber reden konnte, was mich bewegt, das war sehr traurig. Also habe ich Lieder darüber geschrieben, was mich bewegt.

tip Wie den Song „Baba“ von Ihrem ersten Album aus dem Jahr 2013, in dem Sie von Ihrem Vater und seiner Spielsucht erzählen. Wie hat er darauf reagiert?
Elif Er hat sich erst einmal beschwert: Warum erzählst Du allen, dass ich im Casino gespielt habe? Er konnte natürlich nur schwer damit umgehen, dass seine Tochter darüber singt, dass er nie richtig in diesem Land angekommen ist. Aber ich habe das Lied ja nur geschrieben, weil es diesen Moment gab: Wir sind Auto gefahren, und da hat mein Vater zugegeben, dass er auch mal schwach ist. Dieser Moment war so besonders für mich, da habe ich das Gefühl gehabt, dass wir uns füreinander öffnen. Danach habe ich „Baba“ geschrieben. Und mit „Doppelleben“ will ich diesen Dialog fortführen. Die Arbeit an dem Album hat auch dazu geführt, dass ich wieder den Weg nach Hause zu meinen Eltern gefunden habe, um die Dinge an der Wurzel zu klären.

tip Die Wiederannäherung hat funktioniert?
Elif Letztens hat mein Papa gebeichtet, dass er sich ganz oft meine Lieder anhört. Er hat gesagt: Jedes Mal, wenn er ein Lied hört, hört er etwas anderes heraus zwischen den Zeilen. Meine Eltern verändern sich, das bewundere ich. Denn ich glaube, mein Papa hatte irgendwann aufgehört, sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen. Meine Eltern hatten auch einen Generationenkonflikt mit ihren Eltern, den sie aber nie angegangen sind. Aber wenn man sich nicht mit den Problemen beschäftigt, dann gibt man die auch weiter. Ich glaube, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sich die Leute mal grundsätzlich mit ihren Problemen auseinander setzen würden.

tip Wurde zu Hause türkisch gesprochen?
Elif Ja, ich bin zweisprachig aufgewachsen. Die ersten Jahre meines Lebens habe ich sogar nur Türkisch gesprochen, das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Trotzdem ist mein Türkisch  nicht besser als mein Schulenglisch. Mit meiner Mutter rede ich noch Türkisch, damit ich die Sprache nicht komplett verlerne. Schon mit meinem Vater spreche ich deutsch, weil ich mich besser ausdrücken kann.

tip Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, türkisch zu texten?
Elif Nein, nie. So, wie es nie zur Debatte stand, englische Lieder zu schreiben. Ich bin aufgewachsen mit Juli und Silbermond, das waren meine großen Vorbilder. Ich war acht Jahre alt damals, und das waren zwei Frauen und ich konnte die Texte sofort verstehen.

tip Reizt es Sie nicht, auch türkisch zu texten?
Elif Ich denke nicht darüber nach, denn Türkisch ist eigentlich eine Fremdsprache für mich, Deutsch fühlt sich an wie meine Muttersprache. Aber ich glaube, meine Melodien hören sich ein wenig anders an, weil ich dadurch, dass ich als kleines Kind nur Türkisch gesprochen habe, eine andere Sprachmelodie habe. Und ich übersetze manchmal türkische Metaphern direkt ins Deutsche, weil Türkisch eine viel bildhaftere Sprache ist. Die Formulierung „Meine Augen sind nicht satt“ aus dem Song „Schwarz, Weiß, Grau“ bezieht sich auf eine typische türkische Formulierung.

tip Sie haben aber nur den deutschen Pass.
Elif Ja, um den deutschen Pass zu bekommen, musste ich mit 16 Jahren meinen türkischen abgeben.

tip Eine schwere Entscheidung für eine 16-Jährige.
Elif Für mich nicht. Ich dachte eher: Yeah, voll cool. Ich kann mich erinnern, dass ich noch mit 15 Jahren das Gefühl hatte, der türkische Pass wäre mir aufgedrückt worden – im Gegensatz natürlich zu meinen Eltern, die lange noch darüber nachgedacht haben, ob sie vielleicht doch wieder zurück in die Türkei gehen und immer noch den türkischen Pass haben. Aber für mich war klar, dass meine Zukunft hier ist. Ich bin hier geboren, ich bin auf eine deutsche Schule gegangen, ich habe meine Songs auf Deutsch geschrieben, ich habe überhaupt keine Zukunft in einem anderen Land gesehen. Ich würde gern mal in New York leben, aber mein Traum ist es, mal in Hamburg zu leben – das sagt ja schon alles. Mit der Entscheidung für den deutschen Pass bekam ich das Gefühl, hier endgültig angekommen zu sein.

tip Da sind Sie auf einer Linie mit den Gegnern des Doppelpasses.
Elif Ich kann nicht wirklich sagen, was besser ist. Ich glaube, jeder muss sich selbst die Frage stellen, wo er sich zuhause fühlt. Das habe ich ja auch gemacht: Ich habe versucht, alle anderen Meinungen mal weg zu lassen, weil einem etwas von außen aufgedrückt wird. Überhaupt wird einem immer wieder etwas von außen aufgedrückt. Ich merke das ja jetzt auch wieder, dass ich ständig zu diesen Fragen Stellung nehmen soll, als wäre ich Expertin für das deutsch-türkische Verhältnis. Ich nehme das mittlerweile auch nicht mehr persönlich, aber ich bin eben bloß Elif aus Berlin. Ich bin nicht eure Türkin!

tip Fühlen Sie sich in eine Rolle gedrängt?
Elif Ich komme mittlerweile damit gut klar. Aber natürlich will ich mich nicht in eine Schublade drängen lassen. Und sicher hängt das auch davon ab, wie sehr man das zulässt. Aber ganz kann man es nicht verhindern und es wird noch eine Weile dauern, bis das in der Gesellschaft keine Rolle mehr spielt.

tip Wie lange?
Elif Bestimmt 50 Jahre. Keine Ahnung. Ich werde immer noch gefragt: Wo kommst du eigentlich her? Dabei sollte man Menschen, die man kennenlernt, doch lieber fragen: Was ist deine Lieblingsfarbe? Was isst du gerne?

tip Was essen Sie gerne?
Elif Pizza. Ich habe heute morgen sogar kurz überlegt, ob ich zum Frühstück Pizza esse.

tip Was ist türkisch an Ihnen?
Elif Die Liebe zum Essen. Wenn ich koche und jemand mein Essen nicht mag, dann nehme ich das persönlich. Liebe in Form von Lebensmitteln. Seit ich das verstanden habe, verstehe ich auch meine Mutter besser.

tip Und was ist deutsch an Ihnen?
Elif Pünktlichkeit. Es nagt an mir, wenn ich wie heute zwei Minuten zu spät komme. Und ich kann es gar nicht leiden, wenn mich jemand warten lässt.

tip Als Deutsche durften Sie nicht über das Verfassungsreferendum in der Türkei abstimmen, aber wie haben Sie die Diskussion darüber erlebt?
Elif Ich rede mit meinen Eltern grundsätzlich nicht über Politik. Und weil man sich Freunde – im Gegensatz zur Familie – aussuchen kann, lebe ich gewissermaßen auch in einer Blase, in der alle dieselbe Meinung hatten. Ich habe nicht viele türkische Freunde und die sind alle so wie ich. Und wir haben uns nicht wirklich gewundert: Wenn man die türkische Politik verfolgt hat, dann weiß man, dass das seit vier Jahren in diese Richtung geht. Nach dem Referendum habe ich eher gedacht: Ach guck an, die haben das jetzt echt durchgezogen. Aber grundsätzlich muss ich sagen: Es wurde so viel darüber gesprochen und geschrieben, dass ich irgendwann nicht mehr darüber nachgedacht habe. Irgendwann habe ich beschlossen, dass das eine Frage ist, die ein Land angeht, in dem ich nicht meine Zukunft sehe. Und dass mich die Politik in Deutschland mehr zu interessieren hat, und da gibt es genug, was einem Sorgen machen sollte.

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