Berliner Schriftsteller

„Ich empfinde mich ja als Linker“ – Gespräch mit Manfred Maurenbrecher

Manfred Maurenbrecher ist einer der wichtigsten Berliner Liedermacher. Bald 40 Jahre steht er auf der Bühne. Gerade ist mit „Grünmantel“ auch ein neuer Roman von ihm erschienen, ein Gespräch über Berlin, Dörfler, den Lichtenberger und genaue Beschreibungen

Foto: Kristjane Maurenbrecher

Manfred Maurenbrecher wurde 1950 in Berlin geboren. Der promovierte Germanist begann seine Karriere als Liedermacher in den frühen Achtzigern. Er veröffentlicht über 20 Platten sowie mehrere Romane und Sachbücher und wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Kleinkunstpreis. Zu seinem 60. Geburtstag erschien die Hommage „Maurenbrecher für alle“ mit 62 Coverversionen seiner Lieder, darunter von Veronika Fischer, Reinhard Mey, Hannes Wader und Konstantin Wecker.


tip Herr Maurenbrecher, Sie haben gerade ­einen neuen Roman veröffentlicht, die Edition Ihrer Texte über den „Lichtenberger“ liegt seit Kurzem vor, Sie traten beim „Kabarettistischen Jahresrückblick“ auf, dazu kommen Soloshows. Wie sieht Ihr Alltag aus, gibt es so etwas bei Ihnen überhaupt?
Manfred Maurenbrecher Das wechselt immer. Der Dezember und der Januar stehen im Zeichen des „Jahresrückblicks“, und das ist eine ganz eigene Zeit, in der wir täglich zweimal spielen und alles andere zur Seite tritt. Das ist seit bald 20 Jahren so. Das Verrückte dabei ist, dass wir, also Horst Evers, Bov Bjerg und die anderen, uns sonst das Jahr über fast nicht sehen, wenn nicht gerade einer einen runden Geburtstag feiert. Danach folgten kleinere Auftritte und Urlaub.

tip Wohin ging es?
Manfred Maurenbrecher Diesmal nach Kuba. Jetzt, im März, geht dann wieder das Solotreiben los. Da ballt sich in diesem Jahr ziemlich viel, weil der Roman erscheint und die „Lichtenberger“-Sammlung draußen ist. Im nächsten Jahr kommt dann bei Ullstein ein Buch zum 20-jährigen Bestehen des „Jahresrückblicks“ heraus.

tip Als gebürtiger Berliner, der hier seinen Lebens­mittelpunkt hat, spielt die Stadt in Ihrer Kunst eine besondere Rolle. Wie ­stehen Sie zu dem Berlin von heute?
Manfred Maurenbrecher Ich wohne ja in Schmargendorf, in der Künstlerkolonie, wo ich auch aufgewachsen bin. Das sind vom Berliner Bühnenverein und vom Schriftstellerverband gebaute Häuser und dort leben bis heute noch viele Theaterleute, Bühnenarbeiter, Maskenbildner, Gardero­bieren. Mein Großvater war ja Schauspieler und Theaterintendant und lebte schon in der Wohnung. Der Mietvertrag ist aus dem Jahr 1956, aber Mieterhöhungen gab es trotzdem (lacht). In dieser Gegend hat sich jedenfalls wenig verändert.

tip So wie etwa in Kreuzberg, wo Sie zwischendurch auch mal gelebt haben.
Manfred Maurenbrecher Na klar, ich bin gerade am Paul-Lincke-Ufer spazieren gegangen und die Sprachen, die man dort hört, sind sehr international. Das war in den 90ern und erst recht in West-Berlin noch ganz anders. Ich finde das toll und habe mich über den Mauerfall sehr gefreut. Zu West-Berlin hat viel Sturheit gehört, ich fand es gut, dass das alles weggespült wurde.

tip In Ihrem neuen Roman „Grünmantel“ verlegen Sie die Handlung hingegen in ein uckermärkisches Dorf gleichen Namens. Berlin ist da eher eine Referenz, ein Ort, wo man mal lebte und kaum noch hinkommt. Woher stammt Ihr Interesse für die Provinz?
Manfred Maurenbrecher Wir haben ein Haus im Grünen und leben vom Frühling bis zum Herbst dort. Dieses Bewohnergemisch in so einem Dorf hat mich gereizt. Diese Mischung aus elaborierten ­Stadtmenschen und Dörflern, die viel klischee­loser sind, als man denkt. Mir ging es darum zu zeigen, wie vielfältig die Dorfbewohner sein können. Dass man am Anfang des Romans denkt, der ist so und so, und am Ende kommt es ganz anders. Menschen sind nicht einlinig.

tip Was können wir von den Grünmantel-­Bewohnern lernen?
Manfred Maurenbrecher Ausdauer und die Fähigkeit, durch äußere Umstände nicht in Panik zu geraten. Einmal heißt es: „In Grünmantel lehnt man Lautschreier ab.“ Diesen Verkündern neuer Botschaften steht man eher skeptisch gegenüber. Man wartet ab, das lernt man auf dem Land vielleicht auch durch die größere Bedeutung, die die Natur und der Ablauf der Jahreszeiten auf einen selbst haben.

tip Auch in vielen Ihrer Lieder erschaffen Sie akkurate Kurzporträts Ihrer Figuren, eigent­lich sind es gesungene Kurzgeschichten. Sie sind promovierter Germanist, ­wären Sie lieber Soziologe geworden?
Manfred Maurenbrecher Soziologe wäre ich nicht gerne geworden. Aber Elias Canetti hat mal in seinem Buch „Masse und Macht“ geschrieben, dass es die Krankheit der Psychiater ist, alles werten zu wollen. Was man aber von ihnen lernen kann, ist, wie sie Menschen beschreiben. Das habe ich als Motto genommen: Beschreibung ist das Wichtige. Die Auswertung interessiert mich weniger.

tip Ein gutes Beispiel für die Genauigkeit Ihrer Figuren ist der „Lichtenberger“, ein gestandener SED-Genosse und Dialektiker, der mit seiner Enkelin in einer Zweiraumwohnung in Lichtenberg lebt. Nach 18 Jahren, in denen Sie von ihm erzählten fand er nun ein Ende.
Manfred Maurenbrecher Der Impuls zum „Lichtenberger“ kam damals nach den Ereignissen vom 11. September 2001, als ich den Satz auf der Bühne sagen wollte: „Der 11. September ist für mich immer noch der Tag, als die CIA Salvador Allende aus dem Amt bombte.“ Ich empfinde mich ja als Linker, würde ich den Satz aber selbst sagen, klänge er pathetisch, also habe ich eine Figur erfunden, die den Satz sagen konnte. Es ist eine Chronik und eine Art Abrechnung mit dem Ost-West-Verhältnis hier in Deutschland geworden. Zugleich sind das aber Nummern – von Musik untermalte Geschichten – die für den „Jahresrückblick“ geschrieben wurden und deshalb eine gewisse Komik haben. Damit mir der „Lichtenberger“ nah blieb, musste er über die Jahre immer mehr meine Meinung annehmen.

tip Zum Beispiel?
Manfred Maurenbrecher Dass er etwa flüchtlingsfreundlich ist, obwohl jemand mit so einem SED-Hintergrund vielleicht mehr auf die Wagenknecht-Linie gehen würde. Dieser nationale Sozialismus wäre wohl eher sein Ding.

tip Was tun Sie als Linker angesichts von Trump, Brexit und AfD?
Manfred Maurenbrecher Es gibt jetzt eine aus der „Wir sind viele“-Demo hervorgegangene gesamteuropäische Initiative von Künstlern und Kulturschaffenden, die sagen: „Wir stehen für ein multikulturelles, offenes und nicht von der Wirtschaft dominiertes Europa.“ Da will ich mich beteiligen. Obwohl ich nie ein Protestsänger war und es von mir auch keine Mitsing-Lieder gibt. Das kann ich nicht. Aber es gibt immer Hoffnung, dass wir Brücken bauen können und wirkliche Länderfreundschaften entstehen. Ein echter Austausch von Ideen, Handel und Wandel. Keine Abschottung. Man kann alles nur gemeinsam lösen.

Grünmantel von Manfred Maurenbrecher, be.bra Verlag, 224 S., 20 €

Der Lichtenberger – Die kompletten Jahrestexte von 2001 bis 2018 von Manfred Maurenbrecher, Buch & Hörbuch-Stick, signiert und nummeriert, 36 €

Buchpremiere von „Grünmantel“ Roter Salon, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Mi 20.3., 20 Uhr

Mehr auf www.maurenbrecher.com

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