Brexit-Thriller

„Ich schreibe aus der Distanz“ – Gespräch mit Zoë Beck

Die Schriftstellerin und Verlegerin über Schutzgeldgesprächsverläufe, den „War on Drugs“, Luxusbauten in Zehlendorf und ihren neuen Brexit-Drogen-Krimi „Die Lieferantin“

Foto: Victoria Tomaschko/ SV

tip Frau Beck, ist „Die Lieferantin“ eigentlich der erste Brexit-Krimi?
Zoë Beck Weiß ich gar nicht. Von mir ja.

tip Ihr Buch spielt in Großbritannien. Dort gibt es nach dem EU-Austritt einen Rechtsruck. Gentrifizierung, besetzte Häuser, Gewalt auf Londons Straßen.
Zoë Beck In Brixton brannten schon immer Mülltonnen oder Autos. Nach Thatchers Tod gab es Partys auf der Straße. Auch heute hängen da noch die Spruchbänder von den Hausbesetzern, die im Buch vorkommen. Ich habe die Schraube nur weitergedreht.

tip
Die „Lieferantin“ finanziert im Darknet mit Drogen eine Drogenlegalisierungskampagne – und wird vom organisierten Verbrechen gejagt.
Zoë Beck Kein Drogenhändler hat ein Interesse daran, dass Drogen legalisiert werden. Denen ist es egal, was mit den Leuten passiert, die krank sind, noch kranker werden. Ich bin in der Nähe von Frankfurt am Main groß geworden. Da hat man das jeden Tag vor der Haustür gehabt. Das mitanzusehen ist furchtbar. Ich glaube, man ist sich weltweit einig, dass der „War on Drugs“ nichts bringt. Man führt ihn trotzdem weiter. Ein Ende ist nicht abzusehen.

tip Ausgelöst wird die Jagd auf die Lieferantin durch einen vermissten Schutzgelderpresser. Den hat ein Restaurantbesitzer im Fußboden eingemauert.
Zoë Beck Ich wollte wissen, wie Schutzgeldgespräche ablaufen. Dabei stieß ich auf die Geschichte aus Hamburg über den Besitzer eines italienischen Restaurants. Sein Erpresser wollte immer mehr haben, und er konnte nicht mehr zahlen. Dann hat er dem die Knarre abgenommen, ihn erschossen und im Restaurant eingebuddelt. Das fand ich eine schöne Geschichte. Mein Buch ist ja auch vom klassischen Whodunnit weit entfernt. Man weiß immer, wer was warum getan hat.

tip Man macht sich aber Sorgen, ob die netten Leute nun überleben oder nicht.
Zoë Beck Immer, wenn ich nette Leute umbringe, kriege ich Beschwerdebriefe!

tip Sie verarbeiten gern aktuelle Ereignisse. Wie beispielsweise auch im Krimi „Schwarzblende“ von 2015, der einen islamistischen Mord an einem Soldaten 2013 in London als Vorlage hat. Wieviel Wirklichkeit verträgt das Genre?
Zoë Beck Sehr viel. Die Bandbreite geht ja von sehr verklärten, kuscheligen Krimis, wo eigentlich noch Miss Marple durch die Seiten läuft, bis hin zu sehr politischen, dystopischen oder auch utopischen Geschichten. Der Kriminalroman als Genre verträgt alles – vielleicht mehr als nicht genre-klassifizierte Belletristik.

tip Warum ist das so? Sie betreiben ja selbst mit Jan Karsten den Literaturverlag Culturbooks.
Zoë Beck Ich selbst suche solche Stoffe. Ich will ja nichts über meinen eigenen Alltag erfahren. Bei Culturbooks suchen wir auch gezielt danach.

tip Deswegen spielen Ihre Bücher meist in Schottland oder England?
Zoë Beck Nein. Das hat etwas damit zu tun, dass ich politisiert wurde, als ich in Großbritannien zur Schule ging. Man sagte uns, in welche Bereiche man gehen darf. Der gesamte Süden Londons, alles südlich der Themse, war ganz „böse“. Weil da arme Menschen wohnten. Heute stehen dort Museen und teure Hotels! Die Ärmeren werden verdrängt. Die Arm-Reich-Schere ging, als ich mit dem Schreiben anfing, in Großbritannien schon viel weiter auseinander als in Deutschland.

tip Weiß man die Gentrifizierung in Berlin besser einzuordnen, wenn man sie vor 20 Jahren schon mal erlebt hat.
Zoë Beck Man weiß, was falsch läuft und wundert sich, dass die Fehler immer wieder gemacht werden. Ich wohne ja in Zehlendorf. Da gibt es eine recht gute Durchmischung, aber es ist keine typische Gegend für Leute mit Wohnberechtigungsschein. Was gerade passiert: Alles, was neu gebaut wird, sind natürlich Luxuswohnungen! In Großbritannien waren die Leute überrascht, wie hoch Immobilienpreise steigen können. Das hat vielleicht zum Brexit beigetragen.

tip Warum?
Zoë Beck Weil die Leute dachten, das liege auch an der EU. Jemand, der für den Brexit stimmte, hat mir mal erzählt, dass ein Zuwanderer, der aus Osteuropa kommt, wegen der EU ein Haus geschenkt bekäme.

tip Woher kommt diese Irrationalität?
Zoë Beck Woher kommt die denn bei uns? Es ist auch so unlogisch zu sagen: Wir glauben nicht, was wir von offizieller Seite an Zahlen und Fakten geliefert bekommen. Aber wir glauben, was jemand sagt, der da ein AfD-Plakat hinter sich hängen hat oder vom Kopp-Verlag ist. Obwohl es komplett unbelegbar ist. Ich denke gern streng logisch. Mich machen solche Sachen wahnsinnig.

tip Bleibt nur eine Erklärung: Chemtrails.
Zoë Beck Ja, genau. Nein! Fluor im Wasser! Wussten Sie das nicht? Die Regierung vergiftet uns doch mit Fluor im Trinkwasser (lacht). Ich glaube, das ist so eine Unzufriedenheit mit der Realität, ein Überfordertsein auch. Dann kommt jemand mit einfachen Antworten. Das gibt einem die Befriedigung: Ich habe ja schon immer gewusst, dass da irgendetwas nicht stimmt.

tip Können Sie denn sich vorstellen, mal einen Roman in Berlin anzusiedeln?
Zoë Beck Es gibt Leute, die müssen weit weg, um über etwas schreiben zu können, dazu gehöre ich. Und manche müssen mittendrin sein. Ich schreibe lieber aus der Distanz. Dann fühle ich mich freier. Aber ich werde demnächst eine Kurzgeschichte schreiben, die in Berlin spielt.

Die Lieferantin von Zoë Beck, Suhrkamp Insel, 326 S., 14,95 €

Buchpremiere English Theatre Berlin, Fidicinstr. 40, Kreuzberg, Mo 10.7., 20 Uhr, Eintritt: 8 €

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