Fotografie

Im Fokus: Überwachung

Holzschnitt, Fotografie, die Bilder der Videokamera: Drei zusammenhängende Ausstellungen gehen das Thema Überwachung kritisch und komplex an

Hito Steyerl, Still from How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational .Mov File, 2013, HD Video © Hito Steyerl, Courtesy the artist and Andrew Kreps Gallery, New York

Überwachung ist ein Thema, das aktueller und brisanter nicht sein könnte. Das geht von der wieder aufgeflammten Diskussion zu mehr Videoüberwachung über das tagtägliche Tracking unserer Aktivitäten per Internet und Smartphone bis hin zu Drohnen und zu Googles schon an sich größenwahnsinnigem Projekt, die Welt für Streetview abzufotografieren. Dass gerade dieses Thema zur ersten inhaltlichen Zusammenarbeit zwischen C/O Berlin und dem nah gelegenen Museum für Fotografie führt, mag seiner Aktualität geschuldet sein.
Die beiden Institutionen – die eine ist eine aus privaten Mitteln finanzierte Stiftung, die andere Teil der Staatlichen Museen Berlin –haben den Fokus auf Fotografie. Eine sich dadurch ohnehin anbietende Kooperation kommt diesem vielschichtigen Themenfeld allerdings besonders zugute. So lassen sich ganz unterschiedliche Aspekte und Strategien der künstlerischen Beschäftigung damit zeigen. Zudem konnte auf diese Weise neben den zwei zeitgenössischen Ausstellungen auch ein essayistischer historischer Rückblick realisiert werden: anhand von Kunst und kulturellen Objekten zeichnet das Museum der Fotografie unter dem sprechenden Namen des ältesten gezeigten Werks, des 1546 entstandenen Holzschnitts „Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren“ eines unbekannten Niederländers, eine Art Kulturgeschichte der Überwachung nach.

Diesem Phänomen, das häufig nur in der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart verortet wird, ist dadurch die nötige historische Tiefe gegeben. Die Nähe der beiden Ausstellungshäuser zum Breitscheidplatz und die sich an den schrecklichen Anschlag anschließende Diskussion über mehr Videoüberwachung in Berlin erhöht die Brisanz und politische Tragweite dieser insgesamt drei Ausstellungen sicher noch einmal, auch wenn sie natürlich schon lange vorher in Planung waren.

Wie bei diesem Thema kaum anders zu erwarten, sind die meisten der gezeigten künstlerischen Positionen von einem kritischen Ansatz geprägt. Es überrascht auch nicht, dass drei Künstler sowohl bei C/O als auch im Museum für Fotografie vertreten sind, allerdings mit zum Teil sehr unterschiedlichen Werken. „Von der Intention her liegen die Ausstellungen nahe beieinander“, erklärt Ann-Christin Bertrand, eine der Kuratorinnen der Schau „Watched!“ bei C/O. „Es geht um kritische Wahrnehmung von Überwachung, um künstlerische Strategien der Auseinandersetzung damit, und auch mit dem Unterlaufen von Überwachung. Gleichzeitig geht es aber nicht um ein klares Gegenüber, der Staat oder die Konzerne, die je nach Kontext gerne als „Big Brother“ bezeichnet werden, und die es so nicht gibt.  Sondern es geht um die Bewusstmachung und kritische Auseinandersetzung mit dem Thema.“

Die Künstler stellen vor allem Fragen und setzen die oft konzeptuellen oder gar analytischen Ansätze im Medium Fotografie um, was auch dazu führt, dass das Medium Fotografie in dieser Ausstellung bei C/O recht weit gefasst wird. Neben Installationen und ursprünglich netzbasierten Arbeiten werden auch eine Reihe von Videoarbeiten gezeigt.

Jill Magid, Still from Tr ust, (Evidence Locker), 2004 © Jill Magid, Courtesy the artist & untithen

Demgegenüber fokussiert die Ausstellung „Watching You – Watching Me“ im Museum für Fotografie auf eher klassische, teils großformatige Fotoarbeiten, oft mit einem quasi dokumentarischen Ansatz. Auch diese beruhen jedoch alle auf konzeptuellen Ansätzen. Wie die Serie „Mission and Task“ von Julian Roeder, der die EU-Grenzwächter von Frontex und deren technologisch hochgerüstete Ausrüstung quasi dokumentarisch begleitet. Und wie „Images from the Secret Stasi Archives“ von Simon Menner. Er hat die Stasi-Archive durchforstet, dort Fotos aus Lehrbüchern für die Ausbildung von Agenten gefunden, und sich diese künstlerisch aneignet.
Ein exponierter Werkzyklus, von dem Arbeiten in beiden Häusern zu sehen sein werden, stammt vom US-amerikanischen Künstler Hasan Elahi. Das auch im Internet einzusehende Projekt „Tracking Transience“ entstand nach der Festnahme des Künstlers bei seiner Rückkehr in die USA kurz nach den Anschlägen vom 11. September. Fälschlicherweise als Terrorist verdächtigt und im Folgenden vom FBI überwacht, begann er, sein alltägliches Leben mit der Kamera zu dokumentieren.

Die Bilder von leeren Hotelzimmern, Flughäfen, von Toiletten, die er benutzt, und dem Essen, das er zu sich genommen hat (insgesamt über 70.000 Bilder bis heute), sendet Elahi samt seinen geplanten Aktivitäten an das FBI. Er selbst ist nie auf den Fotografien zu sehen und in gewisser Weise verschwindet der Mensch „Elahi“ hinter der totalen Offenlegung all jener tagtäglichen Banalitäten, die ein Leben ausmachen, aber nur höchst selten ihren Weg in die Kunst finden.

Insgesamt gelingt es den Ausstellungen nicht nur, höchst interessante künstlerische Ansätze, Strategien und Fragestellungen aufzuzeigen. Auch die Mischung der vertretenen Künstler überzeugt. Neben bekannte Namen wie Elahi, Ai Wei Wei und Hito Steyerl tritt eine ganze Reihe junger, dem großen Publikum noch kaum bekannter Künstler, was zu einer, bei dem Thema sehr wünschenswerten breiten Perspektive beiträgt.

Watched! C/O Berlin, Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, tgl. 11–20 Uhr, 18.2.–23.4.,
10/erm. 6 €

Watching You  – Watching Me + Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren
Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di–So 11–19 Uhr, Do 11–20 Uhr, 17.2.–2.7., 10/erm. 5 €

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