Kunst und Museen in Berlin

Im Gespräch mit Marc Wellmann zur Ausstellung „1910 Figur 2010“

Marc Wellmann ist seit zwei Jahren dafür verantwortlich, die zeitgenössische figurale
Skulptur ins Georg Kolbe Museum zu bringen. In der aktuellen Ausstellung "1910 Figur 2010" konfrontiert er die klassische Moderne mit der Gegenwart

tip Herr Wellmann, liefe sich ein Museumskonzept, das sich nur auf Georg Kolbe konzentriert, irgendwann tot?
Marc Wellmann Das Problem haben wir nicht allein. Das gibt es beim Aristide-Maillol-Museum in Paris ebenso wie im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen. Der Namenspatron bleibt nur am Leben, indem man ihn in einen Dialog mit zeitgenössischen Künstlern verschränkt.

tip Sie feiern den 60. Geburtstag des Museums mit „1910 Figur 2010“: Wie haben Sie die Auswahl getroffen für das Zusammenspiel zwischen figürlichen Plastiken der Gegenwart und solchen, die 100 Jahre alt sind?
Wellmann Voraussetzungen waren eine halbwegs ‚intakte‘ Körperdarstellung und die Lebensgröße. Nur an zwei Stellen sind wir davon abgewichen, nämlich bei den raufenden Kindern von Veronika Veit, die verkleinert sind, und dem überlebensgroßen „Boxer“ von Ubbo Enninga. Und wir haben uns auf elf zeitgenössische Positionen beschränkt, die wir alle noch nicht in Einzelausstellungen gezeigt haben.

tip Sie haben die Schau mit Ursel Berger, Direktorin des Museums und Spezialistin für die Kolbe-Zeit, kuratiert.
Wellmann Jeder hat in seinem Bereich versucht, eine Bandbreite abzudecken. So hat Frau Berger mit Fritz Klimsch einen Künstler ausgewählt, der antipodisch zu Kolbe gearbeitet hat. Wir haben jeweils unsere Sektion zusammengestellt und sie anschließend miteinander im Raum konfrontiert, und zwar erst, nachdem die Werke angeliefert wurden.

tip Wie funktionieren diese Dialoge?
Wellmann Im Eingangsraum wird der großbürgerliche Kontext von Klimschs „Meditierender“ aus Marmor der Mutterfigur aus Stoff von Iris Kettner gegenübergestellt. Kettner ist eine Künstlerin, die sich mit Randfiguren des Prekariats auseinandersetzt. Klimschs idealisierte Venus von 1906 stößt gewissermaßen auf die Realität des 21. Jahrhunderts. Beide haben ihre Würde und Schönheit, ergänzt durch Pia Stadtbäumers kokette Dame im Geäst, die als Gegenwartsfrau Szenen des Rokokomalers Fragonard paraphrasiert.

tip Etliche Arbeiten gehen anspielungsreich mit der Kunstgeschichte um, etwa John Isaacs, der den Sockel von Rodins „Denker“ zum autonomen Kunstwerk erklärt. Zugespitzt: Zeigen Sie hier nicht Kunst für Kunsthistoriker?
Wellmann Klar, setzen die meisten Kunstwerke spezielle Kenntnisse voraus, die ich aber einem Besucher des Kolbe Museums unterstellen würde. Und mit den Texten zu den Werken geben wir den Besuchern ja Informationen an die Hand.

tip Aktuell gibt es mehrere Ausstellungen zur Plastik: Die Skulpturenparks in der Villa Schöningen und im Haus am Waldsee, im Albertinum in Dresden sind viele Plastiken zu sehen. Gibt es ein Revival der Skulptur?
Wellmann Ich würde eher von Aufmerksamkeitswellen sprechen. Was das Haus am Waldsee betrifft, entstand schon früh die Idee eines Skulpturenparks. Ähnlich wie bei der Villa Schöningen sind dies Erweiterungen in die Gärten hinein. Die Aufmerksamkeit für das Plastische ergibt sich eher komplementär aus bestimmten Nutzungszusammenhängen, auch um die Attraktivität des Standorts zu erhöhen. Doch wenn Sie sich kunstgeschichtliche Standardwerke ansehen, da wird alles an der Malerei, der Königsdisziplin, abgehandelt. Die Skulptur spielt in der Kunstkritik häufig eine Nebenrolle.

tip Wird nicht die Skulptur oft entwertet, indem man ihr eine eher dekorative Rolle zuweist als „Kunst am Bau“? Robert Metzkes etwa, von dem Sie auch ein Werk in „1910 Figur 2010“ zeigen, ist im Eingangssaal des Leipziger Grassi-Museum mit drei weiblichen Figuren vertreten, welche die Dominanz der Glasvitrinen auflockern sollen.
Wellmann Die Skulptur hat sich traditionell peu а peu aus einer dienenden Funktion heraus entwickelt, sie war zunächst Bauschmuck. Erst relativ spät emanzipierte sie sich zu einer auftragsunabhängigen Kunst, was natürlich auch ihren hohen Materialkosten geschuldet ist.

tip Der Bildhauer Tony Cragg meldete sich kürzlich süffisant zur angeblichen Bedeutungslosigkeit der Skulptur zu Wort: „Machen Sie den Test, und stellen Sie eine mitten in die Stadt: Das gibt eine tödliche Aufregung. Was keinen Nutzen hat, wird als Gefahr wahrgenommen.“
Wellmann Vor einigen Jahren hat Iris Kettner drei ihrer Figuren mit Kapuzen in den U-Bahnhof Alexanderplatz gestellt. Der Erfolg war wie von Tony Cragg vorhergesehen: Mit Argwohn begegneten viele Betrachter den Kapuzenmenschen. Die Figuren wurden attackiert und letztlich auch zerstört. Dies gehörte aber zum Konzept der Künstlerin.

tip Wenn in den letzten Jahren figürliche Plastiken in Berlin aufgestellt wurden, so polarisierte das. Ich denke an die 2005 aufgestellte Skulptur von Adenauer im wehenden Mantel in Charlottenburg oder an den „Eisernen Gustav“ an der Potsdamer Straße. Ist die figürliche Skulptur im öffentlichen Raum nicht obsolet?
Wellmann Seit der Wende gibt es eine ganz klare Renaissance der Figur in Deutschland, die sich trifft mit einer globalen Tendenz, das Nicht-Abstrakte deutlich aufzuwerten. Und zwar gattungsübergreifend. Noch in den frühen 90er Jahren sah sich Neo Rauch massiven Anfeindungen ausgesetzt, da er figürlich malte. Doch die nach ihm sozialisierte Generation konnte das Thema „Figur“ ganz neu bewerten. Bis 1989 dominierte eine klare Opposition die Debatte, nämlich zwischen Abstraktion, die für den Westen stand, und Figuration, die mit dem Osten assoziiert wurde. Die Figur war behaftet mit dem Vorwurf der Propaganda, der Indienstnahme von staatlichen Interessen. Erst seit der Wiedervereinigung ist die Rolle der Skulptur entideologisiert. Seitdem sind figürliche Darstellungen auch von Politikern wieder möglich, denken Sie an die monumentale Willy-Brandt-Skulptur von Rainer Fetting in der SPD-Zentrale.    

Interview: Martina Jammers
Fotos: David von Becker

Termine: 1910 Figur 2010
im Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr,
bis 5.9.

10 JAHRE C/O BERLIN (bis 19.9.)

DOUBLE SEXUS (bis 15.8.)

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