Theater und Bühne in Berlin

Im Gespräch mit Tamer Yigit und Branka Prlic

Tamer Yigit und Branka Prlic über ihre HAU-Inszenierung zur umstrittensten Band Deutschlands: Onkelz.

branka_tamertip: Sie gelten als schwierig und kompromisslos. Was läuft falsch am Theater?

Tamer Yigit:?Theater ist Faschismus. Theater ist Unterdrückung, Kontrolle und Propaganda. Hinter den Kulissen läuft die Unterdrückungsmaschinerie wie ein Motor aus Russland. Es geht um das Rummachen mit den Geldern, um Macht. Das Theater ist wie ein Majorlabel, wie Warner oder Universal. Es geht um Erfolg, die Number-One-Hits. Ab und zu bringt man dann mal ein Album raus und wenn die Erfolgszahlen, die Zuschauerzahlen, nicht stimmen, dann werden die Leute fallen gelassen. Wie bei jedem Label hat man seine zwei, drei Künstler, die super ihre Alben verkaufen, die dürfen dann bleiben.

tip: Dann ist das HAU aber eher ein kleines Indepedent-Label?

Yigit: Ich war als Musiker auch bei Independent-Labels. Das war alles schlimm. Das ist der Grund, warum ich selber seit Jahren keine Alben mehr herausbringe. Ich mache natürlich immer noch Musik. Wir waren letzte Woche im Studio und haben zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder ein Album aufgenommen. Ich habe versucht, die perfekte Synthese zwischen Punk und Death Metal zu finden. Und es ist mir gelungen.

tip: Ist die Liebe zu Metal und Punk der Grund, ein Stück ausgerechnet über die Böhsen Onkelz zu machen? Mochten Sie die Band?

Yigit:?Ich stehe auf Gitarrenmusik. Ich stehe auf Metal, auf Death Metal, auf alten Punk. Ich meine diesen alten, abgefuckten, aggressiven, politisch absolut unkorrekten Hass-Punk. Diese Ätzpunk-Phase, woraus sich auch Trashmetal entwickelt hat. Meine Götter sind die Bad Brains und das werden sie auch bleiben. Musikalisch finde ich die Onkelz ziemlich geil. Wir haben hier am HAU sechs, sieben Stücke gemacht, die handelten alle von Metal. Wir haben nur Stücke über Metal gemacht bis jetzt. Unsere Texte handelten nicht immer von Metal, die Stücke waren aber Metal.

tip: Die Böhsen Onkelz galten im Mainstream-Feuilleton tendenziell als rechtsradikal. Sie beide haben den berühmten Migrationshintergrund. Wie passt das zusammen?

Yigit:?Der Grund, warum ich das Onkelz-Stück mache, ist, dass ich am eigenen Leibe erfahren habe, was es bedeutet, wenn es irgendwelche Leute gibt, die plötzlich denken, sie wissen es besser als Du, was Du machst, und Dir einen Stempel aufdrücken. Und dann brauchst Du Jahrzehnte, um diesen Stempel von der Stirn wieder abzubekommen. Branding ist das. Das ist eine massive Wucht, mit der diese Stempel reingebrannt werden. Dahinter stecken Kräfte, die siehst Du nicht.
Branka Prlic: Unsere Inszenierung „Ein Warngedicht“ wurde einmal als ein Stück über „migrantisches Leben“ bezeichnet. Wir haben uns schon sehr gewundert, warum wir dieses Label verpasst bekommen, obwohl wir ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, die jeden angehen und nicht in die Ecke gedrängt werden sollten. Genau das ist hässlich.

tip: Ist die Hochkultur ignorant?

Yigit:?Wenn Du mit Codes aus der Subkultur ankommst, gucken die Leute wie Oskar aus der Mülltonne. Stell Dir vor, Du erzählst etwas über diese frühe 90er-Phase der Onkelz und packst noch was anderes dazu, das checkt kein Schwein. Du findest halt nicht die Zuschauer, die auch mal zu einem Death-Metal-Konzert gehen oder die Bad Brains kennen. Wir arbeiten mit vielen Elementen aus der Subkultur, und viele kommen mit unseren Sachen nicht klar, weil sie unsere Welt nicht kennen. Das nimmt uns den Spaß. Wir machen mit dem „Onkelz“-Stück auch kein Biopic. Wir stellen nicht vier Leute auf die Bühne und sagen: Ihr seid jetzt die Onkelz. Das interessiert mich nicht. Innerhalb von einer Woche kannst Du alles über die Onkelz he­rausfinden. Alles. Aber das ist nicht das, was wir erzählen wollen.
Prlic:?Wir möchten auch kein Erklärtheater. Wir wollen ein Theater, wo der Zuschauer mit einem Gefühl nach Hause geht. Punk, Wut, whatever. Ein Gefühl davon, dass man das, was man gesehen hat, vielleicht nicht sofort verstanden hat, aber weiß, dass trotzdem etwas Wichtiges transportiert worden ist. Wir wollen natürlich wissen, was erzählen uns die Onkelz, was erzählen uns ihre Anfänge, was erzählen uns ihre Fans über Deutschland? Und, so viel kann verraten werden, es wird auf der Premiere Überraschungsgäste geben.

Interview: Andreas Hahn

Foto: Doro Tuch

Onkelz
HAU 2, Mo 27.6., Mi 29.6.–Sa 2.7., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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