Musik & Party in Berlin

Im Gespräch mit Westbam über das Berliner Clubleben

Maximilian Lenz alias Westbam gilt seit nunmehr 30 Jahren als Galionsfigur der Techno-Szene. Mit seinem neuen Album „Götterstraße“ holt er weit aus und kehrt auch zu seinen Ursprüngen zurück. Wir unterhielten uns mit ihm übers Berliner Clubleben damals und heute

Mit dem Video zu Ihrem neuen Song „You Need The Drugs“ wird man in die Achtziger zurückversetzt. Man sieht Szenen aus dem alten West-Berlin, etwa aus dem SO 36. Warum kommen Sie jetzt darauf zurück?
WESTBAM Man mag es kaum glauben: Ich feiere in diesem Jahr tatsächlich mein 30-jähriges DJ-Jubiläum. Ich tue es mit einem Album, bei dem es nicht nur um das Hier und Jetzt geht. Ich erzähle von verschiedenen Episoden aus dem Nachtleben in drei Jahrzehnten. Meine ersten DJ-Auftritte hatte ich 1983 im Odeon in meiner Heimatstadt Münster. Ich hielt es aber für angemessen, meinen Streifzug ein Jahr später in Berlin zu beginnen. Vom Nachtleben in Berlin gibt es nämlich das passende Bildmaterial. Im Video sieht man lauter alte Bekannte: Fetisch, Blixa Bargeld, Marc Brandenburg und den jungen Ben Becker. Das Material stammt aus einem Dokumentarfilm über den Untergrund in West-Berlin, der nächstes Jahr auf der Berlinale laufen soll. Ich darf ein paar Ausschnitte vorab nutzen und bin sehr froh darüber. Sie passen gut zu meinem Konzept.     

Sie sind nicht der Erste, der in diese Richtung geht. Wolfgang Müller rekapituliert im Buch „Subkultur Westberlin“ die Jahre 1979 bis 1989. David Bowie blickt mit seinem Comeback-Song „Where Are We Now?“ auf seine Berliner Zeit zurück.   
Es ist ein absoluter Zufall, dass David Bowie nun auch mit einem Berlin-Lied und einem Berlin-Video kommt. Wir hatten ihn mal gefragt, ob er sich vorstellen könne, in einem Song auf meinem Album zu singen. Der Gedanke war nicht abwegig. Sein alter Kumpel Iggy Pop ist ja auch auf dem Album dabei. Aber es kam keine Antwort.

Westbam_frueherBleiben wir bei der Zeit vor dreißig Jahren. Vor Ihrem Umzug nach Berlin waren Sie Mitglied der Bands Anormal Null und Kriegsschauplatz. Können Sie sich daran noch erinnern?
Daran kann ich mich absolut erinnern. Ich war Bassist bei Anormal Null und nannte mich Frank Xerox. Sänger Klaus Chaos ging wie ich als Bundeswehrflüchtling nach Berlin. Ihm ging’s dann leider schlecht, er wurde depressiv, kehrte nach Münster zurück und stürzte sich dort vom so ziemlich einzigen Hochhaus der Stadt. Traurig. Gitarrist war Andreas Bleckmann. Er reist dieser Tage aus London an, um Pressefotos von mir zu machen. Er ist ein großartiger Fotograf geworden. Kriegsschauplatz habe ich 1981 für einen Aufritt auf dem Festival der Genialen Dilletanten hier in Berlin gegründet. Das war ein großartiges Desaster. Ich stand da mit Bass und Pistole im Schulterholster und wir spielten das Lied „Ich war tot“. Dilettantisch war es auf jeden Fall. Über das geniale Element kann man streiten (lacht).

1984 sind Sie auf Dauer nach Berlin gezogen. Wie empfanden Sie die Stadt damals?   
Ich kann mich noch an meine Ankunft am Bahnhof Zoo erinnern. Ich stand mit meinem Kumpel mit Bundeswehrsäcken, Lederjacke, blonden Haaren und Bondage-Trousers da. Wir waren die ersten Punkrocker in Münster, da fielen wir voll auf. In Berlin kamen am Ku’damm alte Omis vorbei und guckten nicht. Ich dachte mir: Wie cool ist das denn? Sie hatten solche Leute schon gesehen und nahmen’s locker. In den frühen Achtzigern fühlte man sich in Berlin wie auf einem Festival aller Jugendbewegungen. Es gab klassische linke Skinheads, Punks, Teds, Popper, Mods, ein Spektrum an Vielfalt. Und es gab diese große Gay-Community, die mit Leder, Rasseln und Pfeifen im Metropol feierte. Da fühlte man sich wie später zu Zeiten von House, Techno und Rave: Strobo an, Nebelschwaden, wummernde Beats, durchdrehende Leute.

Ein entscheidender Ort. Im Metropol haben Sie sich als DJ etabliert. Wie kam es dazu?  
Im Metropol legte lange Zeit DJ Chris auf. Ein echter DJ-Gott. Er war einer der ersten in Europa, der die ganze Nacht gemixt hat. Irgendwann kam er nicht mehr mit Geschäftsführer Jacques Ihle klar, die beiden hatten ein Zerwürfnis. Zu der Zeit hatte mein Freund und Förderer William Röttger so einen Second-Hand-Schuppen in seiner Bude, wo er alte 50er-Jahre-Anzüge verkauft hat. Jacques war Kunde bei ihm. William hat mich so angepriesen, dass der Jacques mir eine Chance geben wollte. Es war im Grunde eine totale Dreistigkeit, als Teenie in so einem Tempel aufzulegen. Musikalisch gesehen war es eine spannende Übergangsphase. Im Metropol lief viel Hi-NRG in der Art von Evelyn Thomas oder Dead Or Alive. Diese Musik war mir auf Dauer zu statisch. Ich habe schnell versucht, das Hi-NRG-Konzept mit Electro-Rhythmen, New Wave und den ersten House-Platten zu transzendieren. Das war ein großer Schritt. Wo ich herkam, haben die Leute das Mixen als Verarschung wahrgenommen. Sie empfanden es als eine Täuschung, mit der ein DJ die Leute auf der Fläche zu halten versucht. In Berlin standen schon mal fünf Kids an der Kanzel und fragten sich: Wer isn’n dit jetzt? Das fand ich toll.  

Westbam_frueherGab es damals andere Läden in der Stadt, die Ihnen gefallen haben?
Man hat damals immer so eine Runde gemacht. Ich war nicht wie ein Ur-Berliner auf einen Stadtteil fixiert. Ich wollte alles austesten. Das Großartige an Berlin waren damals schon die tausend Welten, durch die man wandern konnte. Wir sind wie Touristen ins Riverboat am Fehrbelliner Platz gegangen. Da ging für mich das Wochenende los. Wir sind durch diesen Laden gepilgert und bekamen von frisierten Frauen so ziemlich jede Drei-Wetter-Taft-Geruchsnote vor die Nase gesetzt, die man sich denken konnte. Das war eine Show für sich. Dann gab es das Glückstein in den S-Bahn-Bögen in Tiergarten, wo ich die Musik nicht dolle fand. Von da aus war es zum Dschungel in der Nürnberger Straße nicht mehr weit. Mir hatte auch das Linientreu gefallen. Da fühlte man sich wie in einem Museum der Jugendbewegung. Man ging beim Tanzen auf die Mitte zu und machte wieder einen Schritt rückwärts. Das war ein eigenes Ritual. Der zahnlose Norbert war der einzige DJ, der immer eine Palette Bier bei sich hatte. „Burning Down The House“ von den Talking Heads war da der große Konsens-Hit. Jeder Psychobilly, Punk, Ted und New Romantic tanzte dazu. Das war ein einender Moment.  

Vom Bier ist es nicht weit zu den Drogen. Die Plattenfirma Universal verbreitet jetzt in einem Presseinfo, dass „You Need The Drugs“ ein Anti-Drogen-Song sei. Sie haben mit Jugendkultur und Nachtleben zu tun. Zu beidem gehören Drogen. Können Sie da wirklich Position gegen Drogen beziehen?
Ja, ja, diese Pressemitteilung. Es gehen im Leben eben immer irgendwelche Dinge schief (stöhnt). Im Song wird eine Szene beschrieben, wie ein Typ am Morgen seine Freundin beobachtet und genervt ist, weil sie die letzten Drogenreste sucht, gleich wieder zum Dealer will und ihn nur zutextet. Ich gebe zu, dass man so etwas nicht ständig hört. In der Regel werden in der Tanzmusik immer Themen beschrieben, die sich um „get up and dance“ drehen. Für mich ist das ganze Album eine Spinnerei über das Clubleben mit verschiedenen Szenen. Mir sind diese Szenen aus eigener Beobachtung total vertraut. Ich weiß, wovon ich rede. Zu sagen, jetzt kommt der Westbam mit einem Anti-Drogen-Song an, ist genauso ein Scheiß, wie wenn man sagt, dass ich unseren Kindern Drogen verkaufen will. Beides ist Quark. Die Leute sollten das Lied hören und ganz entspannt ein Gefühl für die Szene entwickeln. Dann wird das schon.  

Bald treten Sie wieder auf dem Berliner Summer Rave auf. Staunen Sie nicht selber, wie sich das hier in Berlin entwickelt hat?  Zuerst dachte ich mir: Ein Supermarkt macht eine große Party. Auweia, was wird das wohl werden? Am Ende war es für mich wie eine Erleuchtung. Das Berliner Nachtleben wird ja jetzt von Leuten geprägt, die mit Easyjet anreisen und Berlin für eine Nacht spielen. Teilweise sind Touristen aus Buenos Aires bessere Statisten für das Nachtleben als die Berliner selbst, weil sie chic und kosmopolitisch sind. Aber dann dachte ich beim Summer Rave, dass wieder die ganz normalen Kids da sind, die wie damals im Metropol an der DJ-Box stehen. Als ich zum ersten Mal auf dem Summer Rave spielte, dachte ich, alle wären auf Minimal Techno aus. Auf die müsse ich doch total obskur wirken. Aber nein, sie gingen mit, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Das liebe ich an Berlin. Über Nacht kann sich immer etwas verändern. Du siehst Tausende von Kids beim Skrillex-Konzert, die den abfeiern, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Aber dann ändert sich das Spiel wieder von einer Nacht auf die andere. Ich empfinde das hier intensiver als anderswo auf der Welt. 

Interview: Thomas Weiland

Teaserfoto: Harry Schnitger

Westbam: CD: „Götterstraße“ (Universal)
Berlin Summer Rave mit Westbam u. v. a.  Flughafen Tempelhof, Sa 25.5., 21 Uhr,
VVK: 29,99 Ђ

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