Stadtleben und Kids in Berlin

Migration: arabische Großfamilien in Berlin

Migrationsforscher Ralph Ghadban über die Probleme mit einigen arabischen Großfamilien in Berlin

Ralph_GhadbanHerr Ghadban, können Sie mit dem Begriff der „arabischen Clans“ etwas anfangen?
Ralph Ghadban:
Ja, sicher. Clans und Sippenverhältnisse sind die Regel im Orient. Man vergisst manchmal, dass dort eine Individualisierung der Gesellschaft nicht stattgefunden hat. Auf jeden Fall nicht in dem Maße wie in Europa.

Das ist auch aktuell so?
Wenn staatliche Ordnungen in der Region zerbrechen, dann kommen die Stämme und füllen das Machtvakuum. Wie jetzt im Irak, im Jemen, in Somalia und im ländlichen Syrien. Und mit ihnen kommen ihre Wertvorstellungen an die Macht.

Was bedeutet das konkret?
Die staatliche Justiz wird nicht anerkannt. Als Extrembeispiel: Beim vorsätzlichen Mord will der Stamm oder der Clan über Blutgeld oder Todesstrafe selber entscheiden, unabhängig von der staatlichen Strafverfolgung. In den Scharia-Staaten wie am Persischen Golf erlaubt der Staat selber diese Handlung, weil die Sippenverhältnisse im islamischen Recht integriert sind. Und was wir seit einiger Zeit erleben, ist, dass arabische Clans bestehend aus ehemaligen Flüchtlingen genau diese Verhältnisse in Deutschland und auch hier in Berlin einführen. Sie handeln nach ihren eigenen Regeln.

Da wurden also von Libanon-Flüchtlingen, die in den 80er-Jahren nach Berlin kamen, archaische Traditionen mitgebracht und dann hier über 30 Jahre beibehalten?
Sie wurden hier sogar noch verstärkt. Zunächst: Unter den Libanonflüchtlingen muss man unterscheiden. Es gibt die Libanesen, es gibt die sogenannten Mhallami-Kurden, die eigentlich Araber sind, und die Palästinenser. Die beiden letzteren Gruppen lebten im Libanon auch schon in Ghettos. Deshalb mussten diese Leute zusammenrücken, und so haben sich die Sippenverhältnisse noch verstärkt.

Was genau meinen Sie mit Ghettos?
Sie waren als Flüchtlinge und Migranten von allem gesellschaftlichen Leben und Arbeiten ausgeschlossen. Es ist die schwierigste Gruppe überhaupt. Man hätte sich in Deutschland viel Mühe geben müssen, sie zu integrieren. Aber die Politik unternahm so gut wie nichts, weil man glaubte, sie würden alle zurückgehen.

Sie waren in den 80er-Jahren Leiter der Beratungsstelle für Araber beim Diakonischen Werk Berlin und Anstaltsbeirat in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Wie viele Mitglieder der Clans kennen Sie noch persönlich?
Aus der alten Generation kenne ich die meisten. Viele kamen damals als staatenlose Flüchtlinge über die DDR-Grenze nach West-Berlin und wurden von uns betreut. In meiner jetzigen Tätigkeit habe ich wenig persönliche Kontakte zu ihnen.

In dieser Zeit kam auch Mahmoud al-Zein nach Berlin, ein Clanchef, der es als „Der Präsident“ zu medialem Ruhm gebracht hat …
Ja, den kenne ich auch noch aus unserer ­Beratung. Mit Leuten wie ihm hat es angefangen, seitdem gibt es diesen kriminellen Lifestyle der Clans. Und seitdem überbieten sie sich gegenseitig im negativsten Sinne. Dagegen waren wir alle hilflos.

Hat man das damals unterschätzt? Das Misstrauen von Gruppen wie den Mhallamis gegenüber dem Staat, gegenüber Deutschland? Die kriminelle Energie?
Die deutschen Behörden hatten keine Ahnung. Sie sahen am Anfang nur Libanesen. Mit der Zeit lernten sie, zwischen abschiebbaren Libanesen und nicht abschiebbaren Palästinensern und Mhallamis zu unterscheiden. Später kam die religiöse Dimension, als die Schiiten und die Sunniten aufeinander losgingen, zum Beispiel in den Haftanstalten. Das hat alles aber lange gedauert.

Machen Sie den Behörden denn einen Vorwurf? Oder ist es nicht eigentlich irgendwo auch normal, dass diese erst reagieren, wenn etwas passiert?
Nein, die Behörden sind nicht schuld. Es ist eine politische Angelegenheit, und die Politik wollte diese Leute einfach nicht. Deshalb wurde das Asylverfahrensgesetz verabschiedet, mit restriktiven Auflagen für Aufenthalt und Arbeitsmöglichkeiten. Das hat die Flüchtlinge auch aus der Gesellschaft ferngehalten. Und die Sippenverhältnisse wurden nochmal stärker, als sie im Libanon je gewesen sind. Sie werden immer weiter ausgebaut. Auch weil die Clanchefs jetzt natürlich Vorteile des Systems gegenüber dem deutschen Rechtsstaat sehen. In ihrem Verständnis jedenfalls.

Was sind das für Vorteile?
Wenn ich hier mit Ihnen beiden streite, und wir finden keine Lösung, dann holen wir den Staat. Sippen holen die Sippenmitglieder. Es waren zunächst Sozialarbeiter, die bemerkten, dass deutsche oder türkische Kinder auf einmal eine ganze Sippe von Kindern auf den Spielplätzen gegen sich hatten. Das waren schon in den 80er-Jahren Alarmzeichen, die die Politik nicht gesehen hat. Heute versuchen diese Familien, mit ihren Massenauftritten die Polizei, die Justiz, andere Staatsorgane und die Bürger einzuschüchtern. Es kommen Erpressung, Körperverletzung, Raub, Drogen und andere Straftaten hinzu.

Man kann aber von den Flüchtlingsgruppen auch nicht erwarten, dass sie demokratische Strukturen kennen.
Nein, kann man nicht. Das waren immer Randgruppen, die kennen ausschließlich ­Exklusion und Repression. Und man wird ohne Intervention von außen auch kein soziales Bewusstsein schaffen.

Und wie weit sollten wir als Gesellschaft mit unseren Ansprüchen heruntergehen, um diese Menschen zu erreichen? Muss man zum Beispiel die Vormachtstellung des muslimischen Mannes in der Öffentlichkeit akzeptieren? Oder dass oftmals die Kinder nicht zum Schwimmunterricht dürfen?
Diese Gruppen sind nicht diejenigen, die über unseren Rechtsstaat, über unser Grundgesetz befinden, sondern die Menschenrechte. Keiner der ersten 20 Artikel des Grundgesetzes darf außer Kraft gesetzt werden, auch wenn einige Islamisten sich das so vorstellen.

Der Rechtsstaat muss seine Normen folglich ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten durchsetzen?
Ja! Denn wie wollen wir die Befindlichkeiten integrieren? Konkret: Eine Hauptforderung einiger Muslime ist die Einführung der Scharia im Familienrecht. Wollen wir das haben? Wollen wir wegen des Respekts gegenüber der Kultur die Entwürdigung von Frauen akzeptieren? Tut mir leid, das ist ein Verstoß gegen unser Grundgesetz. Und das wird auch nicht aufgehoben, wenn es, wie von den Islamisten behauptet, angeblich freiwillig in einer Parallelwelt passiert.

Wie muss man das Problem der Parallelgesellschaften und der Clans zum Beispiel in Neukölln oder Wedding ihrer Meinung nach angehen? Mit politischen Mitteln? Mit polizeilichen Mitteln?
Mit politischen Mitteln. Außerdem lagen eine Reihe von Vorschlägen für die Integration vor. Aber jetzt ist es soweit, dass der soziale Frieden gefährdet ist. Wir erleben, wie ein paar Intensivtäter ein ganzes Viertel terrorisieren können. Die Politik hat bis jetzt kein Zeichen dagegen gesetzt.

Sie plädieren für mehr Konfrontation?
Die Aufgabe des Rechtsstaates ist es, den Schutz der Allgemeinheit zu gewährleisten. Auch gegen diese Art von Kriminellen. Aber mir ist natürlich auch klar, dass ein einzelner Streifenpolizist da wenig ausrichten kann. Aber man muss das Problem angehen. Ich sage es nochmal ganz klar – diese Clans betrachten unsere liberale Gesellschaft als Beute. Ihre Verachtung für unsere Werte ist grenzenlos, und es gibt einen Hass auf alle, die nicht Teil ihrer Gesellschaft sind.

Welche Chance hat man mit Bildungs – und Integrationsangeboten?
Das muss man immer versuchen. Aber wenn es nicht gelingt, etwas gegen die inzwischen international gut vernetzten Clans zu unternehmen, wenn die illegalen und kriminellen Geldquellen also weitersprudeln, wird es sehr schwer werden, deren Jugendliche von ehrlicher Arbeit zu überzeugen.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von den Islamkonferenzen und den Inte­grationsgipfeln?
Ich war bei der ersten Islamkonferenz dabei. Und die war von Seiten des Staates ein guter Schritt, wurde dann aber von den muslimischen Organisationen benutzt, um ihre Posi­tionen zu verfestigen – außerhalb des Grundgesetzes. Und die deutschen Multikulti-­Anhänger gaben dem nach. Das verstehe ich nicht. Dann muss sich niemand integrieren, dann wird deren Wertesystem maßgeblich und nicht der deutsche Rechtsstaat. Und wer Kritik daran übt, wird als ausländerfeindlich oder, ganz aktuell, als islamophob stigma­tisiert.

Den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit oder Islamfeindlichkeit können Sie nicht verstehen?
Nein, kann ich nicht. Ich bin nicht gegen den Islam. Aber jede Religion hat sich dem ­Gesetz unterzuordnen. Und mir kann man sicher nicht vorwerfen, keine Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit zu haben.

Wie meinen Sie das?
Ich kam 1972 nach Berlin, ich habe das durchaus erlebt. Aber die Zeiten ändern sich. Ich konnte damals nur über meine deutsche Frau eine Wohnung mieten, heute leben in unserem Haus neun Personen ausländischer Herkunft – problemlos. Es gibt seit den 1980er/90er-Jahren eine Öffnung der deutschen Gesellschaft. Und auf der anderen Seite bin ich fest davon überzeugt, dass die Mehrheit der Muslime gut integriert ist. Aber die muslimischen Verbände haben diese Entwicklung nicht begleitet und vertreten einen traditionellen bis islamistischen Islam. Und auch von denen und den religiösen Führern muss man verlangen, dass sie sich auf unsere Gesellschaft und deren Werte und Normen zubewegen. Die Religion wird von ihnen und den Clanchefs zum Machterhalt benutzt, und durch die Anerkennung durch deutsche Poli­tiker werden sie auch noch darin bestärkt. Das ist eine Katastrophe.

Was sagt eigentlich die arabische Community zu Ihren Thesen?
In meinem beruflichen Leben habe ich mehr mit Türken als mit Arabern zu tun – und unter den Türken gibt es eine große säkulare Fraktion, die tatkräftig die Demonstranten auf dem Taksim-Platz unterstützte. Im Gegensatz zu den Arabern. Von deren Verbänden ist zum Thema arabischer Frühling gar nichts gekommen.

Es gibt einen Mordaufruf ägyptischer ­Geistlicher gegen den Islamkritiker Hamed ­Abdel-Samad …
… der ein deutscher Staatsbürger ist.

Erklärt die Angst, als islamophob zu gelten, auch, warum gerade dieser Mordaufruf ­unter deutschen Prominenten fast keinerlei Proteste hervorgerufen hat?
Ja, das ist das Problem. Multikulti hat eine Grundlage unserer Demokratie, nämlich die Religionskritik, weitgehend zerstört und die Religionskritiker kriminalisiert. Abdel-­Samad ist für sie, schätze ich, ein Islamophober, weil er in Ägypten den Islam in einem Vortrag kritisierte. Von Deutschland kann er keine Unterstützung erwarten.

Glauben Sie, dass die Öffentlichkeit, die der Abou-Chaker-Clan durch seine Verbindung mit dem Rapper Bushido erfahren hat, dem Clan schadet?
Jede Öffentlichkeit schadet ihnen, das realisieren sie nur noch nicht. Es ist immerhin gut, dass die Berichterstattung nicht mehr halb bewundernd ist, wie sie es in der Hochzeit des „Präsidenten“ war, der sich vor den Kameras produzieren durfte. Es scheint in den Medien angekommen zu sein, mit welchen Methoden die Clans arbeiten. Und es scheint auch angekommen zu sein, dass diese Leute eine Bedrohung darstellen. Immerhin. 

Interview: Iris Braun & Erik Heier
Foto: David von Becker

 

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