Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Anonymus“

War Shakespeare ein Analphabet? Roland Emmerich nimmt mit seinem Film Urlaub vom Blockbuster-Kino und sucht nach dem Autor von "Hamlet".

Anonymus

Roland Emmerich ist ein begeisterungsfähiger Mann. Seine Projekte begleitet er stets mit überschwänglichem Enthusiasmus, ob es um den Gründungsmythos der USA („Der Patriot“) geht, den Klimawandel („The Day After Tomorrow“), um japanische Kult-Monster („Godzilla“) oder das Ende der Welt, wie es ein Maya-Kalender prognostiziert („2012“). Jetzt ist William Shakespeare dran, oder genauer: der Autor hinter dem Autor.
Als Emmerich im Frühsommer 2010 in Babelsberg „Anonymus“ und einige eindrucksvolle Bauten vorstellte, war er mit derselben Leidenschaft bei der Sache, mit der er sonst auch seine Blockbuster vorantreibt. Im Kern, so der Regisseur, ginge es ihm nicht nur um die Frage, wer wirklich die Shakespeare-Werke geschrieben habe, sondern auch darum, das England des 16. Jahrhunderts unter Elisa­beth I. als totalitären Staat zu demaskieren. Emmerich sieht sich als Rebell: Mit „Anonymus“ stelle er sich gegen Hollywood, wo der Film nicht realisierbar gewesen wäre, gegen den akademischen Mainstream, der die Urheberschaft Shakespeares nie ernsthaft in Frage gestellt hat, und gegen historische Aufzeichnungen, denen man ohnehin nicht trauen dürfe.
AnonymusAls Kampf eines Mannes gegen ein übermächtiges System und eine komplexe Verschwörung erzählt Emmerich auch „Anonymus“. Der Protagonist seiner Geschichte ist Edward de Vere, Earl of Oxford (Rhys Ifans), ein liberaler Geist mit ausgeprägtem schriftstellerischen Drang. Oxford leidet darunter, dass sich die alt gewordene Königin Elisabeth (Vanessa Redgrave) politische Entscheidungen von ihrem Berater, dem buckligen Puritaner Robert Cecil (Edward Hogg), einflüstern lässt. Um dem repressivem Spuk von Cecil und seinen sinistren Schlägertrupps ein baldiges Ende zu bereiten, setzt Oxford nicht nur auf befreundete Fürsten und den jungen Earl of Essex (Sam Reid) als möglichen Thronfolger, sondern auf den gerechten Zorn der englischen Massen. Die lassen sich gerne im Theater unterhalten und vielleicht auch aufwiegeln.
Als Strohmann für Stücke wie „Henry V.“ oder „Romeo und Julia“ wählt de Vere den Bühnenautor Ben Jonson (Sebastian Armesto). Der will sich nur widerwillig in seine Rolle fügen, bald wird die ihm von dem versoffenen Schauspieler, Lebemann und funktionellen Analphabeten William Shakespeare (Rafe Spall) abgenommen. Mit „Richard III.“ sollen Volk und Königin wachgerüttelt und England auf den richtigen Weg gebracht werden. Doch dazu kommt es nicht.
Kritikern, die allerlei historische Ungenauigkeiten bemerkten, entgegnete Emmerich bereits, sein Film solle nur die „emotionale Wahrheit“ zeigen. Aber schwerer als mangelnde Faktentreue oder die heikle Prämisse des ganzen Projekts (ist Shakespeares Autorenschaft fraglich, und ist das interessant?) wiegt die unentschlossene und unschlüssige Inszenierung, die zu keinem überzeugenden Ganzen findet; das Politische geht schnell zwischen selbstmörderischen Leidenschaften, königlichen Inzestszenarien und Säbelduellen verloren – der Hobbyhistoriker Emmerich überlässt dem Entertainer Emmerich nur zu gerne den Platz.
Das kleinteilige Kammerspiel verwandelt sich durch zahllose Nebenerzählungen und nicht immer zwingende Rückblenden in einen klotzigen, konfusen Historienschinken. Weder realistische Details (schwarze Königinnenzähne) noch dekorative Männerfiguren können dabei verhindern, dass ein Schlüsselsatz Oxfords wie die vorauseilende Kritik an Emmerichs Film klingt: „Jegliche Kunst ist politisch, sonst wäre es lediglich Dekoration.“

Text: Thomas Klein

Fotos: Sony Pictures

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Anonymus“ im Kino in Berlin

Anonymous, Großbritannien/Deutschland 2011; Regie: Roland Emmerich; Darsteller: Rhys Ifans (Edward de Vere), Vanessa Redgrave (Königin Elisabeth), Joely Richardson (junge Elisabeth); 130 Minuten; FSK 12

Kinostart: 10. November

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