Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Cäsar muss sterben“

Cäsar muss sterben

Am Anfang steht eine Bühnenaufführung von William Shakespeares „Julius Caesar“. Die letzten Dialoge werden deklamiert, Brutus stürzt sich ins Schwert, schließlich begeisterter Applaus für die Schauspieler. Doch dann schließen sich hinter jenen, die hier gerade noch gefeiert wurden und sich selbst so ungemein über die gelungene Aufführung freuten, wieder die Türen ihrer Gefängniszellen. Denn die Schauspieler sind auch Schwerverbrecher, sie sitzen ein im Hochsicherheitstrakt des römischen Gefängnisses Rebibbia und haben sich in ihrem Leben davor weniger mit Kunst, als vielmehr mit Mord, Drogenhandel und anderen mafiösen Verbrechen beschäftigt.   
Die Theatergruppe im Gefängnis gibt es wirklich, seit 2002 wird dort unter der Leitung des Theaterregisseurs Fabio Cavalli jedes Jahr ein neues Stück erarbeitet. Doch der Film, den die Brüder Paolo und Vittorio Taviani jetzt über die Proben zu „Julius Cäsar“ gedreht haben, ist keine konventionelle Dokumentation des Projekts, sondern eine mit großem handwerklichen und künstlerischen Geschick vorgenommene Neuinterpretation von Shakespeares Stück. Folglich sieht man die Häftlinge hier vornehmlich als kompetente und talentierte Schauspieler, für die die Zellen und Gänge ihres Gefängnisses zu Orten eines in filmische Szenen aufgelösten Dramas werden, klassisch ausgeleuchtet und gefilmt in anti-naturalistischem Schwarz-Weiß.
Ergänzt wird das Drama um wenige – ebenfalls als Inszenierung kenntlich gemachte – dokumentarische Einsprengsel, etwa eines Castings, das uns zugleich die Hauptprotagonisten vorstellt, oder einiger Erinnerungen der Häftlinge, die mit klar erkennbaren Kunstdialogen in Szene gesetzt sind. Und ein klein wenig haben die Tavianis bei der Auswahl der Schauspieler auch „gemogelt“: Salvatore Striano, der Darsteller des Brutus, hat seine Strafe in Rebibbia nämlich bereits abgesessen, er lebt wieder in Freiheit und arbeitet heute – als Schauspieler.
Um profanen Gefängnisalltag geht es in „Cäsar muss sterben“ nur ganz am Rande, eher schon um – oftmals durchaus schlüssige – Analogien zwischen Shakespeares Drama und dem Leben der Häftlinge: Handelt „Julius Caesar“ doch von Freiheit und Tyrannei, von Loyalität und Verschwörung, von Fragen nach ehrenwertem Verhalten und nicht zuletzt auch von der Macht des Wortes – von Themen also, mit denen sich die Gefängnisinsassen in ihrer eingeschränkten Welt fast zwangsläufig auseinandersetzen müssen.
Für diesen Blick auf Schwerverbrecher, die ganz in einer Kunst aufgehen, die auch ihr eigenes Leben reflektiert, gewann „Cäsar muss sterben“ bei der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären als bester Film: ein Preis zwar nicht für zukunftsweisende Inszenierungsstrategien (weshalb gelegentlich auch genörgelt wurde), sondern für solide klassische Filmkunst, die durchaus berührt und einmal mehr verdeutlicht, dass Kunst das Leben wohl doch ein wenig verändern kann.

Text: Lars Penning

Foto: Camino Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Cäsar muss sterben“ im Kino in Berlin

Cäsar muss sterben (Cesare deve morire), Italien 2012; Regie: Paolo und Vittorio Taviani; Darsteller: Cosimo Rega (Cassius), Salvatore Striano (Brutus), Giovanni Arcuri (Cäsar); 77 Minuten; FSK 6

Kinostart: 27. Dezember

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