Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Der Fall Wilhelm Reich“ mit Klaus Maria Brandauer

Orgonladegerät: Der Fall Wilhelm Reich erzählt mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle von den späten Jahren des umstrittenen Sexualtherapeuten

Der_Fall_Wilhelm_Reich_07_c_EvaKees_MovienetFilmverleihWilhelm Reich einen schillernden Charakter zu nennen, ist noch milde ausgedrückt. Der 1897 geborene Sohn eines galizischen Gutshofbesitzers kam nach dem 1. Weltkrieg während seines Medizinstudiums in Wien mit der Psychoanalyse in Kontakt und wurde schnell zu einem glühenden Anhänger Sigmund Freuds. Als er dessen Libidotheorie weiterentwickelte zu einem Konzept der Massenheilung und Weltrettung durch die Energie des genitalen Orgasmus, kam es zum Bruch mit dem zunehmend kulturpessimistisch eingestellten Begründer der Psychoanalyse.

Mit Reichs Umzug nach Berlin 1930 politisierte sich sein Denken, er schloss sich den Kommunisten an. Aber auch hier kam es bald zum Zerwürfnis, da die Genossen das mit der Befreiung der Menschheit so körperlich-konkret nun auch nicht gemeint haben wollten. Auf der Flucht vor den Nazis gelangte er schließlich in die USA und errichtete in Maine ein Laboratorium zur Erforschung des von ihm entdeckten Orgons, einer körperlich-kosmischen Energie, deren Ungleichgewicht für alles Elend auf der Welt verantwortlich sein sollte, von der Individualneurose bis zur Atombombe. Wissenschaftlich isoliert und als sexfixierter Scharlatan von der Öffentlichkeit wie von den Staatsorganen misstrauisch beobachtet, arbeitete er in der ländlichen Abgeschiedenheit mit einer kleinen Gruppe von Anhängern am Bau von „Orgon-Akkumulatoren“ und „Cloud-Bustern“, mit denen sich die Himmelverpanzerung der Wolken wieder in einen fließenden Zustand versetzen lässt. Auf diese späten Jahre konzentriert sich Antonin Svobodas Film „Der Fall Wilhelm Reich“ und zeichnet die familiären und wissenschaftlichen Niederlagen nach bis zum Tod Reichs 1957 im Gefängnis – dessen natürliche Ursache, anderes als der Film behauptet, durch eine Autopsie nachgewiesen wurde.

Dieser legere Umgang mit den Tatsachen ist programmatisch für die Erzählweise einer als Politthriller getarnten Heiligenlegende, die völlig widerspruchsfrei den Kampf des aufrechten Einzelnen gegen die Machenschaften eines repressiven Staatsapparates verherrlicht. So ist ein in seinen Verweisen unübersichtlicher und zugleich seltsam statischer Film entstanden, mit dem Großschauspieler Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle als Buddha im Arztkittel. Der Rest des prominenten Ensembles spielt im Vakuum, liefert kaum mehr als vage Skizzen vor monumentaler Landschaft. In seiner – schon fast ironischen – Energielosigkeit funktioniert der Film weder als gesellschaftlicher Spiegel, der mit der McCarthy-Ära eine heute wieder fatal vertraute Sicherheitsparanoia vorstellt, noch wird er der historischen Bedeutung Reichs gerecht, dessen Grundlagenarbeit bis heute in der Psychosomatik nachwirkt. Zehn Jahre nach seinem Tod wurden Reichs Werke Pflichtlektüre einer Protestbewegung, deren Freiheitsbegriff auch und gerade beim Umgang mit der Sexualität ansetzte. Aus der heutigen Perspektive einer hypersexualisierten medialen Öffentlichkeit erscheint das Reichsche Befreiungspathos im Zwielicht einer Dialektik der Aufklärung, der mit den Mitteln des unkritischen Bio-Pics kaum beizukommen ist.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Eva Kees / Movienet Filmverleih

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: Der Fall Wilhelm Reich“ im Kino in Berlin

Der Fall Wilhelm Reich Österreich 2012; Regie: Antonin Svoboda; Darsteller: Klaus Maria Brandauer (Wilhelm Reich), Julia Jentsch (Eva Reich), Kenny Doughty (Paul); 110 Minuten; FSK k.A.;

Kinostart: 5. September

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