Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Fräulein Else“

Die Wiener Regisseurin Anna Martinetz hebt Arthur Schnitzlers Novelle mit einer überzeugenden Neuverfilmung in die Gegenwart.

Fräulein Else

Else, eine junge Frau aus gutem Hause, kommt gerade vom Tennis, als sie in ihrem Hotelzimmer eine Nachricht von ihren Eltern vorfindet. Es herrscht dringender Geldbedarf. Der Vater ist, offensichtlich nicht zum ersten Mal, in eine finanzielle Klemme geraten. Es geht um 300?000 Euro, eine „Bagatelle“, wie die Mutter schreibt. Doch auch diese Summe will erst einmal verdient sein, wie Herr Dorsday sagt, ein reicher Junggeselle, der auch in dem Hotel abgestiegen ist, in dem Else ihre Ferien verbringt. Der Auftrag ist klar. Else soll diesen Dorsday ansprechen und ihn bitten, das Geld zur Verfügung zu stellen, das bei Androhung eines andernfalls sofort zu exekutierenden Haftbefehls gegen ihren Vater in nur zwei Tagen aufgetrieben werden muss. Kein Wunder, dass Else nach diesem Fax nicht in der Lage ist, einfach so zum Abendessen zu gehen. Sie stellt sich stattdessen vor einen Spiegel und beklebt ihren Körper mit Post-its.
Das ist eine von vielen ebenso verblüffenden wie überzeugenden Ideen, mit denen die in Wien geborene Anna Martinetz ihre Verfilmung von Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ ins Heute holt. Die Parallelen zwischen der aus dem Jahr 1924 stammenden Vorlage und der gegenwärtigen Ära der Kreditkrisen und Bail-outs sind auch tatsächlich augenfällig. Wobei die Schärfe des Vergleichs noch dadurch erhöht wird, dass Elses Vater „Mündelgelder“ veruntreut hat, also ihm anvertrautes Geld von Abhängigen, das eigentlich so sicher wie nur irgend möglich verwaltet werden müsste.
Fräulein ElseDas Spiel mit den Gegenwartsbezügen macht eine wesentliche Dimension von Anna Martinetz’ „Fräulein Else“ aus. Eine andere ergibt sich aus der Wahl des Drehorts: Das indische Mussourie in den Ausläufern des Himalaya, ein Ort in dünner Luft, „wohl einer der schönsten Flecken auf der ganzen Erde“, wie es an einer Stelle heißt. Ein Ort auch, der von Ruinen geprägt ist, von einer Anti-Akropolis auf einem extrem abschüssigen Hang, auf der Martinetz die Aussprache zwischen Else und Dorsday gedreht hat.
Die Geschichte von Fräulein Else, die bei Schnitzler auch so etwas wie ein verspätetes Ende der nach dem Weltkrieg unrettbar in Inflation und Spekulation aufgegangenen Gründerzeit darstellt, wird bei Anna ?Martinetz zu einem Drama vor kolonialem Hintergrund. Die Figuren tragen Kostüme, die aus dem Theaterfundus zu stammen scheinen; sie sprechen aber mit Einheimischen, und einmal tanzt Else auch mit ihnen, und es wird klar, dass zwischen den Nöten der Elite und dem Leben der Menge ein Unterschied besteht, der eher eine Illusion darstellt, auch wenn er alles durchwirkt.
Fräulein ElseBei Schnitzler ist der ganze Text aus der Perspektive von Else geschrieben. Sie ist es, die spricht, die von ihrem Dilemma erzählt, die uns an einer Art therapeutischer und gleichzeitig selbstzerstörerischer Kompromissbildung teilhaben lässt, nachdem Dorsday seine finanzielle Unterstützung mit einer Bedingung verknüpft hat, die Else buchstäblich als Objekt des Begehrens bloßstellen soll. Diesen inneren Monolog hält Anna ?Martinetz weitgehend aus ihrem Film heraus, indem sie ihn aus der Sprache in die Bilder und in die Montage überträgt. Sie macht ihn filmisch, und das ist die herausragende Qualität von „Fräulein Else“: dass hier die Adaption tatsächlich in einer Verwandlung der erzählerischen Mittel besteht. Martinetz gewinnt damit eine Freiheit, die es ihr schließlich sogar ermöglicht, einen Besuch von Angela Merkel bei einem deutschen Karnevalsverein mit Bollywood-Motiven zu verbinden, ohne dass dies auch nur im Geringsten gewollt wirkt.
So entfaltet sich „Fräulein Else“ in nur siebzig Minuten an der Schwelle zwischen Urlaubstraum und Alptraum, zwischen der Skyline eines Finanzdistrikts und den Armenvierteln einer indischen Touristendestination, zwischen Geld und Sexualität, den beiden zentralen Attraktionsmomenten in modernen Gesellschaften. Dorsday verbrämt sein Begehren als „stille Andacht“, doch er gehört, auch das zeigt Anna Martinetz beiläufig in ihrer gleitenden Montage, zu einer Gesellschaft von Großwildjägern. Else hingegen hat an ihrer Seite nur einen imaginären Tiger, der im richtigen Leben längst als Beute und ausgestopft das Interieur der profitierenden Klasse schmückt.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: Jakob Wiessner

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Fräulein Else“ im Kino in Berlin

Fräulein Else, ?Deutschland/Österreich/Indien 2013; Regie: Anna Martinetz; Darsteller: Korinna Krauss (Fräulein Else), Martin Butzke (Dorsday); ?70 Minuten; FSK 0

Kinostart: 22. Mai

Kommentiere diesen Beitrag