Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Global Player – Wo wir sind isch vorne“

Hannes Stöhr, der Regisseur von "Berlin is in Germany", hat einen komischen und klugen Film über seine süddeutsche Heimat im Prozess der Globalisierung gemacht.

Globalm Player

Einer erlebt den Mauerfall in einem Berliner Knast, kommt erst elf Jahre später frei und findet eine fremde Gesellschaft vor. Ein anderer lebt nur für seine Techno-Musik und verliert sich fast dabei. Zwei lebensnahe Geschichten, zwei berührende Filme: „Berlin is in Germany“ (2001) und „Berlin Calling“ (2008). Gemacht hat sie ein Mann, der nicht in Berlin geboren wurde. Einer aus dem Süden. Ein Schwabe ausgerechnet. Einer, der, ginge es nach manchen Lokalpatrioten, aus Prenzlauer Berg gejagt werden müsste, weil … Genug!
Hannes Stöhr
heißt der Regisseur dieser stimmungssatten Berlin-Filme. Seit 20 Jahren lebt der gebürtige Sickinger in Prenzlauer Berg und freut sich, noch immer dort zu wohnen. Nun lädt er zur Besichtigung seiner Heimat ein, um etwas zu verstehen, das er den Geist Baden-Württembergs nennt.
„Global Player – Wo wir sind isch vorne“ heißt sein vierter Spielfilm, in dem auch geschwäbelt wird, aber nicht zu sehr. Das Drama mit viel Komik führt nach Hechingen auf der Schwäbischen Alb, zur Firma „Bogenschütz & Söhne“, einem mittelständischen Hersteller von Textilmaschinen. Seit drei Generationen existiert der Betrieb, doch nun droht durch die asiatische Konkurrenz das Aus. Paul ?Bogenschütz hat das Unternehmen nach dem Krieg nach vorne gebracht und kann selbst mit 90 Jahren nur schwer die Zügel aus der Hand geben. Misstrauisch und halsstarrig beäugt der Witwer die Entwicklung seiner Kinder: Matthias (Stefan Hallmayer), der Älteste, hat sich dem väterlichen Zugriff total verweigert und versucht in Thailand sein Glück. Marlies (Inka Friedrich) verbessert von Köln aus die Welt mit Yogastudios und Sinn für Nachhaltigkeit, und Marianne (Ulrike Folkerts) arbeitet als Übersetzerin in Berlin. Also hat vor einigen Jahren der Jüngste die Leitung der Firma übernommen: Michael, gespielt von Christoph Bach.
Global PlayerHannes Stöhr hat sein Familiengemälde sehr komplex gestaltet. Manchmal vielleicht einen Tick zu sehr. Aber so steckt eben ?alles drin, was im Schnitt die Familien derer bewegt, die wie Paul Bogenschütz zunächst Hitler hinterhermarschierten, bevor sie ihren fatalen Irrtum verstanden und sich seitdem in Grund und Boden schämen – sprachlos geworden wie Paul.
Walter Schultheiß, der große Tübinger Volksschauspieler, besticht in der Rolle dieses alten Grantlers und ehemaligen Wirtschaftswundermachers. „Finger weg vom Chines“, warnt er unermüdlich, doch blind geworden für die Zeichen der Zeit. Um sein Lebenswerk zu retten, will er nun die Häuser seiner Kinder mit Hypotheken belasten und reist quer durch Deutschland zu seinen Töchtern. Dabei verliert er sich nicht nur in Kriegserinnerungen, die Stöhr mit Originalmaterial der Zerstörungen schwarzweiß bebildert, sondern spricht bei Zusammentreffen mit Mariannes jüdischem Mann erstmals von seinen Kriegstraumata. Bewegend und kathartisch. Eine Wahnsinnsrolle.
Als Paul diese Reise antritt, weiß er noch nicht, dass Michael sein Haus längst der Bank übertragen hat, damit die Firma ein Jahr länger durchhalten kann. Dank einiger für den ganzen Weltmarkt wichtiger Patente mag die Firma sich als Kaufobjekt zwar lohnen, aber sind die Chinesen, die Michael am Vater vorbei umwirbt, wirklich die Rettung?
Welche anderen Lösungen angesichts der Wirtschaftslage möglich wären, zu solchen Hypothesen lässt sich Hannes Stöhr nicht verleiten. Sein „Global Player“ bebildert nicht nur die Realität, sondern fragt nach unternehmerischem Ethos angesichts fehlender gesellschaftlicher Perspektiven. Denn Unternehmer wie die Bogenschützs, die mit ihrem Eigentum für die Firma haften, werden immer seltener und kostbarer denn je.
Der Blick zurück nach Baden-Württemberg inspirierte Stöhr zu dieser Thematik. „Ich habe zu Hause einige Freunde, die aus Familien mittelständischer Unternehmen kommen. Einer leitet eine Textilfirma und fährt zwei Mal im Monat nach China. Ein anderer fliegt regelmäßig nach Hongkong, der nächste arbeitet in Australien. Die sind der Globalisierung viel direkter ausgesetzt, als man es sich hier vorstellen kann“, sagt Hannes Stöhr im Interview direkt gegenüber dem Brandenburger Tor. Als Gastdozent der Filmakademie Ludwigsburg pflegt er den Kontakt mit daheim und staunt über die Gespräche, die seine Freunde beim Feierabendbier führen. Da geht’s um Globalisierung und die Chancen und Risiken, die China bietet – nicht abgehoben, sondern direkt aus der Praxis jener Firmen, die als sogenannte Hidden Champions weltweite Spitzenstellungen einnehmen. Viele stehen auf der Einkaufsliste chinesischer Investoren, die Stöhr im Film bewusst auf Augenhöhe präsentiert.
Und sonst? Jede Menge Situationskomik, wenn Michael und Marlies Bogenschütz in Shanghai mit einer übermächtigen Delegation ihre Verhandlung ausfechten, die greifbare Spannung in unbequemen Pausen, wenn die Dolmetscherin Maultaschen in „Maulbaobao“ übersetzt und das Schwabenland in „südliche Provinz“. Diese Region mit neuen Augen zu betrachten lohnt sich – selbst für Weggezogene wie Hannes Stöhr: „Mit diesem Film habe ich angefangen, meine Heimat neu zu bewerten. Da herrscht ein ganz anderer Geist, die ehemalige Provinz ist heute Avantgarde.“

Text: Cristina Moles Kaupp

Fotos: Wolfgang Schmidt / sabotage films

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Global Player – Wo wir sind isch vorne“ im Kino in Berlin

Global Player – Wo wir sind isch vorne?, Deutschland 2013; Regie: Hannes Stöhr; Darsteller: Walter Schultheiß (Paul Bogenschütz), Christoph Bach (Michael Bogenschütz), Inka ?Friedrich (Marlies Bogenschütz); 98 Minuten; FSK 0

Kinostart: 3. Oktober

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