Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Material“ von Thomas Heise

Premierenaufruhr, Gefängnisrevolten, Germania-Proben:?Thomas Heise setzt in seinem Filmessay "Material"losgelöste Bilder aus seinem Archiv zu einer alternativen Wendegeschichte zusammen

material_2Es gibt eine Science-Fiction-Geschichte, die der Dokumentarist Thomas Heise im Zusammenhang mit seinen frühen Filmen „Das Haus„, „Volkspolizei“ oder „Imbiss – Spezial“ erzählt. Diese kurzen Arbeiten aus den 80er Jahren zeichnen ein unerhört direktes Bild des Behörden-, Polizei-, Kneipen- und Arbeiteralltags der DDR – um den Preis, dass sie unsichtbar blieben. Die Geschichte, die Heise seinerzeit so beeindruckte, handelt von Astronauten, die auf einem von Affen besiedelten Planeten gestrandet sind. Doch die Affen erweisen sich als überaus lästig, ständig stehlen sie Sachen aus dem Raumfahrerzelt.

Eines Tages macht sich einer der enervierten Astronauten auf eine Wanderung in die Berge auf. Als er nach seiner Rückkehr berichten soll, was ihn so lange aufgehalten hat, nimmt er die anderen mit zu einem Höhlensystem, in dem Wandmalereien mit Mi­ckeymäusen zu sehen sind. Er hat sie dort aufgemalt. „Damit die Affen etwas zum Nachdenken haben, wenn sie eines Tages zu sprechen beginnen“, sagt der Astronaut.

MATERIAL_1Thomas Heises Arbeiten wanderten in der DDR direkt ins Archivregal, aber Filmmaterial, das tröstete ihn damals, hält ge­schätz­te 300 bis 400 Jahre. „Unsere Idee war, dass man die Filmrollen zum hundertsten Jahrestag der DDR in den Archiven findet, wenn jemand eine Filmreihe zusammenstellen will und sich die Dose greift, auf der nur steht: ,Das Haus – 1984‘. Und dann mit dieser Nachricht aus der Vergangenheit konfrontiert wird.“

Wandmalerei­en können viele Gestalten annehmen. Man kann wieder an Heises Zukunftsfabel denken, wenn man seinen jüngs­ten Film betrachtet, ein im Rahmen des Mauerfalljubiläums von der Bundeskulturstiftung geförder­tes Projekt, das sich gegen schnelle Genre-Zuordnungen sperrt. „Im­mer bleibt etwas übrig, ein Rest, der nicht aufgeht. Dann liegen die Bilder herum und warten auf Geschichte.“ Dieser Satz steht am Beginn von „Material„. Zu sehen ist dazu eine Brache in einer ostdeutschen Stadtlandschaft, ein Ruinenfeld irgendwo in Halle, halb aufgeräumt, in dem Kinder spielen. Sie schleifen lange Röhren über das Geröll. Sie bauen mit ihnen Brücken, die nirgendwohin führen und vielleicht doch überallhin.

„Material“ ist aus einem Dutzend kleiner Filme zusammengesetzt, die Heise zwischen 1988 und 2008 gedreht hat, Material, für das es keine Verwendung gab, das liegen blieb. Als Doku über die Wende und ihr Echo ist das so provokant wie Heises Arbeiten über ostdeutsche Familien (von „Stau – Jetzt geht’s los“ bis „Kinder. Wie die Zeit vergeht“) mit ihrem unaufgeregten Blick auf rechte Jugendmilieus. In „Material“ gibt es eine irritierend heterogene Fülle: Aufnahmen von Fritz Marquardts Probenarbeiten zu Heiner MüllersGermania Tod in Berlin“ aus dem Jahr 1988, den Demonstrationszug vom 4. November 1989 Unter den Linden. Schabowski, der auf dem Alexanderplatz ausgepfiffen wird, eine Versammlung der SED- Grundorganisationen, vor der ZK-Sitzung, die Egon Krenz in Stellung bringt. Frauen und Männer, die glauben, es wäre noch Zeit, etwas zu ändern: „Wir fangen doch schon wieder falsch an!“, sagt einer von ihnen verzweifelt: „Wir müssen endlich Schluss machen mit dem Stalinismus in der Partei!“ Heise ist mit seiner Kamera mittendrin. Nicht an der Mauer, wo das Sys­tem sichtbar zusam­menbricht, sondern dort, wo die Menschen meinen, noch einen Spielraum zu haben, wo die Zukunft noch ungewiss scheint. …

Den ganzen Artikel unsere tip-Redakteurs Robert Weixlbaumer lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 11/09.

tip-Bewertung
Herausragend

Material Deutschland 2009 Regie: Thomas Heise; Schwarz-Weiß und Farbe, 166 Minuten

Kinostart: 14. Mai im Central (täglich) und FSK (Sonntagsmatinee)