Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Out in Ost-Berlin“

Der Dokumentarfilm "Out in Ost-Berlin" sucht nach Spuren schwul-lesbischer Erfahrungen in der DDR

Out_in_Ost_Berlin_05_c_deja_vu_filmSchon im Berlinale-Jahrgang 2012 befasste sich ein Dokumentarfilm erstmals mit dem Thema Homosexualität in der DDR: „Unter Männern – Schwul in der DDR“ von Ringo Rösener und Markus Stein. Ein Jahr später folgt ein weiterer Film zum Thema. Jochen Hick und Andreas Strohfeldt erweitern den Blickwinkel auf lesbische Frauen und deren Erfahrungen in dem sozialistischen Regime, das zwar 1968 den aus der Nazizeit herrührenden Paragraphen 175 abschaffte, der Homosexualität unter Strafe stellte. Dem Westen des Landes war die DDR damit einen Schritt voraus – was vordergründig progressiv anmutete. Näher betrachtet aber sahen sich Homosexuelle, die ihren Lebensstil abseits von muffigen Verstecken wie den „Klappen“ ausleben wollten (öffentlichen WCs), bis in die Achtzigerjahre hinein mit Schikanen konfrontiert. Dies geht aus den Interviews der Filmemacher mit Zeitzeugen hervor, die höchst unterschiedliche Lichter auf Selbstverständnis und Erfahrungen Schwuler und Lesben mit der Staatsmacht werfen. Hick und Strohfeldt nehmen sich dabei selbst zurück und lassen den Interviewpartnern Raum, oft mit angenehmem Gespür für vielsagende Gedankenpausen.

So bleibt jedem selbst überlassen, einzuschätzen, wie tief diskriminierende Erfahrungen in den Knochen sitzen. Erlebnisse etwa wie die von Pastor und Aktivist Eduard Stapel – dem einzigen Befragten, der auch zu den Protagonisten in „Unter Männern“ zählt –, auf den die Stasi sogenannte Romeos ansetzte, um seinen intimen Raum zu infiltrieren. Eindrücklich auch die Erinnerungen von Marina Krug an eine Verhaftung unter fadenscheinigen Gründen bei einem geplanten Besuch des KZs in Ravensbrück zur Ehrung ermordeter lesbischer Frauen. Aufgewachsen in einer Elite-Jugendschmiede nahe Berlin, reiste sie in den Achtzigerjahren in den Westen aus. Nicht alle der Berichte rühren an persönliche Abgründe. Der Theatermann Peter Bausdorf etwa erinnert sich mit romantischer Nostal­gie an heimliche Feste mit selbst aufgezogenen Travestie-Nummern vor kleiner Runde in privaten Wohnzimmern. Wer dieser Tage nach Russland blickt, spürt den polarisierenden Gehalt einer solchen Haltung, die nur für sich beansprucht – so der Senior –, ein unauffälliges „ganz normales Leben“ führen zu dürfen. So betrachtet ist „Out in Ost-Berlin“ für jeden politisch interessierten Menschen von Belang, ob queer oder nicht.

Text: Ulrike Rechel

Foto: dйja-vu film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Out in Ost-Berlin“ im Kino in Berlin

Out in Ost-Berlin Deutschland 2013; Regie: Jochen Hick, Andreas Strofeldt; 94 Minuten; FSK 12

Kinostart: 31. Oktober 2013

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