Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Sieniawka“

Wildes Denken: Marcin Malaszczak legt einen Dokumentarfilm über eine psychiatrische Anstalt vor, der immer wieder an Science-Fiction grenzt und dabei Spuren der Geschichte sammelt.

Sieniawka

Männer in traurigen Pullovern sitzen in einem Aufenthaltsraum, in dem einer auf einem Klavier vor sich hin klimpert. In einem anderen Raum schwingt ein älterer Herr lächelnd zu Techno-Musik das Tanzbein. Dann ist Rauchpause, gierig wird an Zigaretten gesogen, der Filter wird gleich mitgeraucht – nur nichts verschwenden! Dick hängt der Qualm in der Kammer. Später folgt eine Szene in einem Flur – irgendetwas stimmt nicht. Dann die Erkenntnis: Klar, die Szene läuft rückwärts! Und mit einem Mal geht es hinaus ins Freie: ein Ausflug. Würstelgrillen am Lagerfeuer, dissonantes Musizieren, Tennisspielen ohne Ball, Rezitieren einer schweinischen Ballade.
Zu Beginn aber von Martin Malaszczaks „Sieniawka“ wandert ein Mann mit einem weißen Motorradhelm auf dem Kopf durch eine Braunkohle-Mondlandschaft. Und am Ende wandert möglicherweise derselbe Mann helmlos, dafür mit einem Koffer ausgestattet, durch eine vom Hochwasser verwüstete Ortschaft. Vielleicht ist er ja ein Besucher aus einer anderen Welt, der die hiesige erkundet. Wir sehen, was er sieht, und sind darob, wie er, höchst verwundert.
Worum geht es hier? Diese Frage sollte man diesem Film wohl besser nicht stellen. Das heißt, stellen kann man sie freilich schon, fragt sich bloß, wie weit man damit kommt. Wenig hilfreich ist auch, dass der Regisseur im Pressematerial verlauten lässt, es handele sich bei seinem Werk um „a journey into the irrational subconscious of humanity“. Damit hängt die Latte schon mal ziemlich hoch, denn was hat man sich unter „einer Reise ins irrationale Unterbewusstsein der Menschheit“ vorzustellen? Und viel wichtiger: Will man dergleichen unternehmen? Sagen wir mal: Unbedingt! Und hängen die Latte etwas tiefer, indem wir uns zunächst einmal an die Fakten halten.
SieniawkaDas titelgebende Sieniawka liegt im Grenzgebiet zwischen Polen, Deutschland und Tschechien und ist geläufig für seine dort angesiedelte Psychiatrie, eine Anstalt von beträchtlicher Größe, die sich der Pflege von Geistes- und Nervenkranken sowie Alkoholikern verschrieben hat. So wie man in Berlin auf „Bonnies Ranch“ referiert, verweist man in Polen auf ein drohendes Ende in Sieniawka, wenn ein Zeitgenosse sozial auffällig wird. In dieser Anstalt nun arbeiteten sowohl die Tante als auch der Großvater des 1985 in Polen geborenen Filmemachers, der mit dem im Forum der Berlinale 2013 uraufgeführten „Sieniawka“ sein Langfilmdebüt vorlegt. Als Malaszczaks Eltern kurz nach dessen Geburt beschlossen, nach Westdeutschland auszuwandern, ließen sie ihren Sohn eine Weile lang in der Obhut von Tante und Großvater zurück. Und also verknüpfen sich Malaszczaks erste bewusste Erinnerungen („der Anfang meines eigenen Bewusstseins“) mit diesem Ort sehr stark.
Ein autobiografischer Ausflug in die eigene Kindheit allerdings ist der Film, den er dann eines Tages dort zu realisieren beschloss, keinesfalls. Doch die Beobachtungsgabe, die sich in ihm ausdrückt, die Behutsamkeit des Blicks zeugen von der instinktiven Vertrautheit des Filmemachers mit den Gegebenheiten. Mal statisch aus der Distanz, mal ruhige, langsame Schwenks beschreibend, zeichnet die von Malaszczak selbst geführte Kamera auf, was in Sieniawka so den lieben langen Tag passiert. Nichts Besonderes eigentlich. Aber es ist eine fundamental andere Wirklichkeit. Malaszczak stellt diese nicht denunziatorisch aus, er gibt ihr in seinem ungewöhnlichen und großartigen Film lediglich den Raum zur Entfaltung und erwidert die entgegengebrachte Neugier.
Der Mittelteil von „Sieniawka“ kann als experimenteller Dokumentarfilm über einen seltsam aus der Zeit gefallenen Ort gesehen werden. Anfangs- und Schlusskapitel legen dagegen eine Rezeption als fantastischer Spielfilm nahe. Beide Sichtweisen sind möglich. Vielleicht hängt man auch lieber eigenen Gedanken nach.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Arsenal – Institut für Film und Videokunst

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Sieniawka“ im Kino in Berlin

Sieniawka, ?Deutschland/Polen 2013; Regie: Marcin ?Malaszcak; Darsteller: Stefan Szyszka, Stanislaw Cheminski, Ryszard Ciurus; 126 Minuten; ?FSK k. A.

Kinostart: 5. Juni

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