Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Soul Boy“

Soul_Boy.In jedem Falle gut gemeint war das Projekt, dessen Resultat „Soul Boy“ ist: Eine britische NGO (Nichtregierungsorganisation) organisiert Kunstprojekte für Kinder und Jugendliche in Kibera, dem größten Slum Nairobis. Der deutsche Regisseur Tom Tykwer war so begeistert von dieser Idee, dass er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Marie Steinmann einen Filmworkshop initi­ierte und den daraus entstehenden Spielfilm produzierte. „Soul Boy“, der schon auf der Berlinale zu sehen war, ist aber auch in vielerlei Hinsicht gut gemacht. Da ist zunächst die offensichtlich handwerkliche Ebene, der melodische Schnitt, die durchkompo­nierte Kadrierung mit raffiniertem Spiel von Hell und Dunkel, das Schwelgen in den Farben Braun, Rot, Grün und Ocker. Die visuelle Gediegenheit der Bilder ist ein Trick, denn ihr Schauplatz ist nicht das nostalgische koloniale Afrika mit Lodge und Leinen­anzug, sondern eben Kibera, der einzige Ort, den die meisten der am Film Beteiligten kennen. Durch den Verzicht auf die in lateinamerikanischen Favela-Filmen wie „City of God“ etablierte brachiale, aggressive Ästhetik entsteht ein umgekehrter Verfremdungseffekt.

Anstatt die Fremdheit dieses anderen Ortes zu betonen, wirkt die Alltagswelt des Jungen Abi und seiner Freundin Shiku so zugänglich, dass der Zuschauer ihnen neugierig folgt. Auch dann noch, als die Krankheit des Vaters sich als dezidiert paramedizinisches Phänomen herausstellt und der Sohn nach klassischem Volksmärchenmuster sieben Aufgaben erfüllen muss, um den Vater zu retten. Andererseits wird aber keine Flucht in ein sozialromantisches Neverland inszeniert. Schmutz und Armut, Bandenkriminalität und Stammeskon­flikte, Aids, Drogen und Gewalt sind ohne sensationsgeile Zurschaustellung in diese Wirklichkeit eingebunden. Der Film bringt in seinen schlanken 60 Minuten eine dichte Erzählung unter, die schlicht ist, ohne einfältig zu sein, und gerade auch ein jüngeres Publikum ansprechen dürfte. Denn die Botschaft hinter den Aufgaben, die Abi von der Geisterfrau gestellt werden, lautet so schlicht wie universell: Öffne die Augen, und erkenne deine Welt und dich selbst.

Text: Stella Donata Haag
tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten:Soul Boy“ im Kino in Berlin

Soul Boy Kenia/Deutschland 2010; Regie: Hawa Essuman; Darsteller: Nordeen Abdulghani (Willie), Christopher Abuga (Auktionator), Rose Adhiambo (Mama Akinyi); 60 Minuten, FSK 6;

Kinostart: 2. Dezember

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