Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Une Jeunesse Allemande – Eine deutsche Jugend“

Die Dokumentation des kanadischen Regisseurs Jean-Gabriel Périot erforscht mit sensationellem Archivmaterial das gesellschaftliche Klima der Bundesrepublik in den 1960er-Jahren.

Une Jeunesse Allemande

Zu Beginn natürlich Godard. Der raunt im Off Fragen, während am Schneidetisch Filmmaterial durch Hände läuft. Er will wissen, ob es grundsätzlich überhaupt möglich sei, zurzeit in Deutschland Filme zu machen. Der Ausschnitt stammt aus Hellmuth Costards Super-8-Essay „Der kleine Godard“ von 1978 und führt ins Zentrum von Jean-Gabriel Pйriots „Une Jeunesse Allemande“. In seinem Kompilationsfilm beschreibt der kanadische Regisseur die Situation im Westdeutschland der späten 1960er-Jahre mit APO und RAF.
Une Jeunesse AllemandeGodards Frage war damals weit weniger verschmockt, als es heute erscheint. Für Filme brauchte man zu dieser Zeit die Unterstützung von Produzenten, Sendern, Redakteuren, von Leuten mit Geld und Macht. Politische Filme, unabhängig produziert, mit unangenehmen Themen und geringen kommerziellen Aussichten, hatten keine Chance. Filmförderung, Video oder gar Digi-Technik gab es zu dieser Zeit noch nicht.
Costard hatte über Jahre an einer semiprofessionellen Super-8-Technik mit Synchronton gebastelt. Als sein Equipment endlich standfest war und die Filmrevolution anfangen konnte, begann der Siegeszug der Videotechnik. Künstlerpech.
Die Gegenöffentlichkeit, die Hellmuth Costard aus dem Hobbykeller herstellen wollte, hatte Ulrike Meinhof ein paar Jahre zuvor versucht, im System der Sender zu erreichen. Für den WDR hatte sie eine Reihe noch heute brillanter Beiträge zur Situation der Fabrikarbeiter, zur Autoritätshörigkeit der westdeutschen Gesellschaft oder über die Studentenbewegung produziert, hatte in TV-Diskussionen gravitätisch Pfeife rauchenden Männern erklärt, was alles faul war in der Adenauer-Erhard-Kiesinger-BRD. Doch der Wandel setzte ?erst langsam ein, zu langsam für Frauen wie Ulrike Meinhof.
Une Jeunesse Allemande„Da begriffen wir, dass Freiheit in diesem Staat die Freiheit des Polizeiknüppels ist.“ Der Satz aus einem Meinhof-Feature zur Berliner Anti-Schah-Demonstration 1967 und dem Mord an Benno Ohnesorg markiert den Bruch. Ab hier beginnt der Wahn und das keinesfalls nur auf Seiten von Meinhof, Ensslin, Meins oder Baader. Wer die Kommentare der TV-Beiträge hört, die Pйriot verwendet, versteht, dass es nicht allein die Springer-Zeitungen waren, die gegen die Studenten hetzten und so erst das Umfeld schafften, in dem der Mord an einem Studenten in der Öffentlichkeit billigend in Kauf genommen wurde.
Anders als Eichingers „Der Baader Meinhof Komplex“ übernimmt Pйriot nicht die offizielle Darstellung der Geschichte des deutschen Terrorismus. Es ist der Blick von außen und das sensationelle Archivmaterial, das „Une Jeunesse Allemande“ zu einem wirklichen Ereignis macht. Regisseur Pйriot hat sich genauso durch die quälenden Debatten im Deutschen Herbst gegraben, wie er sich Meinhofs Reportagen, die TV-Herrenrunden und die Agitprop- und Spaßfilme der Studenten angesehen hat. Die ikonografischen Bilder und Reportagen der Zeit streift er dabei nur. Sie erleichtern die zeitliche Orientierung, doch durch die Montage mit dem neu gefundenen Material und dem Verzicht auf eine erklärende Kommentierung werden jetzt überraschende Beobachtungen möglich: Helmut Schmidts schnarrender Kasinoton, die Coolness von Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhofs Eloquenz mit dem Anflug eines Lächeln, wenn ein tapsiger Diskutant ihr wieder eine Vorlage gibt. Den in der kollektiven Erinnerung der Älteren eingeschliffenen Fahndungsbildern an U-Bahnhöfen und Tankstellen werden Szenen entgegengestellt, die junge, intelligente Leute zeigen, die Dinge sagen, mit denen sie sehr oft Recht haben.
So beschreibt der Film ein kollektives Hyperventilieren, das besonders schön in den Arbeiten des ersten DFFB-Jahrgangs sichtbar wird. In den Studentenfilmen von Harun ?Farocki, Gerd Conradt, Ali Limonada, Hartmut Bitomski oder Holger Meins scheint allem Pamphletcharakter zum Trotz etwas auf, was Ende der 1960er-Jahre unerhört gewesen sein muss – Freiheit. Mit „Une Jeunesse Allemande“ liefert Regisseur Pйriot jetzt einen wichtigen Nachtrag zur Revolte.

Text: Nicolaus Schröder

Fotos: W-film Distribution / Local Films

Orte und Zeiten: „Une Jeunesse Allemande“ im Kino in Berlin

Une Jeunesse Allemande, Frankreich/Schweiz/Deutschland 2015; Regie: Jean-Gabriel Pйriot; 97 Minuten

Kinostart: Do, 21. Mai 2015

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