Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Watchtower“

Überblick mit Sinn für Details: Pelin Emser erzählt in ihrem Film ein subtiles Gesellschaftsdrama.

Watchtower

Einen einsameren Ort hätte sich Nihat, ein türkischer Mann in mittleren Jahren, schwerlich aussuchen können. Er arbeitet in einem unwegsamen Waldgebiet als Brandwart. Von einem Aussichtsposten hoch auf einer Bergkuppe sieht er weit über das Land, persönlicher Kontakt mit anderen Leuten ist selten und beschränkt sich häufig auf Gespräche per Funk. Da kann man leicht lügen. „Alles in Ordnung da drüben?“ „Ja, alles in Ordnung.“ Es ist natürlich keineswegs alles in Ordnung.
Nihat hat offensichtlich etwas zu verarbeiten, es muss in seinem Leben etwas passiert sein, dass ihm diese Situation eines radikalen Rückzugs angeraten erscheinen ließ. Doch die Umstände bringen auch hier eine Überraschung mit sich. An einer Raststätte, zu der er gelegentlich hinuntersteigt, trifft er auf Seher, eine junge Frau, die als Stewardess für ein Busunternehmen arbeitet. Sie hat auch ein Geheimnis, und zwar ein durchaus dramatisches, an das Pelin Esmer uns in ihrer geduldig entwickelten Geschichte allmählich heranführt. Es ist ein Geheimnis, das viel über die türkische Gesellschaft erkennbar macht, in der in vielen Gegenden dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen sehr enge Grenzen gesetzt sind.
In einem Film wie „Watchtower“ kommt alles darauf an, dass die unwahrscheinliche Konstellation, der forcierte Zufall, mit dem die Erzählung aufwartet, plausibel aus den Details der Situationen heraus entwickelt wird. Pelin Esmer, die davor den sehr schönen „10 vor 11“ (über einen alten Horter in Istanbul) gemacht hat, ist eine Meisterin dieses minutiösen Erzählens. Sie beobachtet distanziert, was sich an einem geschäftigen sozialen Ort wie einer Raststätte so alles tut. Und vor diesem Hintergrund alltäglichen Tuns konturiert sie geschickt die prekäre Situation einer jungen Frau, die alles tun muss, um nicht auf sich aufmerksam zu machen, dabei aber dringend der Hilfe bedürfte. Ein Außenseiter wie Nihat kann diese Hilfe vielleicht geben, dazu müsste er aber über den Schatten springen, der sich auf sein eigenes Leben gelegt hat. Pelin Esmer vermag Licht und Schatten perfekt ins Verhältnis zu setzen.

Text: Bert Rebhandl

Foto: 2012 sinefilm / arizona films / bredok film production

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Watchtower“ im Kino in Berlin

Watchtower (Gözetleme kulesi), ?Türkei/Frankreich/Deutschland 2012; Regie: Pelin Esmer; Darsteller: Olgun Simsek (Nihat), Nilay Erdonmez (Seher), Laçin Ceylan (Mutter); 96 Minuten; FSK 12

Kinostart: 17. April

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