Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Spike Jonze

Fahrt ins Innere: Spike Jonze hat den Bilderbuch-Klassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" in einen Film für Erwachsene verwandelt. Eine fantastische Reise zu den drei Meter großen Ungeheuern in unseren Köpfen.

Gefühle sind eine ideale Res­source. Sie verbrauchen sich nicht, sie kosten nichts, und die Bilder, die man mit ihnen herstellen kann, verlangen erst einmal kein Blockbuster-Budget. Um eine Geschichte zu erzählen, braucht man bloß einen Stift oder den eigenen Atem – und recht genommen ja nicht einmal das: die eigene Stimme im Kopf genügt. Der Rohstoff der Fantasie ist beinahe umsonst zu haben.
Fast jedes Kind kennt Max, den Helden von Maurice Sendaks „Where The Wild Things Are“, einem Welterfolg, hergestellt nur mit Tusche und Papier. Ein neunjähriger Junge, der von seiner verärgerten Mutter ohne Essen auf sein Zimmer geschickt wird. In seinem Zorn flüchtet er sich in eine Fantasiewelt mit Monstern, die für eine kurze Ewigkeit auf einer Insel am Ende der Welt mit ihm herumtoben. Am Ende kehrt er in sein Kinderzimmer zurück, wo sein noch warmes Abendessen auf ihn wartet. Maurice Sendak hat das Buch 1963 gezeichnet und geschrieben, aber es war nicht abzusehen, welchen Ruhm es ihm einbringen würde. Die ersten Kritiken, daran erinnert sich Sendak heute noch deutlich, waren negativ. Erst nach zwei Jahren kam der Erfolg. „Where the Wild Things Are“ hatte sich sein Publikum mehr oder weniger selbst erobert, in öffentlichen Bibliotheken belegte es bei der Ausleihe Spitzenplätze.
Hätte Spike Jonze die Geschichte dieses Kinderbuchklassikers wirklich werktreu adaptiert, wäre daraus nur ein Kurzfilm entstanden. Sendaks Original braucht für seine Geschichte kaum 300 Worte und nur 18, in gedeckten Farben kolorierte Bildtafeln. Um aus diesem knappen Stoff einen abendfüllenden Spielfilm zu machen, mussten sich Jonze und sein Koautor Dave Eggers in Psychoanalytiker des kleinen Helden verwandeln. „Wo die wilden Kerle wohnen“ ist „kein Kinderfilm, sondern ein Film über Kindheit“ (Jonze) geworden, ein sehr erwachsenes Vergnügen voller absurder Momente – das gleichwohl auch größere Kinder erreichen wird.
Schon in „Being John Malkovich“ und „Adaptation“ ist Jonze vor keiner noch so wilden Fantasie zurückgeschreckt, vielleicht fiel es ihm deshalb leicht, mit „Wo die wilden Kerle wohnen“ eine Reise ans Ende der Welt zu unternehmen, das im Kopf des Helden liegt. Jonze liest das, was er dort vorfindet, nicht einfach als Ausgeburten von Max’ blühender Einbildungskraft, das wäre eine allzu klassische, dem Buch nahestehende Lektüre gewesen. Stattdessen inszeniert sein Film die Ungeheuer als Bild der Kräfte, die in Max arbeiten – und verleiht diesen Gestalten in einem weiteren Schritt unberechenbare Autonomie.
Jedes der Monster hat nun seine eigene, sehr ausgeprägte Persönlichkeit. Dreieinhalb Meter groß stehen die wilden Kerle vor dem Jungen im dreckigen Wolfskos­tüm, sie zetern und wüten im Wald herum, schlagen riesige Löcher in Baumstämme oder zermalmen ihre eigenen Behausungen mit ihren ungekämmten Flokatipelzkörpern. Sie suchen Nähe, die sie nicht ertragen, sie wollen schonungslose, verletzende, mörderische Wildheit. Wenn sie Max zu ihrem König machen, dann genügt ein Blick ins Unterholz, um die Skelette der alten Könige zu erkennen, die sie schon zum Fressen gerne hatten, wie ihn. Sie sind Freund und Feind, selbst zugleich Kinder und Erwachsene.
Mit den Fantasy-Epen Hollywoods hat „Wo die wilden Kerle wohnen“ nichts gemein, obwohl der Film mit einem Budget von 80 Millionen Dollar alles andere als billig war. Jonzes Universum ist von Camerons „Avatar“-Projekt so weit entfernt wie Berlin von Pandora.

1 | 2 | weiter

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]