Kino & Film in Berlin

„Im Schatten“ von Thomas Arslan im Forum der Berlinale

"Dieses Mal bin ich einfach einem anderen Spektrum meiner Präferenzen nachgegangen" –
Der Regisseur hat einen Berliner Neo-Film-Noir gedreht.

Thomas Arslan

In Thomas Arslans letztem Film lebten Uwe Bohm und Karoline Eichhorn noch in einer ganz anderen Welt. „Ferien“, der 2007 auf der Berlinale zu sehen war, zeigte die beiden als gebeutelte Großstadtcharaktere, unfähig, ihrer Psychologie zu ent­rinnen. Arslan tauchte seine Figuren in einen mystischen Blick auf die zwischenmenschliche Realität. Der neue Film dürfte eine Überraschung für das diesjährige Berlinale-Publikum sein. Nicht nur, dass Uwe Bohms vertraute Physiognomie in der Rolle eines korrupten Zivilbullen wirkt wie ein düsteres Zerrbild seines letzten Auftritts. Nein, wir finden uns gleich ganz wieder in einer Berliner Neo-Noir-Szenerie der Gegenwart, na­­hezu erschöpfend durchdekliniert, und voller Irritationen. In Karoline Eichhorns Lächeln glaubt man zunächst noch bürgerliche Moralität entdecken zu können. Ein paar lakonische Wortwechsel später ist klar, dass sie eine Pflichtverteidigerin ist und einen Überfall auf einen Geldtransporter plant. Das Genre bemächtigt sich der Figuren.
„Dieses Mal bin ich einfach einem anderen Spektrum meiner Präferenzen nachgegangen“, erklärt Drehbuchautor und Regisseur Thomas Arslan die Diskrepanz, die für ihn nicht wirklich existiert. „Prinzipiell sehe ich da keinen Unterschied zwischen Genre und Nicht-Genre. Beim Genre hat man natürlich diese Versatzstücke, die allgemeines Kulturgut sind und die bestimmte Eckpfeiler setzen. Filme abseits des Genres sind aber für mich nicht per se au­then­tischer oder näher an der Wahrheit dran. Daher war der Schritt für mich gar nicht so groß.“
Durch die Fensterscheibe eines Berliner Cafйs sehen Trojan (Misel Maticevic) und seine Komplizin (Karoline Eichhorn) aus wie urbane good friends, zwischen denen es ein wenig knistert. Ein paar Mal im Laufe des Films verschmelzen sie äußerlich perfekt mit dem Setting transitorischer Orte in Kreuzberg und Mitte. An einer ironischen oder gar sentimentalen Hommage an die Regeln des Film Noir scheint Arslan jedoch nicht interessiert zu sein. Dazu ist der Blick auf die Geschichte eines gerade aus der Haft entlassenen Kriminellen, der alte Kontakte aufsucht, zu kühl und distanziert. Alles Psychologische oder Mythische, das über die physische Erzähldynamik von Bild, Dialog und Ton hinausgehen könnte, wird akribisch vermieden.
„Psychologische Porträts in­teressieren mich weniger“, sagt Arslan. „Es interessiert mich mehr, etwas über Bewegungsabläufe und Mechaniken zu vermitteln, oder den Stillstand davon. Aber wir wollten auch nicht betont kunstvoll sein.“ So sehen wir Meyer (Uwe Bohm), wie er in seinem Wagen dem Wagen der verdächtigen Anwältin folgt, geduldig alle ihre Manöver nachvollziehend. Überhaupt sind bewegte und unbewegte Autos in diesem Film allgegenwärtig. Ebenso wie die beachtliche Zahl von Waffen, die ihre Besitzer wechseln und manchmal unauffällig Elemente des Western anklingen lassen.
„Im Schatten“ ist ein Film, der auch besondere Anforderungen an die Schauspieler gestellt hat. Auf seinen Hauptdarsteller Misel Maticevic, der die wortkarge Figur des Trojan spielt, ist Arslan aufmerksam geworden, als er ihn in einem Film von Dominik Graf sah. „Misel hat genau das mitgebracht, was ich mir für den Film gewünscht hatte. Er ist unheimlich präzise in seinen Bewegungen, seinen Gesten. Und er hat die entsprechende Körperlichkeit. Es gab auch kaum Diskussionen über das Innere der Figur. Natürlich haben wir im Vorfeld über alles Mögliche gesprochen, aber beim Drehen ging es wirklich nur darum, physische Lösungen für eine Szene zu finden.“
Gegen Ende steigt die Zahl der tödlichen Schüsse und die Zahl der zu entsorgenden Leichen. Vielleicht auch, um die Schmerzgrenze zu finden in der Erzähldynamik des Genres und seiner ganz und gar physischen Gesetze.

Text: Iris Depping
Fotos: David von Becker, Reinhold Vorschneider/Schramm Film

Im Schatten (Forum)
15.2., 21.30,
Delphi
16.2., 19.15, CineStar 8
17.2., 12.00, Arsenal 1
18.2., 20.00, Colosseum 1

 

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