Kunst der Aborigines

„Indigenous Australia“ im me Collectors Room

Im me Collectors Room vermittelt „Indigenous Australia: Masterworks from the National Gallery of ­Australia“ spektakuläre Einblicke

Christian Thompson, Heat, 2010, (video still), three channel digital video, sound, durations 5 minutes 52 seconds, collection of the National Gallery of Australia, Canberra

Sie ist die älteste Kunsttradition der Welt, die heute noch existiert: die Malerei der Aborigines in Australien. Seit Jahrtausenden malen dort die Ureinwohner. Zunächst dokumentierten sie ihre Schöpfungsmythen, Riten oder Jagdszenen auf Felsen, Schilden und Speeren. Heute leben viele vom Verkauf ihrer Bilder und nutzen selbstverständlich auch Leinwand und Video. Ihr Thema: das Land, seine unverwechselbare Landschaft und Geschichte.

Bunt und dekorativ, erdverbunden und verträumt wirken ihre Werke. Sie knüpfen an die Einfachheit der frühen Höhlen-Darstellungen an und besitzen eine spirituelle Kraft, die andernorts fehlt. Die Geister der Ahnen scheinen unterschwellig präsent in der Kunst der Aborigines. Denn Vergangenheit spielt eine gewichtige Rolle für sie, ebenso die Natur. Ockerfarbige Erd-Pigmente verleihen vielen Arbeiten eine natürliche Anmutung.

Das Land wird dabei weniger als naturalistische Landschaft aufgefasst, sondern vielmehr als geistiger Raum. Die Bilder sind dementsprechend voller symbolischer Bezüge und totemistischer Assoziationen. Dass diese Kunst, die ihrem Wesen nach religiöser Natur ist, trotzdem oder deswegen auch jene berührt, die mit den Ahnengeistern wie der „Regen­bogenschlange“ nicht vertraut sind, spricht für ihren zutiefst menschlichen Kern.

Die spektakuläre Schau „Indigenous Australia“ bringt sie uns jetzt näher. Rund 100 Meisterwerke aus der National Gallery, Canberra, gastieren im me Collectors Room. Kuratorin Franchesca Cubillo zeigt einen Querschnitt der Stile. Nachgezeichnet wird die Evolution der indigenen Kunst. Von Arbeiten des 19. Jahrhunderts und Rindenmalereien führt der Parcours bis zu großformatigen, farbglühenden Gemälden der Gegenwart.
Auffällig ist: Es wird viel mit Punkten gearbeitet, Bewegung ins Bild gebracht, Form verlebendigt. Diese neuzeitlichen Dot-Paintings stammen meist aus den 70er und 80er Jahren und stellen geheime, zugleich geheimnisvolle Muster dar. Zu sehen etwa auf der Gemeinschaftsarbeit „Star Dreaming“ (1985). Im Zentrum befindet sich ein schwarzes ­Motiv, welches das Bodengemälde einer Zeremonienstätte darstellt. Dort findet eine Feuerzeremonie statt. Die Teilnehmer schütteln glühende Äste. Dadurch steigt glutvolle Asche in den Nachthimmel auf. So sollen Sternbilder erschaffen worden sein, glauben die Ureinwohner. Auf der Leinwand symbolisieren dies Kreise, Punkte und Sterne. Solche Bilder oder Skulpturen werden schon lange nicht mehr als bloße Artefakte betrachtet, sondern als Kunstwerke. Attraktiv sind sie alle.

Die Bandbreite der Ausstellung ist groß. Vom roten Känguru, dem Ahnenwesen „Kundaagi – Red Plains Kangaroo“ auf einer Rinden-Malerei von Yirawala, reicht sie bis zum packenden Video-Still „Heat“ (2010) Christian Thompsons. Der indigene Künstler, der viele Jahre im Ausland lebte, beschwört in seiner Video-Installation die Sehnsucht nach der Heimat herauf, indem er das Haar im Wüsten­wind wehen lässt.

Neben ihrer Identität und der Lebensweise ihrer Vorfahren beschäftigen die Aborigines ihre komplexe Geschichte, traditionelle Riten, vor allem aber die Mythologie. Auch wenn manche Zeichen und Muster für Außenstehende kryptisch sind, so becirct die Malerei der tausend Punkte doch das Auge.

Wenten Rubuntja, ein australischer Landschaftskünstler, sagt, dass es schwer sei, eine Kunst in seiner Heimat zu finden, die spirituelle Bedeutung meidet. „Es ist egal, welche Art der Malerei wir in diesem Land betreiben, es gehört immer noch zu den Leuten. Es ist Anbetung, Arbeit, Kultur. Es ist alles Traumzeit.“

Indigenous Australia me Collectors Room, Auguststr. 68, Mitte, Mi – Mo 12 – 18 Uhr, 17.11. – 2.4.

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