Shopping und Stil in Berlin

Ingrid Junker und ihr „VOO Store“ in Kreuzberg

Maximaler Minimalismus: Ein Concept Store in der Oranienstraße, da kommt gleich das Angstwort: Gentrifizierung.

ingrid_junkerBetreiberin Ingrid Junker ist eine der besten Partyveranstalterinnen Berlins. Mode hat sie studiert. Sie weiß, dass jetzt alles davon abhängt, wie sie diese Idee verkauft. Denn der Titel will so gar nicht in die Gegend passen: ein Concept Store in der Oranienstraße. Designerklamotten und -objekte, Accessoires, Kosmetik und Bücher in edlen Sonderausgaben, alles sorgsam arrangiert an schlichten Kleiderstangen und auf einer wuchtigen, langen Tafel. Der VOO-Store ist ein Laden auf riesigen 300 Quadratmetern, der minimalistisch aussieht, wie Concept Stores nun mal so aussehen. Ein Laden, den man irgendwo am Hackeschen Markt vermuten würde, nicht aber hier, zwischen Wettbüros, anarchistischen Buchläden und Bio-Kollektiven, zwischen Strickgeschäften, Dönerbuden und Billigfriseuren, zwischen Clubs der Berliner Punk- und Hausbesetzerszene, miefigen Kiezkneipen und Schwulenbars. Bringt sie jetzt also Mitte nach Kreuzberg? „Mitte“, sagt sie dann, „das klingt eher abschreckend.“

Ingrid Junker, 36, ist Teil von Berlins gehobener Szenegesellschaft, zumindest sieht die aktuelle „GQ“ das so. Neben Michael Michalsky, Chris Glass und Wilson Gonzales Ochsenknecht ist sie da in einer Modestrecke zu sehen (in einem Paillettenkleid von Lala-Berlin), als eine von denen, die „Berlin wachhalten“, auch neben Conny Opper, mit dem sie zusammen seit ein paar Jahren den Broken Hearts Club veranstaltet. Junker hat die Partyreihe gegründet, nachdem sie mit Liebeskummer nachts in der 8mm-Bar am Senefelder Platz saß, aus den Boxen plärrten 80er-Synthie-Schnulzen, die so gut zu ihrem Herzschmerz passten, und sie dachte sich: Man bräuchte eine eigene Party für so etwas. Der Broken Hearts Club gastiert mittlerweile regelmäßig im Ballhaus Berlin und reiste bereits um die Welt, nach Miami und nach Los Angeles.

Jetzt ist Ingrid Junker, die unter anderem als Markenberaterin arbeitet, also damit beschäftigt, das Label „Mitte“, das dem Konzept eines Concept Stores anhaftet, umzudeuten. Denn abschrecken, das tut es erst mal. Bisher scheint es, als sei die Oranienstraße eine der letzten Bastionen des rauen Berliner Charmes, immun gegen Gentrifizierung. Wenn das Gerücht die Runde macht, Starbucks wolle am Heinrichplatz einziehen, besetzen die Linken kurzerhand den besagten Laden. Wenn Vermieter Mieten erhöhen wollen, sagen Barbesitzer einfach „Nein“, und dann bleibt es dabei. Und wenn irgendwas geschlossen werden soll, was einfach hierhin gehört, dann gibt es Demos und Protestaktionen. Viel ist geblieben in der Oranien­straße von dem Geist der 80er-Jahre. Es ist, als verwehre sie sich gegen jede Vereinnahmung des Kapitals. Sie ist auch eigentlich viel zu hässlich, um zur schicken Fashionista-Meile zu werden: zugig, keine Bäume, schwarz angelaufene Fassaden, schmale Bürgersteige, der M29 rauscht alle paar Minuten vorbei.

ingrid_junkerIngrid Junkers Job ist es nun, mit ihrem Team – Herbert Hofman und Yasin Müjdeci – genau dieses Abgerockte mit Dior-Brillen und Vintage-Chanel- oder Givenchy-Kleidern kompatibel zu machen. Sie sagt, sie hätten deshalb zum Beispiel die Räume so weit wie möglich so gelassen, wie sie sie vorgefunden haben. Eine alte Schlosserei war hier vorher. „Der Store soll aussehen, als sei er immer schon hier gewesen“, sagt Ingrid Junker. Auch dass er im Hinterhof liegt, passt für sie: „Die Berliner wollen Dinge entdecken.“ Die Idee des Understatements soll sich im Warenangebot widerspiegeln: Robuste Flanellhemden von Pendleton, die nicht für eine Saison gedacht sind, sondern als Klassiker im Kleiderschrank bleiben sollen, hochwertige Stücke internationaler Jungdesigner wie Wood Wood, Stine Goya und Cheap Monday, exklusiv und trotzdem preislich angepasst an die Gegend. „Faires Preis-Leistungs-Verhältnis“, nennt Junker das. Übersetzt in Zahlen sieht das dann so aus: Den neuen Damenwintermantel von Henrik Vibskov gibt es für 367 Euro.

Die Oranienstraße hat sich verändert in den letzten Jahren, sicher. Mieten steigen hier ebenfalls, wenn auch eine Fläche von der Größe des VOO-Stores in Mitte sicherlich ein Vielfaches gekostet hätte. Und Mitte schwappt bereits seit einiger Zeit auch ohne Concept Stores hier rüber. Kreuzberg hat sich in den letzten Jahren langsam wieder zum Ausgeh-Szene-Kiez entwickelt, wo nach der Wende doch alles nach Ost-Berlin blickte. Gerade erst hat der Club Barbarella neben dem Görlitzer Bahnhof aufgemacht: Designersessel, stylishe Glühbirnen an der Decke, Elektro. Und vor der Luzia tummeln sich am Wochenende die berüchtigten Röhrenjeans- und Nerdbrillen-Träger neben Easy-Jet-Settern. Die Oranienstraße wird langsam hip. Style-Blogger kommentierten die Eröffnung des VOO-Stores Anfang November mit den Worten: „Auch wenn es ein bisschen außerhalb liegt, ein Besuch dort ist seinen Weg wert.“ Hipster-Wandertag in die Oranienstraße. „Kreuzberg ist angesagt“, sagt Ingrid Junker dazu. „Hier fehlte jetzt einfach so ein Laden wie der VOO-Store.“ Sie überlegt kurz und ergänzt dann: „Wir wollen hier das Spektrum erweitern, aber nicht Kreuzberg verändern.“

Die Macher der Luzia jedenfalls stecken auch hinter dem VOO-Store. Ingrid Junker haben sie ins Boot geholt, weil sie mit ihr befreundet sind, und weil, wie sie sagt, Mode ihre Leidenschaft sei. Sie hat Mode studiert am berühmten Saint-Martins-College in London, wo sie insgesamt neun Jahre gelebt hat. Was geblieben ist aus dieser Zeit, ist das Gefühl, dass es ein großes Privileg ist, in Berlin nicht zwölf Stunden am Tag arbeiten zu müssen, wie damals in London, als sie neben dem Studium als Cocktailkellnerin arbeitete, um leben zu können. Dass, wenn man es doch tut, man es hier schnell zu etwas bringen kann. Und dass in Ingrid Junker eher eine Geschäftsfrau steckt als eine Designerin, weil ihr die Geduld fehlt, mit der junge Designer heute an ihren Kollektionen arbeiten müssen.

Viel mehr mag Ingrid Junker nicht über sich verraten. Dann kommt doch noch etwas: Ihre Mutter, erzählt sie, sei Inderin, aus einer kleinen Provinz an der Grenze zu Burma und China, ihre Vorfahren seien Kopfjäger gewesen. Dann bringt sie das Gespräch schnell wieder zurück zum Store: Für Berlin soll er stehen, international bekannt am besten. Dann erklärt sie noch den Namen. VOO, das soll vor allem eines: cool klingen. „Der Name hat absichtlich keine Bedeutung, er soll offen sein für Assoziationen.“ Geheimnisvoll klinge er für sie, verzaubernd, sie denkt an das „Voo“ in „Voodoo“. Dass dem Zauber durchaus auch etwas Unheimliches, Unkontrollierbares anhaftet, nun, auch das lässt der Interpretationsspielraum wohl zu.

Text: Anne Lena Mösken
Foto: Benjamin Pritzkuleit

VOO Store Oranienstraße 24, Kreuzberg, Mo-Do 14-21 Uhr, Fr+Sa 14-22 Uhr

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