Berliner Museen

Institution in der Sinnkrise: Deutsches Historisches Museum

Es ist das wichtigste Geschichtshaus der Republik. Jetzt ging der Direktor des Deutschen Historische Museums (DHM) im Streit. Ein Bericht von einer Institution in der Sinnkrise

Alexander Koch/ DHM

Nur was sich ändert, bleibt“, lautet das Lebensmotto des Mannes, der im Deutschen Historischen Museum (DHM) als Direktor aufgehört hat. Genauso wechselhaft wie seine Einstellung sind aber auch seine Meriten als Museumsmacher.
Als Außenseiter aus der Provinz ist Alexander Koch 2011 in die Hauptstadt gekommen, um das bedeutendste Geschichtshaus der Republik zu leiten. Eine Sisyphos-Aufgabe für den Frühhistoriker: Das Ausstellungsprogramm im Deutschen Historischen Museum ist ein ständiges Politikum. Drunter geht’s nicht an diesem halbheiligen Ort, der in der Wendezeit auf Wunsch Helmut Kohls aus der Taufe gehoben wurde. Der Kanzler der Einheit hatte die Gründung einst als „nationale Aufgabe von europäischem Rang“ bezeichnet. Koch, der zuvor Chef des Historischen Landesmuseums in Speyer war, musste liefern.
Fünf Jahre nach seiner Inthronisierung muss sich der 50-Jährige einen neuen Job suchen. Im Mai wurde sein Vertrag aufgelöst. Es habe „zuletzt unterschiedliche Auffassungen zur Weiterentwicklung und Führung des Hauses“ gegeben. So lautete die kühle Begründung des Kuratoriums. Eine Findungskomission aus Mitgliedern des Kuratoriums und des wissenschaftlichen Beirats will nun bis Anfang 2017 einen Nachfolger bestimmen. Demnächst wird die Stelle ausgeschrieben.
Die Personalie um den gescheiterten Direktor wirft ein Schlaglicht auf ein zerrüttetes Haus. Sie handelt zudem vom Bedeutungsverlust eines der meistbesuchten Museen Deutschlands, das allein im vergangenem Jahr 810.000 Besuchern zählte. Was hat Koch im alten Zeughaus Unter den Linden falsch gemacht? Und wird nun, mit seiner Demission, alles besser?

Das Museum ist bekannt für seine monumentale Präsentation zwei Jahrtausende deutscher Geschichte, anhand von rund 7.000 Exponaten, darunter mitteralterliche Pesthauben ebenso wie Reste der Berliner Mauer. Deren Chronologie ist umstritten: Sie verbindet die Epochen zu einer politischen Heilsgeschichte – mit der Deutschen Einheit als Happy End. Eine Erzählung, deren Nationalpathos überholt wirkt.
Koch wollte die Sammlung entschlacken, hinterließ aber nur Stückwerk. Ein Fortschritt: Er erlaubte einen Audio-Guide, den kritische Historiker von außerhalb verfasst hatten. Zu hören war Geschichte ohne Großmachtfantasien. Solche Prunkstücke waren allerdings auch fremde Federn. Symptomatisch für die Schwäche des Museums unter Kochs Ägide: ein Mangel an eigener Haltung. Die Mutlosigkeit hat Kochs Entlassung mitversursacht. Sie beherrschte auch die wechselnden Ausstellungen, die das Mammut-Museum beherbergt und die in historische Detailfragen eintauchen.

Da ist zum Beispiel die aktuelle Schau „Immer bunter – Einwanderungsland Deutschland“: Dort sind Reliquien deutscher Gastarbeiter aneinandergereiht – doch die naheliegende Kontextualisierung wird ausgeblendet, nämlich die Bedrohung dieser Tradition durch die neueste Welle deutscher Fremdenfeindlichkeit, verkörpert von AfD und Pegida. Andere Großausstellungen in den vergangenen Jahren, etwa zum Ersten Weltkrieg, waren ebenfalls ohne Courage. Einer der wenigen Glanzlichter war eine Kooperation mit dem Schwulen Museum, jenem Off-Haus, das im Sponti-Kreuzberg der 80er seinen Ursprung hat. „Homosexualität_en“ hieß die Revue und spielte mit queeren Stereotypen, ob Karnevalsuniformen oder Posen eines Trans-Bodybuilders.
Eine dürftige Bilanz, zumal der Jahresetat mit 49 Millionen Euro üppig ist – und Koch das Museum als „Ideen- und Impulsgeber“ pries. Zuletzt beklagte auch die „FAZ“ den „Verfall eines Hauses“.

Am Ende seiner Amtszeit hat Koch noch einmal gegengesteuert – eine Selbstprofilierung, die indes zu spät kam. Er ließ die Schau „Kolonialismus – Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ entwickeln. Ein akutes Thema in einem Land, in dem es noch die „Mohrenstraße“ gibt und andere Straßen nach Kolonialverbrechern aus dem Kaiserreich benannt sind. Im Oktober soll die Ausstellung eröffnen.
Früher war das DHM tatsächlich einmal ein Debattenentfacher – vor allem um die Jahrtausendwende herum, als die damalige Leitung das Erscheinungsbild mit geschichtspolitischen Ausstellungen über „Mythen der Nationen“ oder die „Idee Europa“ kantig machte. Allein der große Wurf, der eine Gesellschaft miteinander ins Gespräch bringt, von Schulklasse über Feuilleton bis Stammtisch, glückte kaum. Eine solche Sternstunde der Geschichtsdidaktik war vor mehr als einer Dekade einem Intellektuellen abseits des DHM-Kosmos vorbehalten: dem Hamburger Jan Philipp Reemtsma mit seiner Wehrmachtsausstellung. Verpasste Chancen zählen zur Folklore des Hauses.

Ein zusätzlicher Stimmungstrüber in der Amtszeit Alexander Kochs: interne Querelen. Es sei oft zu großem Streit gekommen, vernimmt man aus Museumkreisen. Ein Mediator musste ins Haus bestellt werden, um Gräben zu kitten. Von einem autokratischen Führungssstil des Chefs war die Rede. Streit um das Selbstverständnis der Institution sorgte für weitere Schlechtwetterlage. „Manche Mitarbeiter hatten Angst, dass sich das Museum vom Sammlungsgedanken wegbewegt“, berichten Insider. Der Zwist war auch eine Triebfeder für den Wechsel in der Führungsetage.
Die stellvertretende Präsidentin Ulrike Kretzschmar soll das Haus, das mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt, nun kommissarisch leiten. Folgen sollte ein kreativer Kopf mit Doppel-Identität: als Ausstellungsmacher furios – und als Moderator besänftigend.◆

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