Literaturfestival

Internationale Schriftsteller in Berlin

Inspiration Berlin: Zum 16. Internationalen Literaturfestival kommen­ viele ­internationale Schriftsteller nach Berlin. Doch die Stadt zieht auch ohne Lesefest viele ausländische Literaten an. Ihr Blick führt oft zu ganz neuen Einsichten

Deborah Feldman

Mathias Bothor 2015

Deborah Feldman (Foto) kennt sich gut aus im Bergmannkiez. Die 30-Jährige läuft zielgerichtet über den Marheineke-Platz, empfiehlt dann, sich am Café vor der Markthalle hinzusetzen und spricht dabei so lebendig, als ob Deutsch ihre Muttersprache wäre.
Dabei hat die US-Amerikanerin einen langen Weg hinter sich. Aufgewachsen in New York in einer sehr strengen jüdisch-orthodoxen Community, ist die Autorin des Bestsellers „Unorthodox“ 2013 allein mit ihrem Sohn nach Berlin gezogen. In der Stadt hat die Heimatlose ein Zuhause gefunden. „Berlin ist eine Heimat für die Außenseiter, es ist die Stadt der Menschen ohne Wurzeln“, sagt Deborah Feldman. „Alle meine Bekannten hier entsprechen einem bestimmten Muster: Sie haben alle eine krasse Geschichte, sie mussten alle irgendwas entlaufen.“

Wenn jetzt ausländische Schriftsteller zum 16. Internationalen Literaturfestival Berlin in die Stadt kommen, hat Deborah Feldman, die dort auch liest, ihnen viel voraus.
Feldman hat sich Berlin bewusst ausgesucht. Denn hier, mitten in Europa, fühlt sie sich dem Leben ihrer in Ungarn geborenen Großeltern nahe. Ihre Großmutter war nach 1938 – sie hatte als einzig Übriggebliebene ihrer ganzen Familie unter anderem Bergen-Belsen und Auschwitz überlebt  – in die USA geflohen. Sie hat ihrer Enkelin oft von ihrem Leben in Europa erzählt. „Ich wollte immer wissen, woher wir kommen und wie wir Juden vor dem Krieg gelebt haben“, sagt Feldman.
Für ihre Oma war Deutschland aber „verbrannte Erde“, erzählt sie.  „Mein Umzug nach Berlin war also kein neutrales Erlebnis.“ Eher eine Art Rückeroberung.

Berlin ist nicht nur eine Stadt der Geschichten. Sondern auch eine Stadt für jene, die schon eine lange Geschichte hinter sich haben. So fungiert sie für internationale Schriftsteller.  die beschließen, sich gerade hier niederzulassen, als Inspirationsquelle im mehrfachen Sinne. Literaten wie eben Deborah Feldman aus den USA. Oder auch wie der Tscheche Jaroslav Rudiš, der Lette Dimitri Dragilew, der Serbe Bora Ćosić, die Japanerin Yoko Tawada, der Amerikaner Kevin McAleer, die Russin Katerina Poladjan.
An einem sonnigen Augustvormittag sitzt Jaroslav Rudiš in einem Café im Bergmannkiez, in das er oft kommt, um zu arbeiten.
Seit der Tscheche vor 15 Jahren nach Berlin zog, gibt es eigentlich nur eines, das ihm in der Stadt fehlt: gutes Bier. „In Tschechien ist der Umgang mit Bier sehr wichtig, hier in Berlin ist er aber leider schrecklich“, erzählt er lachend. Deshalb tausche er immer wieder mal Berlin gegen die tschechische Provinz und hole sich dort ein paar Kästen.
Vor allem aber ist Rudiš ein großer Bahn-Fan. Gemeinsam mit Jaromír Švejdík brachte er eine dreiteilige Graphic-Novel über einen  Fahrdienstleiter heraus, der in düsteren Träumen Geister-Züge aus der Vergangenheit vorbeiziehen sieht. Sein erster Roman „Der Himmel unter Berlin“ (auf deutsch: 2004), spielte sogar in der Berliner U-Bahn. „Ich mag die Verkehrsmittel in Berlin, denn dort spiegelt sich das Historische wieder“, sagt er.

Täglich schreibe er Dialoge mit, die er in der U-Bahn hört. „Was ich faszinierend finde, ist das, was man in Berlin nicht sieht“, sagt Rudiš. „Man muss sich vorstellen, wie es früher aussah!“
Berlins historische Brüche reizen auch den lettischen Dichter Dmitri Dragilew, der 2005 in die Stadt kam: „Allein die Möglichkeit, labyrinthisch und puzzleartig Spuren einiger historischer Personen zu finden, die hier gelebt haben und schon früher zu den Protagonisten meiner Werke geworden sind, ist faszinierend“, erzählt er.

Es ist eine Perspektive des Außenstehenden, die dabei ganz eigene Einsichten bewirkt. „Ein Fremder betrachtet alles mit anderen Augen, findet andere Ecken und Blickwinkel, entwickelt unter Umständen eine spezielle, spezifische Wahrnehmung“, sagt Dimitri Dragilew. „Manchmal entdeckt eine zugezogene Person sogar etwas mehr, als jemand, der schon immer da war und eine routinierte Herangehensweise zeigt, die der Wirkung eines Alltagsschleiers zu verdanken ist.“
Diese Annäherung durchs Vergleichen, dieses ständige Hin und Her zwischen zwei Welten – all das macht für Dmitri Dragilew die Perspektive eines Außenstehenden aus: „Jeder, der viele Jahre woanders verbracht hat, kann Vergleiche ziehen und etwas Positives daraus gewinnen. Und Vergleiche sind auch wichtige Grundinstrumente der Poesie“.
Ähnlich sieht es der serbische Schriftsteller Bora Ćosić. Anfang der 90er Jahre zog er aus Belgrad nach Berlin, teils aus Protest gegen das Milošević-Regime, teils für ein DAAD-Stipendium. Und auch vielleicht durch „einen Gott des Zufalls“, wie er selbst sagt.

„Mein Blick auf Berlin unterscheidet vielleicht von dem der echten Berliner dadurch, dass ich jeden seiner Züge mit mehr Aufmerksamkeit betrachte“, sagt er. „Manchmal scheint es mir, als ob ich als Neuankömmling eine größere Verpflichtung hätte, jede Einzelheit hier näher kennenzulernen.“
So analysiert Bora Ćosić in seinen gesammelten Stadtreflektionen „Lange Schatten in Berlin“ (2014) die kleinsten Details der Berliner Altbauwohnungen. Besonders die seiner eigenen Wohnung in Charlottenburg. „Berlin als „Inspirationsquelle“, erzählt er, „findet sich in meinen dieser Stadt gewidmeten Schriften. Sie zeigen, in welchem Maße ich sie als die meine betrachte, und die Meinekestraße, die Mommsenstraße und die Niebuhrstraße – meine heutige Adresse – liegen mir mehr am Herzen als manche andere aus der Vergangenheit.“
Ein anderes Resultat dieses Blicks: Dinge neu zu deuten, wie sie der Ur-Berliner im Traum nicht wahrnehmen würde. Wie bei Yoko Tawada, die in der heutigen 13-Millionen-Einwohnerstadt Tokio geboren wurde. Sie sagt: „Für mich ist Berlin keine Stadt, weil es mehr Bäume gibt als Menschen“. Aber diese wenigen Menschen, die hier wohnen, kämen  aus ganz unterschiedlichen Kulturen und gäben ihren Visionen eine Form. „Das macht die Stadt zu einer Werkstatt, was mir sehr gut gefällt“, sagt sie.

Yoko Tawada

Foto: Heike Steinweg

Yoko Tawada (Foto), die Anfang der 1980er-Jahre  Literaturwissenschaft in Hamburg studierte, für ihre Gedichte, Romane, Theaterstücke und Essays mehrfach ausgezeichnet wurde und im November den Kleist-Preis 2016 erhält (dessen Verleihung wird traditionell von der Vorjahrespreisträgerin bestimmt, in diesem Fall Ulrike Ottinger), lebt seit 2006 in Berlin.
In ihrem jüngsten Roman „Etüden im Schnee“ (2014) erzählt sie von einer drei Generationen umspannenden Bärenfamilie, deren letzter Spross der berühmteste Berliner Eisbär überhaupt ist: Knut. „In Berlin zu sein bedeutet für mich, in der Jetztzeit zu sein und gleichzeitig in der Geschichte zu sein“, sagt Yoko Tawada. „Und so schreibe ich, seitdem ich in Berlin lebe.“
Verändert Berlin das eigene Schreiben? Deborah Feldman, die Amerikanerin, erzählt, dass Berlin ihr „Schreiben, oder dessen Inhalt, politischer gemacht“ habe. Hier spüre sie keinen gesellschaftlichen Druck – ein großer Unterschied zur amerikanischen Mentalität. „In den USA ist alles sehr kapitalistisch, unreif und oberflächlich. Die Leute arbeiten sich dort zu Tode, vor allem in New York“, erinnert sich Feldman. „Berlin hat mir beigebracht, weniger kapitalistisch zu denken und zu handeln“, fügt sie hinzu.

Ebenso empfindet es ihr Landsmann Kevin McAleer. Für den Autor des Kultromans „Surferboy“ von 2007, der in den 1990er-Jahren aus Kalifornien nach Berlin zog und im vergangenen Mai  sein Zweitwerk„Berlin Tango“ vorlegte, ist vor allem die lockere Atmosphäre der Stadt prägend: „In Berlin habe ich nicht den Eindruck, dass ich arbeite. Man muss hier keinen langweiligen Bürojob haben.“ Er schmunzelt. „Ich arbeite von zu Hause aus, hier ist das mit dem Arbeiten ziemlich locker. Ich bin sowieso nicht eines dieser Arbeitstiere, die man in den USA öfter sieht.“
Für viele ausländische Schriftsteller ist die Annäherung an die Hauptstadt aber auch eine Herausforderung.  So erzählt der lettische Poet Dimitri Dragelev  zwar, dass die Stadt „durch alle ihre Facetten, durch ihre Vielfältigkeit und ihr Chaos“ inspirierend sei. Aber er sagt auch, es wären „mitunter leider auch nicht unbedingt gute Gefühle, die Berlin hervorruft oder Eindrücke, die diese Stadt hinterlässt“.

Auch die russische Autorin Katerina Poladjan empfindet eine Art Hass-Liebe für Berlin. 1980 zog sie mit ihren Eltern als kleines Kind aus Moskau nach Berlin. Die Hauptfigur ihres Debütromans „In einer Nacht, woanders“ (2011) machte dieselbe Fluchterfahrung. Poladjan ging dann nach Köln, München, Hamburg und Lübeck. Als sie vor drei Jahren wieder nach Berlin zog, war es alles andere als leicht: „Du also wieder hier, sagte Berlin rotzig zu mir.  Sieh zu, wie du zurechtkommst“, erzählt sie. „Es dauerte, bis wir uns näher kamen, ich und Berlin.“ Katerina Poladjan ist fasziniert von den Kontrasten der Stadt: „Berlin ist immer im Werden. Nichts ist sicher. In einem Moment ist man im Rausch, geht ein paar Straßen weiter und steckt plötzlich in der tiefsten Provinz. Das ist erstaunlich.“

Für Poladjan ist Berlin aber auch anstrengend: „Berlin, diese aufgeregte Tante, es gibt so viele Menschen, die so viel wollen. Künstler sein, anders sein, lebendig sein. Tante Berlin wird es nie schaffen, sie alle glücklich zu machen. Alle machen großartige Dinge, das kitzelt immer wieder Selbstzweifel hervor. Manchmal ist die Stille angenehmer, da hat man nur mit der eigenen Aufgeregtheit zu tun.“  Ihr Tipp: „Berlin verlassen, um Luft zu holen. Es ist aber auch gut, wieder nach Berlin zurückzukehren, um Luft zu holen.“

Dichter, Denker, Diskurse – Das 16. ilb bringt noch bis zum 17. September internationale Literaten in die Stadt, verhandelt aber auch viele aktuelle Themen. Eine Auswahl:

Han Kang: „Die Vegetarierin“
Viel diskutierter, mit dem Man Booker Preis geehrter Roman über eine Südkoreanerin, die den Vegetarismus lebt und vom Leben als Pflanze träumt.
Prater, Fr 9.9., 19 Uhr

Laurie Penny: Gespräch über Feminismus heute
Die Ikone des jungen Feminismus diskutiert kenntnisreich die Grabenkämpfe an der feministischen Front.
Heimathafen Neukölln, Fr, 9.9., 21 Uhr

Patrick Kingsley: „Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise“
Kingsley begleitete Migranten auf ihren Fluchtrouten.
Haus der Berliner Festspiele, Sa 10.9., 18 Uhr

Bora Ćosić: „Konsul in Belgrad“
Sprachlich virtuose Lebensgeschichte, die von 1937 bis zum Zerfall Jugoslawiens Anfang der 90er reicht.
Literaturhaus, Sa 10.9., 18 Uhr

Mathias Enard: „Kompass“
Das Zusammenspiel von Orient und Okzident aus Blick eines todkranken Musikwissenschaftlers – ausgezeichnet mit dem Prix Concourt 2016.
Haus der Berliner Festspiele, Sa 10.9., 19.30 Uhr

Luke Harding: „Über die Panama Papers“
Einblicke in die Recherchen mit den Dokumenten.
Haus der Berliner Festspiele, Sa 10.9., 21 Uhr

Chahla Chafiq, Mehdi Mozaffari, Taslima Nasrin: „Manifest der 12“
„Gegen den neuen Totalitarismus: den Islamismus“
Haus der Berliner Festspiele, So 11.9., 18 Uhr

Angus Deaton, David Graeber, Michael Hudson: Symposium
Ungleichheit im 21. Jahrhundert: Fortschritt, Kapitalismus, globale Armut u.a. mit Occupy-Vordenker Graeber.
Haus der Berliner Festspiele, Mo 12.9., 19.30 Uhr

Howard Jacobson: „Shylock“
Reinterpretation des Shylock von Shakespeare.
Haus der Berliner Festspiele, Di 13.9., 21 Uhr

Sharon Dodua Otoo: „Herr Gröttrup setzt sich hin“
Die in Berlin lebende Britin gewann mit diesem Text kürzlich den Bachmann-Preis in Klagenfurt.
Haus der Berliner Festspiele, Fr 16.9., 18 Uhr

Dana Golan: „Breaking the silence“
Untertitel: „Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten“.
Haus der Berliner Festspiele, Fr 16.9., 18 Uhr

Hassan Blasim: „Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak“
Der Irak der letzten Jahrzehnte als surreales Inferno.
Institut Francais, Fr 16.9., 21 Uhr

Asne Seierstad: „Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders“
Die beklemmende Biografie von Anders Behring Breivik, der vor fünf Jahren 77 Menschen ermordete.
Haus der Berliner Festspiele, Sa, 17.9., 18 Uhr

16. ilb Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmsersdorf, plus diverse Orte in der Stadt, bis Sa 17.9., Tickets ab 8, erm. 6 €, www.literaturfestival.com

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