Lesungen und Bücher in Berlin

Interview: Diedrich Diederichsen über sein neues Buch „Über Pop-Musik“

Diedrich Diederichsen untersucht in seinem neuen 500-Seiten-Buch "Über Pop-Musik" den Sound des Kapitalismus. Wir haben ihn in seiner Schöneberger Wohnung über Berliner Subkulturen, Koksen auf Club-Toiletten und natürlich über Musik befragt

DD_3_c-christina _wernerHerr Diederichsen, von einem Stadtmagazin erwartet man Thesen zur Stadt. In diesem Sinne: Wenn Hipster-Posing zum Distinktionsmittel der Selbst-inszenierung geworden ist, könnte man dann sagen, dass Berlin sozusagen der unangenehme Hipster-Selbstdarsteller unter den Städten ist?
Der These kann ich problemlos zustimmen, auch wenn ich Selbstdarsteller nicht nur unangenehm finde. Das ist das Erbe des alten West-Berlin, das war ja auch schon ein Kultur-Hipster, nur eben ein bisschen hochkultureller, ein bisschen avantgardistischer, weniger poppig. Das ist eine der wenigen echten Kon-stanten dieser Stadt. Gerade die performativen Künste spielten dabei immer eine große Rolle, Theater und umliegende Gebiete, aber auch das Performative an der Pop-Musik.

Ist Subkultur in Berlin ein Standortfaktor?
Klar, und genau das wurde von den Berliner Subkulturen ja nicht zu Unrecht problematisiert, etwa als ein Standortvermarkter wie Partner für Berlin damit geworben hat oder als Klaus Biesenbach im MoMA in New York die Schau „Children of Berlin“ kuratiert hat. Eigentlich müssten alle sich in Berlin ansiedelnden Unternehmen eine Subkultursteuer zahlen. Mit der werden dann bezahlbare Mieten für die Gegenkulturellen subventioniert.

Womit der Hipster zum Dienstleister des Standortmarketings geworden wäre, der die Stadt zwecks Hebung der Attraktivität für Investoren und Touristen mit seinem pittoresken Auftreten schmückt.
Das war ja schon bei den Bohemiens von Montmartre vor 120 Jahren ähnlich. Wir haben in Köln einmal das „Ministerium für das Pittoreske“ gegründet. Als die Junkies aus der Innenstadt vertrieben werden sollten, haben wir gesagt, die Junkies seien in Wirklichkeit Angestellte des „Ministeriums für das Pittoreske“ und müssten daher Schutz genießen.

Deshalb dürfen die Clubs auch nicht drogenfrei werden, wenn Berlin für Touristen und Investoren attraktiv bleiben will. Fisten im Berghain und Koksen auf den Club-Toiletten ist harte Arbeit an der Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Berlin?
Natürlich nicht nur, das macht ja auch Spaß. Aber klar, in gewisser Weise ist auch das Arbeit. Aber so schlau zynisch, das so zu sehen, ist natürlich niemand in der Berliner Senatskanzlei. Der Kapitalismus, der von diesen Prozessen profitiert, muss am Ende diese kreativen Milieus aus den guten Stadtlagen vertreiben, auch wenn damit Gründe, nach Berlin zu ziehen und hier zu investieren, wegfallen. Er muss sie vertreiben, in der Hoffnung, dass sie irgendwo anders hinziehen und dann in Marzahn eine neue Form von Subkultur-Attraktivität herstellen.

„Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, schreibt Hans Magnus Enzensberger. Macht der Schwabe oder der Skandinavier, der den Szeneappeal mag und sich deshalb in Kreuzberg eine Wohnung kauft, genau das Gleiche?
Es gibt in San Francisco gerade eine große Diskussion genau darüber. Die hoch bezahlten, super qualifizierten Mitarbeiter der Internetkonzerne in Silicon Valley wohnen ?am liebsten in Downtown San Francisco. Das ?hat natürlich unglaubliche Gentrifizierungseffekte. Diesen Mitarbeitern der Internetindustrie ist es im Prinzip egal, was sonst so Downtown San Francisco los ist, die sind da auch nie, die arbeiten ja immer. Sie wollen einfach eine Wohnung mit einer Adresse aus der alten Counterculture, weil in ihrem Selbstverständnis als Google-Mitarbeiter Google ja auch irgendwie Counterculture ist. Das ist natürlich völlig illusionär, deshalb müssen sie auch töten, was sie in San Francisco angeblich suchen.

Der Versuch, sich mit Geld der eigenen Hipness zu versichern, zerstört die Szene-Viertel durch Gentrifizierung?
Das ist ein Typus. Ein anderer Typus sind die, die schon mal in der Stadt waren, dann Karriere gemacht haben und jetzt zurückkommen und mit Geld ein Surrogat ihrer an die Karriere verlorenen Jugend kaufen wollen. Dann gibt es Leute, die viel flottierendes Geld besitzen, das sie in Kultur ausgeben. In Berlin gibt es alle drei Typen.

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