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Interview mit Bernd Kramer über Esoterik und esoterische Selbstversuche

Der Berliner Journalist Bernd Kramer wagte einige esoterische Selbstversuche: Er ließ sich reinkarnieren, übte hellsehen und trat sogar als Heiler auf. Jetzt hat er ein Buch geschrieben: "Erleuchtung gefällig?"

Bernd-Kramer_Erleuchtung-gefaelligGuten Tag Herr Kramer. Oder soll ich „Mönch Josef“ sagen?
BERND KRAMER
Nein. Aus der Rolle bin ich raus. Verwenden Sie lieber meinen echten Namen.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie im Rahmen Ihres Esoterik-Selbstversuchs reinkarniert, also in Ihre angeblich frühere Existenz als Mönch Josef zurückgeführt wurden?
Ich war hin- und hergerissen: Inwiefern lasse ich mich jetzt darauf ein? Diese Reinkarnation funktioniert ja nur, wenn man sich da reinfallen und Bilder hochkommen lässt. Andererseits wollte ich ja nur austesten, wie da vorgegangen wird. Trotzdem war ich dann in diese Mönchs-Geschichte involviert, in die man mich suggestiv hineingelockt hatte.

Warum haben Sie sich überhaupt in die Esoterik-Szene begeben?
Mir war aufgefallen, dass Esoterik ganz beiläufig in immer mehr Lebensbereichen auftaucht. Yoga zum Beispiel wird heute zwar vor allem als Sport oder als Entspannungstechnik begriffen, weist aber immer noch viele esoterische Elemente auf. Als Journalist beschäftige ich mich im Alltag außerdem schwerpunktmäßig mit Bildungsthemen. Und da hatte ich mich gefragt, warum die Arbeitsagentur etwa eine Weiterbildung zum Astrologen fördert oder was Esoterik in Uni-Kursen zu suchen hat.

Welche Hauptströmungen gibt es in der Esoterik-Szene?
Das ganze Feld ist extrem unübersichtlich. Einen Bereich findet man in der Alternativmedizin. Die Homöopathie etwa, die im Verständnis vieler Leute nicht unter Esoterik läuft, tatsächlich aber total spekulativ ist. Aber es gibt auch abgedrehtere Bereiche, beispielsweise die Hellseherei. Von Hauptströmungen zu reden, ist schwierig. Man kann eher sagen, dass es Bereiche gibt, die sich technisch und wissenschaftlich geben und die gerne mit allen möglichen Apparaturen daherkommen. Andere Bereiche treten eher mystisch oder archaisch auf.

Nimmt das Interesse an esoterischen Praktiken derzeit zu?
In der Sozialforschung sind die Antworten dazu widersprüchlich. Das hängt damit zusammen, dass es keinen Konsens gibt, was alles zur Esoterik gehört. Konsens besteht aber darin, dass der „harte Kern“ der Esoteriker klein ist: Ein Prozent der Bundesbürger haben sich esoterischen Bewegungen verschrieben.

Also über 800?000 Menschen. Nicht wenig.  
Ja. Und bezieht man auch noch diesen ganzen Seminar- oder Coaching-Markt mit ein, in denen esoterische Anleihen eine Rolle spielen, dann wären es zehn bis 15 Prozent der Bundesbürger, die sich in diesem spirituellen Sinnsucher-Umfeld bewegen.

Was haben Esoterik-Kunden miteinander gemeinsam?
Die augenscheinlichste Gemeinsamkeit ist, dass es in der Mehrheit Frauen mittleren Alters sind. Außerdem haben die Esoterik-Kunden alle einen bestimmten Grund, weshalb sie auf Sinnsuche sind. Man kommt nicht zur Esoterik, weil man die als den plausibleren Glauben auffasst, sondern weil man einen konkreten Anlass hat. So hat sich vielleicht eine Krankheit eingestellt, die medizinisch nicht erfolgreich behandelt werden konnte, weswegen man andere Methoden ausprobieren will. Etwa Geistheilerei. Selbst wenn man eigentlich gar nicht daran glaubt, sondern einfach nur alles versucht haben will.

Betreiben diese Heiler, Medien und Gurus alle nur Geldschneiderei?
Würde man behaupten, das seien alles Scharlatane, die nur den Leuten Geld aus den Taschen ziehen wollen, dann täte man denen Unrecht. Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die esoterische Dienste anbieten, selbst glauben, dass sie heilen, hellsehen oder was auch immer können. Sie unterliegen derselben Täuschung wie ihre Kundschaft. Bei einer Lebenshilfe-Hotline bin ich als Hellseher aufgetreten. Nachdem ich ein paar Tricks angewendet hatte, hatte ich plötzlich ziemlich begeisterte Rückmeldungen. Kunden schrieben, dass noch nie jemand sie so treffend wie ich beschrieben hatte.

Bernd-Kramer_Erleuchtung-gef__lligSie meinen die Kundin, die sich bei Ihnen mit ihrem vollem Namen gemeldet hatte und zu der sie Informationen gegoogelt hatten?
Ja. Bei ihr war es einfach, Zutreffendes herauszufinden. Die Infor­mationen habe ich dann nur geschickt verpackt. Es gab aber auch Fälle, wo ich nur ein paar allgemeine Aussagen mit viel Schmeichelei kombiniert habe und damit die Leute von meinen außeralltäglichen Fähigkeiten überzeugen konnte. Die positiven Rückmeldungen beeinflussen auch die Anbieter der esoterischen Dienstleistungen, die von ihren vermeintlichen Fähigkeiten dann selbst geblendet sind.

Trotzdem geht es bei diesen Hotlines ums Geld. Pro Minute Gespräch kann man 1,99 Euro zahlen. Das sind Preise wie bei Sex-Hotlines.
Das sind stolze Preise. Auch wenn die einzelnen Berater eher nicht viel Geld machen. Die Hotline-Plattform Questico macht rund 60 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Verteilt auf ihre rund 2?000 Berater bleibt für den Einzelnen nicht viel übrig. Zumal Questico den Großteil der Honorare als Provision einstreicht. Als esoterischer Berater wird man nicht reich. Wobei man aber Leute arm machen kann, indem man ihnen für Schwachsinn Geld aus den Taschen zieht.

Erklären Sie doch bitte mal, was ein „Transzendenzzapfen“ und was ein „Karma-Kamm“ ist.
Für mein Buch hatte ich mich als Aussteller auf einer Esoterik-Messe angemeldet. Mein Konzept dafür habe ich erst am Tag vor Messebeginn entwickelt. In einem Deko-Laden hatte ich Weihnachtsbaumschmuck in einer seltsamen Zapfenform gefunden. Diesen Zapfen habe ich dann Transzendenzzapfen getauft. Später habe ich behauptet, der Zapfen würde kosmische Energien bündeln und wenn man ihn in die Hand nimmt und dabei meditiert, würde er einem unglaubliche Energien geben. Der Karma-Kamm war einfach ein Rückenkratzer. Ich brauchte den, weil ich ja etwas vorführen wollte, eine Behandlungsmethode brauchte. Der Kratzer wurde dann zu einem Schaber, mit dem ich aus der Aura der Kundschaft negative Energien abgezogen habe. Das habe ich jedenfalls behauptet.

Und das hat man Ihnen geglaubt?
Ja. Obwohl ich kein guter Schauspieler bin. Ich hatte Kunden, die nahmen den Zapfen in die Hand, ich strich denen mit dem Kamm ein bisschen um den Kopf herum und die sagten anschließend, dass sie sich befreiter und leichter fühlten. Und dass es in ihren Händen wegen des Transzendenzzapfens gekribbelt habe.

Allein der Glaube versetzt bekanntlich Berge.
Natürlich wird man etwas spüren, wenn man entsprechende Erwartungen hat. Das funktioniert wie beim Autogenen Training, bei dem man sich auch nur lange genug vorstellen muss, dass Körperteile kribbeln oder schwer werden. Das Problem ist nur, dass Esoterik-Anbieter solche Reaktionen auf etwas zurückführen, was von ihrem Tun abhängig sein soll. Dabei aber funktionieren diese ganzen „Methoden“ nicht, die behaupteten „Fähigkeiten“ existieren nicht. Da beansprucht jemand irgendwelche „Gaben“, die kein Mensch überprüfen kann – und bekommt dadurch gegenüber Kunden eine Machtposition. Das ist etwas total Undemokratisches. Und das finde ich schon sehr bedenklich.

Interview: Eva Apraku
Foto: Ch Links Verlag

Bernd Kramer: „Erleuchtung gefällig?“
Ein esoterischer Selbstversuch. Chr. Links Verlag, Berlin 2013; 
Buch­premiere:
Grüner Salon, Volksbühne, Weydinger Straße. 14-16 (am Rosa-Luxemburg-Platz), 22.5., 20 Uhr,
Eintritt 6/4 Ђ, Ticket-Tel. 240 093 28

 

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