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Interview mit Bov Bjerg

Der Schriftsteller und Kabarettist Bov Bjerg über den Erfolg seines Romans "Auerhaus", Melancholie mit 50 und Berlin-Bücher, ?die keiner braucht.

Interview mit Bov Bjerg

Bov Bjerg, geboren 1965 als Rolf Böttcher im schwäbischen Heiningen, kam Mitte der 80er nach Berlin. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Gründete mehrere Lesebühnen (u.a. „Mittwochsfazit“).

tip Bov Bjerg, Ihr Roman „Auerhaus“ steht bereits seit fünf Wochen weit oben in der „Spiegel“-Beststellerliste.  Was macht so ein Überraschungserfolg mit Ihnen?
Bov Bjerg?Ich hab an einem Tag so viele Mails zu beantworten wie sonst in zwei Wochen nicht. Anfragen für Lesungen, Interviews. Und mir schreiben Leute, dass sie das Buch gelesen haben. Kannte ich so auch nicht.

tip Beim Verlag – das Buch erschien bei der Aufbau-Tochter Blumenbar – ist man immer noch recht fassungslos darüber. Die Auflage liegt jetzt bei 70.000 Büchern!
Bov Bjerg Aufbau war der einzige Verlag, der das Buch haben wollte. Meine Agentur hatte es an zehn Verlage geschickt. Da ­kamen lauter Absagen. Nur Gunnar Cynybulk, der Leiter von Aufbau, hat gesagt: Superbuch, das sollten wir unbedingt machen. Witzigerweise erinnerte er sich an meinen Namen, weil er mich bei Dr. Seltsams Frühschoppen im Cafй Paz gesehen hatte, als er noch Student war.

tip Damals, um 1990, war auch schon Ihr alter Kumpel Horst Evers bei Dr. Seltsams Lesebühne dabei. Wer von Ihnen hat eigentlich den geileren Künstlernamen?
Bov Bjerg Ich verweigere die Aussage!

tip Aber beide entstanden zeitgleich, oder? Aus Rolf Böttcher wurde Bov Bjerg, aus Gerd Winter Horst Evers.
Bov Bjerg Wir haben 1989 die Literaturzeitschrift „Salbader“ gegründet und gemeinsam vollgeschrieben. Zu viert. Andreas Scheffler, Hans Duschke, Horst Evers und ich. Dann war es uns peinlich, dass da immer die gleichen Namen standen. Deshalb haben wir uns Pseudonyme genommen.

tip Ein paar Jahre zuvor waren Sie mit 19 aus der schwäbischen Provinz nach Berlin gekommen. Von dort, wo im Buch das „Auerhaus“ steht. Wie viel hat diese WG-Geschichte mit Ihrer eigenen Biografie zu tun?
Bov Bjerg Das Buch hat das Motto: „Alle Personen sind erfunden, alle Handlungen verjährt.“ Ich habe aber vor dem Abitur wirklich in einer WG in einem alten Bauernhaus gewohnt.

tip Gibt es ein Vorbild für den suizidgefährdeten Freund, um den sich im „Auerhaus“ die Schüler-WG bildet.
Bov Bjerg Ja, gibt es. Ich habe aber natürlich viel verdichtet.

tip Warum kommt dieses Buch erst jetzt?
Bov Bjerg Gute Frage. Ich kann sie schwer beantworten. Die bessere Frage ist aber: Wäre dieses Buch vor 20 Jahren interessant gewesen in der Wahrnehmung von außen?

tip Bitte, interviewen Sie sich ruhig selbst.
Bov Bjerg Ich bin mir nicht sicher. Hätte ich es vor 20 Jahren schreiben können? Nein, ganz bestimmt nicht. Es brauchte sicher dazu den eigenen Abstand. Vielleicht auch eine Abgeklärtheit, eine Melancholie, die man mit 50 eher hat als mit 30.

tip Es ist Ihr zweiter Roman, sieben Jahre nach „Deadline“. Wir kennen uns ja aus vielen Lesebühnen-Jahren. Aber „Auerhaus“ hat auch uns überrascht.
Bov Bjerg Ganz ehrlich: Literarisch fand ich meinen ersten Roman interessanter. Ich hatte den ja quasi gegen den Literaturbetrieb geschrieben. Aber dass das so gut funktionierte, hätte ich nicht gedacht: genau 224 verkaufte Exemplare!

tip Gab es immer das Bewusstsein: Dieses „Auerhaus“-Thema habe ich noch in der Hinterhand?
Bov Bjerg Nein, nach „Deadline“ hatte ich mich zwei Jahre lang an einem Roman festgebissen – bis ich mir eingestehen musste, dass es totaler Quark war. Dann habe ich mich erinnert, wie ich mal in meiner alten Schule gelesen habe und auch von der WG vor dem Abi erzählte. Die Schüler hingen an meinen Lippen. Da dachte ich: Das könnte was sein.

tip Wie ist das, wenn Sie nach Göppingen zurückkehren?
Bov Bjerg Es ist mir erst vor ein paar Jahren bewusst geworden: Wenn du aus Berlin kommst, fühlst du dort dich wie ein Besucher aus der Dritten Welt. Es ist einfach so wohlhabend dort. Die Verwaltung funktioniert auch. Aus Berlin kennst du das nicht so. Wenn ich eine Geburtsurkunde brauche, dann rufe ich einfach im Rathaus meines Geburtsortes an.

tip Ach kommen Sie, jetzt übertreiben Sie aber!
Bov Bjerg Dann sagen die im Rathaus: „Wir schicken sie Ihnen zu, und Sie überweisen die 17 Euro.“ Und damit hat sich das!

tip Beim „Literarischen Quartett“ wurde „Auerhaus“ einhellig gefeiert. Maxim Biller hatte das Buch vorgeschlagen. Vorm Fernseher gesessen, geweint?
Bov Bjerg Live konnte ich es mir nicht angucken, wir spielten ja gerade im Mehringhoftheater unseren kabarettistischen Jahresrückblick.Ich kam nach Hause, als es schon lief. Meine Freundin hatte einen Teil auf dem Rechner angeguckt, wir haben zurückgespult. Ich war schon erstaunt.

tip „Erstaunt“ ist ein mildes Wort.
Bov Bjerg Man kriegt ja im Laufe der Jahre diesen Mechanismus mit. Etwas wird hochgejubelt, dann runtergeprügelt. Ich ­warte jetzt noch drauf, wann der erste um die Ecke kommt und sagt: „Was ist das für eine überschätzte Scheiße?“

tip Gibt’s eine Fortsetzung? Sie könnten das alles in Berlin weitergehen lassen. „Auerhaus, später“, vielleicht.
Bov Bjerg Geschichten, wie einer Ende der 80er-Jahre nach Berlin kommt? Uaahh! Wie öde ist das denn?

tip Sie wirken entspannt: Schließen Sie sich nie irgendwo ein und brüllen die Freude mit geballter Faust raus?
Bov Bjerg Nein, auch nicht. Ich habe drei Kinder. Es gibt nichts, das dich so zurück auf den Boden bringt wie Kinder.

Interview: Erik Heier und Martin Schwarz

Foto: Petra Konschak

Auerhaus von Bov Bjerg, Blumenbar, 240 Seiten, 18 Euro

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