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Interview mit dem „deutschen Beatle“ Klaus Beyer – Teil 2

Der Kreuzberger Kerzenwachszieher Klaus Beyer ist bekannt als der der "deutsche Beatle" und seit den 80er-Jahren ein Darling der (West-)Berliner Subkultur. Wir sprachen mit dem exzentrischen Künstler über Leben, Musik, Stadt und seine Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief.

Interview mit dem

tip Wie und wo haben Sie an den Alben gearbeitet? Man nennt Sie ja den „König der Wohnzimmermusik“. Haben Sie wirklich in der Wohnung produziert?
Klaus Beyer Ins Studio bin ich nicht gegangen, daran war nicht zu denken, daher entstand alles in der Wohnung. Es ging um 1980 los. Ich hatte zwei Tonbandgeräte, auf dem einen Tonband war die Originalmusik von den Beatles und in dem anderen Tonbandgerät steckte ein leeres Band.Dann habe ich die Takte abgezählt und die Bänder entsprechend eingeschaltet und die Lieder dann Takt für Takt aufgenommen, sodass die Musik vollständig ist.
Frank Behnke Ich kann das vervollständigen. Takt für Takt wurden die Instrumentalpassagen aufgenommen, also jene Teile der Songs, wo die Beatles nicht gesungen haben. So entstanden instrumentale Playbacks, über die Klaus den von ihm übersetzten Text gesungen hat.

tip Im Prinzip könnte man sagen, Sie haben die Beatles gesampelt.
Klaus Beyer Am Anfang hatte ich nur das Tonband. Später kam auch eine Orgel hinzu, aber ein Instrument wirklich spielen konnte ich nicht und kann es bis heute nicht.
Frank Behnke Heute würde man wohl „sampeln“ sagen. Durch dieses Tonband-Verfahren entstanden auch diese typischen Wiederholungseffekte.

tip Als Sie anfingen, ging es ja auch los mit Punk und der Do-it-yourself-Kultur. Spielte das für Sie eine Rolle?
Klaus Beyer Nein, überhaupt nicht. Das war da, aber für mich war das eine ganz andere Musik.

tip Sie sind gelernter Kerzenwachszieher und haben in einer Kreuzberger Kerzenfabrik gearbeitet. Wie haben Sie den Beruf und Ihr künstlerisches Schaffen unter einen Hut gekriegt?
Klaus Beyer Unter der Woche habe ich gearbeitet und an den Wochenenden hatten wir frei und da habe ich an meiner Musik gearbeitet. Die Kollegen wussten davon und die fanden das auch ganz gut. In der Fabrik habe ich aber eigentlich nicht gesungen, nur einmal wollte eine Kollegin etwas hören, der habe ich dann ein Lied vorgesungen.

tip Anfangs haben Sie also nur für sich produziert, erste Veröffentlichungen gab es erst Ende der 80er.
Frank Behnke Die erste Veröffentlichung war eine Audiokassette mit vier Liedern („Give Peace A Chance“, „Imagine“, „Here Comes The Sun“, „Yer Blues“), die kam 1987 heraus zum siebten Todestag von John Lennon.
Klaus Beyer Davor habe ich die Sachen nur im Familien- und Bekanntenkreis vorgespielt. Aber es gab vereinzelt Auftritte.


Klaus Beyertip Erinnern Sie sich an die ersten Konzerte?
Klaus Beyer Na klar. Ich erinnere mich genau an das allererste Konzert. Das war im Trash in der Oranienstraße. Ich hatte eine Nachbarin, Gabi Poschmann, mit der ich gut befreundet war, die kannte meine Aufnahmen und hat mich da mal mitgenommen zu einem Konzert, und ich sollte zwei Lieder vorsingen, auch „Here Comes The Sun“, also „Die Sonne kommt“. Ich hatte aber so ein Lampenfieber, hab gezittert und fing an zu stottern, dass wir den Auftritt abbrechen mussten.

tip Das klingt nach einer kompletten Katastrophe. Aber die Erfahrung hat Sie nicht abgeschreckt, Sie haben weitergemacht. Lief es danach besser?
Klaus Beyer Ich habe kurze Zeit später Frank Behnke kennengelernt und er hat dann dieses Konzert im Sputnik-Kino organisiert und dort sollte ich vier Lieder zu Playbacks von Kassette singen. Unter anderem „Yer Blues“. Die Leute waren so begeistert, dass sie eine Zugabe wollten, aber es gab keine Zugabe, ich hatte nur diese vier Lieder.  
Frank Behnke Ich habe 1987 das „John Lennon Tod Fest“ im Sputnik-Kino organisiert. Wir haben Filme gezeigt, aber es sollte auch ein Konzert dazu geben und ursprünglich dachte ich an den avantgardistischen Gitarristen und Banjospieler Eugene Chadbourne, den ich auch in den USA kontaktiert habe und der von der Idee begeistert war, aber er wollte wenigstens die Reisekosten erstattet bekommen. Das Geld hatte ich nicht, und so fing ich an zu überlegen, wer sonst noch infrage kommen könnte. Das war dann Klaus Beyer.

tip Wie haben Sie sich beide eigentlich kennengelernt?
Frank Behnke Das war 1986, ich war noch Schauspieler und habe in einem Film von Georg Maas die Hauptrolle gespielt und Klaus war in einer Nebenrolle besetzt. Der Film hieß „Ein normales Leben“. So lernten wir uns am Drehort kennen.
Klaus Beyer Georg Maas war damals bei dem allerersten Auftritt im Trash und hat mich gesehen, und der war so begeistert, dass er mich für seinen nächsten Film haben wollte. Alle anderen fanden es eine Katastrophe, aber Maas fand es gut.

tip So kam eins zum anderen, von der Nachbarin über Maas zu Behnke. Die Wege in Kreuzberg waren kurz.
Frank Behnke Wenn wir schon bei den alten Geschichten sind, muss ich erwähnen, dass ein anderer Chronist des 80er-Jahre-Berlins, und zwar Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris, die Filme von Klaus auch kannte. Und diese hat er zusammen mit dem Verleger Martin Schmitz im Programm der documenta untergebracht.

tip Wolfgang Müller gehört zum inneren Kreis der Genialen Dilletanten, war das die Szene, in der auch Sie sich bewegt haben?
Klaus Beyer Später, ja.
Frank Behnke Klaus hatte auch damals Kontakt zu dem Filmemacher Jörg Buttgereit, der für seine Splatterfilme wie „Nekromantik“ berühmt-berüchtigt war. Aber das war alles keine verschworene Gemeinschaft, sondern das waren eher einzelne Anknüpfungspunkte.
Klaus Beyer Ich hatte über Frank auch Kontakt zu der amerikanischen Punkband Osaka Popstar, in der neben Marky Ramone und Jerry Only der Künstler John Cafiero sang. Und der meinte, ich solle ein Lied von ihm übersetzen, und zwar „Shaolin Monkeys“. Das habe ich dann gemacht, es hieß bei mir „Shaolin Affen“, und das habe ich dann so richtig als Punker rübergebracht. Später hat es Jörg Buttgereit verfilmt.

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