Kulturwissenschaft

Interview mit dem Kurator der Ausstellung „Alchemie. Die große Kunst“ Jörg Völlnagel

„Täuschend echt“ – In der Geschichte der Alchemie treffen sich Wissenschaft und Betrug, spektakuläre ­Erfindungen und Legenden. Nun zeigt eine große Ausstellung die Verbindungen von Alchemie und Kunst. Ein Interview mit dem Kurator Jörg Völlnagel über Sehnsüchte und Wahnsinn

Foto: Stephanie von Becker

tip Herr Völlnagel, man meint, den Begriff Alchemie zu kennen. Doch sobald man ihn erklären will, merkt man, dass man gar nicht genau weiß, was er bedeutet. Also, was ist Alchemie?
Jörg Völlnagel Es gibt so viele Spielarten von Alchemie, wie es Menschen gibt, die darüber nachdenken. Wir konzentrieren uns in der Ausstellung auf das Wechselverhältnis von Kunst und Alchemie. Die Alchemie war schon in frühen Zeiten die Technologie, die der Kunst die Bearbeitung von Materialien ermöglicht hat. Gleichzeitig ist Alchemie ein Schöpfungsmythos und als solcher dem künstlerischen Schaffen wesensverwandt. Das ist einen ganz enge Beziehung, und sie ist viele Jahrtausende alt.

tip
So lange gibt es die Alchemie schon?
Jörg Völlnagel Entstanden ist der Begriff Alchemie vor ungefähr 1.800 Jahren im hellenistischen Alexandria. Aber der Alchemie verwandte handwerkliche Praktiken gab es schon sehr viel länger. Das gilt etwa für das Schmelzen und Färben von Glas. Und für das Gießen, Färben und Verformen von Metall. Wir haben in der Ausstellung einen Geräteaufsatz in Schildkrötenform. Er besteht aus einem Material, das wird Domeykit genannt, ein Kupferarsenerz, dessen Oberfläche aussieht wie Gold. Und an diesem Objekt, das etwa 1500 vor unserer Zeitrechnung entstand, kann man zeigen, was die frühe Alchemie, als sie noch gar nicht so hieß, zu leisten imstande war.

tip Nämlich Gold zu machen oder Gold vorzutäuschen?
Jörg Völlnagel Nein. Es ging in der Antike sicherlich nicht primär darum, jemanden zu täuschen. Es gibt zwei Stufen. Die eine Stufe ist: etwas sieht täuschend echt aus. Die zweite: mit dem täuschend Echten betrüge ich jemanden. Die Betrugsabsicht war sicher in der sogenannten Fürstenalchemie vorhanden. Ein Bestimmungsmerkmal für die Alchemie ist sie nicht.

tip Was ist Fürstenalchemie?
Jörg Völlnagel Das ist eine Entwicklung der frühen Neuzeit. Sehr viele europäische Fürstenhöfe hatten in ihrem unermesslichen Finanzbedarf Hofalchemisten angestellt, immer in der Hoffnung, sie mögen ihnen Gold machen. Die Fürstenalchemie verbindet sich mit sehr viel Betrug und Scharlatanerie, aber auch mit spektakulären Erfindungen und Nacherfindungen. So sagt die Legende, das Porzellan sei bei der Suche nach dem Stein der Weisen quasi aus Versehen in Europa erneut entdeckt worden.

tip Sie sehen das anders?
Jörg Völlnagel Ich glaube, es gab in dieser Zeit Experimentalwissenschaftler, die viel ausprobiert haben. Porzellan war ein sehr gefragtes Material aus China, und dann ist es am sächsischen Hof Johann Friedrich Böttger und Ehrenfried Walter von Tschirnhaus gelungen, Meissener Porzellan herzustellen. Auch in Berlin gab es auf der Pfaueninsel einen berühmten Alchemisten, Johann Kunckel, der etwas Spektakulären erfunden hat, nämlich das Goldrubinglas. Wir haben in der Ausstellung neben phantastischen Goldrubinglaspokalen auch Scherben, die bei Ausgrabungen auf der Pfaueninsel gefunden wurden, und bei denen man in einer chemischen Analyse an der Technischen Universität nachweisen konnte, dass das originales Kunckel-Glas ist.

Traité de Chymie, Frankreich, um 1700, S. 10/11, Aquarell und Tinte auf Papier, Los Angeles, The Getty Research Institute, © The Getty Research Institute, Los Angeles

tip Wie viel Chemie steckt denn in Alchemie?
Jörg Völlnagel Die Alchemie hat der Chemie wesentliche Grundlagen für ihre Entwicklung geliefert. In der Zeit der Aufklärung und mit der Entwicklung des rationalen Wissenschaftsbetriebs haben sich diese beiden Äste dann aufgespalten. Aber es gibt aktuell eine Rehabilitation, weil man doch merkt, dass in der Alchemie sehr viele rationale Elemente stecken. Ein Kollege der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Matteo Martelli, hat gerade einen europäischen Research Council Grant bekommen für ein großes Projekt mit vielen Wissenschaftlern, die die rationalen Grundlagen der Alchemie in der Antike untersuchen.

tip Alchemie hat eine wissenschaftlich-rationale, aber auch eine esoterische und dunkle Seite.
Jörg Völlnagel Im Laufe des Mittelalters genügt es den Alchemisten nicht mehr, die Natur möglichst gut nachzuahmen, bald schon wollen sie die Natur übertreffen, zum Beispiel mit der Herstellung von Gold und Diamanten. Damals geriet auch der Homunculus in den Blick, der künstlich im Reagenzglas erzeugte Mensch. Darum dreht sich der Faust-Mythos, bei Mary Shelleys „Frankenstein“ ist er dann ein zum Bild gewordenes Monster. Und wir sehen im Bioengineering bis heute die Faszination künstlich erzeugten Lebens, ein Wissenschaftstabu, das allerdings immer brüchiger wird.

tip Die Möglichkeiten der Alchemie haben die Fantasie der Künstler beschäftigt?
Jörg Völlnagel Die Kunst war in der frühen Neuzeit für die Alchemie auch so etwas wie ein bildgebendes Verfahren. Es wird uns in der Forschung immer klarer, dass diese fantastischen allegorischen Bildwelten, die wir in Büchern, Handschriften und anderen Kunstwerken finden, nicht reine Fantasieprodukte sind, sondern Übersetzungen von chemischen Verwandlungsprozessen aus dem Labor. Noch ein Zusatz: Als die Alchemie von der Chemie als Wissenschaft abgelöst wurde, sie quasi befreit war vom rein wissenschaftlichen Anteil, da wurde ihr schöpferisches Potential noch mehr freigesetzt. Die großen Reproduktionserfindungen des 19. Jahrhunderts wie die Fotografie und die galvanoplastische Nachbildung verbinden sich ganz eng mit Techniken, die eine lange Tradition in der Alchemie haben.

tip Was verbindet denn die zeitgenössische Kunst, die Sie zeigen, mit der Alchemie?
Jörg Völlnagel Bei zeitgenössischen Künstlern spielen Materialverwandlungsprozesse häufig eine große Rolle. Denken Sie an Joe Ramirez und seine „Gold Projections“. Alicia Kwade hat eine ältere Arbeit in eine vierteilige Ast-Transmutationsserie umgewandelt, die wir jetzt zum ersten Mal zeigen. Sarah Schönfeld stellt Lösungen mit legalen und illegalen Drogen her, träufelt sie direkt auf Filmmaterial und erzeugt so wunderschöne Bilder. Wir haben zwei große Arbeiten von Natascha Sonnenschein, die sie Scanografien nennt, und bei denen sie in einem digitalen Entwicklungsprozess verschiedene Dinge übereinanderlegt und verbindet.

tip Warum ist die Alchemie plötzlich wieder aktuell?
Jörg Völlnagel Neben vielen anderen Gründen gibt es eine Sehnsucht auch nach mythischen und mystischen Bereichen. Wir alle wissen, dass die rein rationale Wissenschaft nicht all unsere Wünsche und Sehnsüchte befriedigt.

Alchemie. Die große Kunst Kulturforum, Sonderausstellungshallen, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr,
Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 6.4.– 23.7.

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