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Interview mit der Regisseurin Chang Nei Wen

25 Jahre Mauerfall: Das Projekt "How I Learned to Stop Worrying and Love the Ossis/Wessis" ist eine Recherchereihe über die Wiedervereinigung aus Expat-Perspektive.

Interview mit der Regisseurin Chang Nei Wen

Die in Hamburg lebende Regisseurin erarbeitete mit dem Ensemble Sisyphos, der Flugelefant eine Performance zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Darin wird die Perspektive der in Deutschland lebenden Migranten auf die Wende-Zeit und Wiedervereinigung beleuchtet.

tip Wie ist der Ablauf der interaktiven Performance?
Chang Nei Wen Die Performance beginnt beim Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Sie verläuft zunächst als eine „klassische Führung“, in welcher die Zuschauer eingeladen werden, sich entlang des Geländes zu bewegen. Dieser Weg ist dann von verschiedenen Aktionen und Geschichten durchsetzt, die die migrantische Perspektive auf den Mauerfall und seine Folgen beleuchten und erlebbar machen.

tip Sie gehen der Frage nach dem „Wir“ im Satz „Wir sind das Volk“ nach. Wer gehörte dazu und wer nicht?
Chang Nei Wen Genau diese Frage stellen wir mit unserem Stück. Eng betrachtet ging es um die Demonstranten und Aktivisten in der ehemaligen DDR. Dann erweiterte sich das ‘Wir’ ja schnell zu einem gesamtdeutschen Gefühl. Aber wer war alles Teil der deutschen Gesellschaft, als die Mauer fiel?  Was bedeutete dabei-sein? Wenn ich als Solidaritätsstudentin durch den Mauerfall mein Studium nicht zu Ende machen konnte? Oder wenn ich als Deutscher afrikanischer Herkunft meinen Vater nach dem Mauerfall endlich besuchen konnte? Wenn ich als Gastarbeiterkind erleben musste, wie meine Eltern plötzlich ihre Jobs los wurden? Bin ich Teil der deutschen Geschichte, wenn ich als vietnamesisches Baby nie geboren werden konnte, weil meine Mutter abtreiben musste, damit sie nicht abgeschoben wurde? Diese Geschichten haben im Zusammenhang mit dem Mauerfall bisher nur wenig Beachtung gefunden.

tip Wie wurde aus dem „Wir“ ein „Wir“ und „Ihr“, als die Fremdenfeindlichkeit sich plötzlich ausbreitete?
Chang Nei Wen Während die zwei deutschen Staaten eins wurden, verstärkte sich als Reaktion auf die gefühlte und erlebte Bedrohung durch die gestiegene Fremdenfeindlichkeit auch der Gruppenzusammenhalt innerhalb der verschiedenen Migrantengruppen. Der Überschwang der Wiedervereinigung konnte an sich schon einschüchternd wirken, erst Recht natürlich der explodierende Rechtsextremismus. Man zog sich in die eigene Gruppe zurück, aus dem großen ‘Wir’ wurde ein ‘Wir und Ihr’.

tip Die Performance arbeitet mit persönlichen Geschichten von Einwanderern und Deutschen mit anderen Wurzeln. Woher stammen diese Dokumente?
Chang Nei Wen Wir haben zunächst mit Leuten aus ganz verschiedenen Ländern ausführliche Interviews geführt. Sie kamen unter anderem aus der Türkei, Vietnam, dem Iran, Libanon und Angola sowie der zweiten Generation in Deutschland. Natürlich gab es auch Informationen aus offiziellen Quellen, Zeitungsberichten und der Literatur. Und unsere Schauspieler haben alle migrantische Wurzeln und trugen natürlich mit ihren eigenen Geschichten ebenso einiges bei.

tip Lassen sich bestimmte gemeinsame Wahrnehmungen heraus kristallisieren?
Chang Nei Wen Das ist sehr spannend: Es gibt erstaunlich viele gemeinsame Wahrnehmungen, obwohl die  Perspektiven grundverschieden sind. Wir sind auch darauf gestoßen, dass das ostdeutsche Erleben dem migrantischen oft gleicht – was eigentlich ja gar nicht unsere Frage war. Da ist zum Beispiel das Gefühl von Eingrenzung und Trennung durch die zwei Systeme, die Verunsicherung und Ungewissheit durch den Systemwechsel und die Umstellung auf eine völlig neue Lebenssituation. Sogar das steigende „Wir-Gefühl“ findet sich bei allen Gruppen. Ein klarer Unterschied liegt jedoch im Freiheitsempfinden: Der steigende Rechtsextremismus wurde unter Migranten natürlich zumindest als Einschränkung ihrer Freiheit, wenn nicht sogar als klare Bedrohung empfunden.

tip Welche Relevanz haben Begriffe wie „Ossi“ oder „Wessi“ heutzutage noch?
Chang Nei Wen Wann fängt man an, sich als Mensch zu begegnen? Diese Frage stellten viele unserer Interviewpartner. Dabei war aber nicht nur gemeint, dass sie selber als „Fremde” angesehen werden, sondern dass sie selbst auch oft Deutsche als fremd ansehen und das selbst unter Deutschen auch oft noch ein Unterschied zwischen Ossis und Wessis gemacht wird. Das die Begriffe weiterhin existieren, zeigt, dass die Trennung trotz des Mauerfalls noch nicht überwunden ist und dass das Land die Vergangenheit noch nicht ganz verarbeitetet hat.

Interview: Ronald Klein

Foto: Daniel Biskup

Gedenkstätte Berliner Mauer, 18.-21. & 25.-28.9., 19 Uhr

Mehr Informationen: www.etberlin.de 

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