Kultur & Freizeit in Berlin

Interview mit Florian Werner

Der Berliner Schriftsteller Florian Werner über ?Scheiße-Seminare, Auto-Surfen, Rennschnecken und ?sein neues Buch "Helium und Katzengold".

Florian Werner

Florian Werner ist gebürtiger Berliner (Jahrgang 1971), der über HipHop und Apokalypse promovierte und für seine Bücher mehrfach ausgezeichnet wurde.

tip Herr Werner, Sie geben derzeit an der Universität der Künste ein Seminar über „Dunkle Materie“. Was soll die Scheiße?
Florian Werner Ich habe ja vor einigen Jahren ein Buch namens „Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße“ verfasst. Eine seriöse wissenschaftliche Studie über das Element, das uns alle verbindet. Das ist offensichtlich positiv in der UdK aufgefallen.

tip Ihre thematische Bandbreite ist überhaupt beachtlich: Kuh, Scheiße, Schüchternheit, Weltuntergang. Jetzt haben Sie sich das Periodensystem der Elemente vorgenommen. Wo war doch gleich Ihr roter Faden?
Florian Werner Ich versuche, die menschliche Kultur zu verstehen, aber eher von den Rändern her. Die Kuh zum Beispiel ist das wichtigste Tier der Menschheitsgeschichte, trotzdem sind wir ihr nie richtig gerecht geworden. Oder Scheiße – die Kuh unter den Körperfunktionen, sozusagen. Etwas, das elementar zum Menschsein dazugehört und trotzdem auch eher belächelt wird.

tip Jetzt also 92 kurze Texte, Geschichten,  Anekdoten über die Elemente. Sie waren sicher in der Schule super in Chemie.
Florian Werner Nein, ich war in Chemie wahnsinnig schlecht. Tatsächlich habe ich in der Oberstufe als allererstes Chemie und Physik abgewählt.

tip Das Buch ist also persönliche Nachhilfe.
Florian Werner Ja. Ein Versuch, mit dem Trauma klarzukommen. Ich fand das Periodensystem aber immer auch faszinierend. Grafisch, auch sprachlich. Ein paar Buchstaben, und dahinter verbirgt sich die gesamte Geschichte unseres Universums. Das Buch war also ein Versuch, ein literarisches Periodensystem zu entwickeln.

tip Ist es reiner Zufall, dass es gerade jetzt erscheint, wo eine Serie wie „Breaking Bad“ so erfolgreich ist und wahrscheinlich alle Jugendlichen wie Chemielehrer werden wollen?
Florian Werner Oder Chrystal-Meth-Köche … Nein, das ist totaler Zufall. Die Idee hatte ich vor sechs Jahren zu Weihnachten hier in Berlin. Meine Frau und meine Tochter waren nicht da. Da habe ich die ersten Episoden geschrieben.

tip Einige Ihrer Geschichten basieren auf realen Ereignissen. Andere weniger. Ich denke da an die „Chrom“-Geschichte, in der zwei Leute auf dem Dach eines fahrenden Autos surfen. Was schmerzhaft endet.
Florian Werner Wobei genau diese Szene autobiografisch ist.

tip Ach was. Wollen Sie darüber reden?
Florian Werner Mit 17 haben wir nachts mal ein Autodachsurfen veranstaltet. Es war ein Ford Mustang mit herrlichen Chromfelgen. Tatsächlich war irgendwann, wie im Buch, unklar, wer eigentlich noch am Steuer sitzt. Alle mit Führerschein standen nämlich auf dem Dach.

tip Auch sonst haben Sie ja lustige Hobbys. Sie spielen in einer Band, auch in der Autorennationalmannschaft. Und letztes Jahr waren Sie bei einem Schneckenrennen.
Florian Werner Genau. Im Sommer in Congham in England.

tip Mit einer eigenen Schnecke?
Florian Werner Ja, Nereide. Die habe ich hier aus dem Kitagarten meiner Tochter mitgebracht.

tip Wie trainiert man Rennschnecken?
Florian Werner Wichtig ist, sie richtig zu ernähren. Biosalat!

tip Selbstverständlich. Wir sind ja hier in Prenzlauer Berg.
Florian Werner Ich fand Schnecken, ähnlich wie Kühe, immer faszinierend. Und es ist das Thema meines nächsten Buches bei Matthes & Seitz. Das kommt im nächsten Herbst in der Naturkunde-Reihe heraus, die Judith Schalansky he­rausgibt: „Schnecken. Ein Porträt“.

tip Vorher aber geben Sie selbst im März bei Arche die Textsammlung „Wenn ich groß bin, werd ich Dichter“ heraus: mit sehr frühen Texten von 33 deutschen Gegenwartsautoren. Was ist Ihr Beitrag?
Florian Werner Ein Text aus dem Deutsch-Unterricht in der Oberstufe. Eine kleine, wahnsinnig pathetische Erzählung. Offensichtlich hatte ich gerade eine Camus-/Fernando Pessoa-Phase. Sehr, sehr ernsthaft. Komplett humorfrei.

tip Teenage-Angst?
Florian Werner At its best! Eine merkwürdige psychedelische Geschichte. Lustig ist, dass eine Art Remake davon jetzt wieder in „Helium und Katzengold“ auftaucht. In dem Text über Sauerstoff. Aber in einem anderen Aggregatzustand.

Interview:
Erik Heier

Foto: Johanna Ruebel

Helium und Katzengold. 92 Elementare Geschichten erschienen bei Nagel & Kimche, 208 S., 18,90 Euro

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