Kultur & Freizeit in Berlin

Interview mit Gilles Duhem

Gespräch mit Gilles Duhem, Geschäftsführer des Fördervereins Gemeinschaftshaus Morus 14, über die schulische Integration von Flüchtlingskindern und die Anforderungen an die Schule im 21. Jahrhundert.

Gilles Duhem mit Morus-14-Kids

tip Herr Duhem, Sie leiten den im Rollbergviertel liegenden Förderverein Gemeinschafthaus Morus 14, wo rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter Migrantenkinder nachmittags beim Lernen unterstützen. Was können wir in Sachen schulischer Integration von Flüchtlingskindern bei Morus 14 lernen?
Gilles Duhem Zunächst einmal: Zu uns kommen keine Migrantenkinder, es sind kleine Berliner aus dem Rollbergviertel Neukölln, die fast alle hier geboren sind. Man muss endlich mit diesen Unterscheidungen aufhören. Es sind Berliner Kinder, die am Rande des Bildungswesens stehen.

tip Die Familien dieser Kinder sind eingewandert, einige von ihnen waren ebenfalls Flüchtlinge.
Gilles Duhem Die Familien stammen größtenteils aus der Türkei oder aus dem Libanon. Viele sind Palästinenser aus dem Libanon. Einige stammen aus Syrien. Die Kinder, die zu uns kommen, wachsen in Familien auf, die meistens in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben.

tip Viele dieser Kinder haben in der Schule Probleme.
Gilles Duhem Grundsätzlich ist es so, dass es im 21. Jahrhundert noch schwieriger ist als im 20. Jahrhundert, Kindern eine adäquate Bildung zu vermitteln. Die Fähigkeiten, die sich die Kinder aneignen müssen, um im 21. Jahrhundert klar zu kommen, sind enorm schwer zu vermitteln. In der modernen, digitalen Welt, in der alle mit allen extrem stark konkurrieren, wird Grundbildung ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Es wird vorausgesetzt, dass Menschen Zeitmanagement beherrschen, mit dem Computer umgehen und Englisch sprechen können. Diese Kompetenzen werden in der Arbeitswelt finanziell nicht gesondert honoriert. Wer kein Englisch kann, kann noch nicht mal mehr im Hotel als Nachtportier arbeiten. Denn man findet da immer noch einen anderen, der zwei, drei Sprachen spricht.

tip Sollte man Kinder dann noch früher mit digitaler Technik konfrontieren?
Gilles Duhem Das machen sie schon alleine. In der Schule bin ich ein großer Freund der Methode „back to the roots“. Weniger ist mehr. Wir brauchen wieder die Methode der guten, alten Grundschule der 1950er-Jahre, wo man gründlich Lesen, Schreiben und Rechnen lernte. Drei Mal in der Woche wird ein Diktat geschrieben, außerdem regelmäßig Aufsätze. Ohne Internet und Playstation. Orte, wo mehr Ruhe und Klarheit bei den Zielen herrscht. Die Schönen und Reichen dieser Welt schicken ihre Kinder in solche Schulen, erzählen es aber nicht. Die Schüler wissen dann, was sie lernen müssen. Das gibt ihnen Halt und Rhythmus. Die Sicherheit nimmt ihnen ganz viel Angst. Anstatt diesen Mittelschichtswahn zu verfolgen, Kinder seien schon kleine Studenten, die sich in „Projektwochen“ oder „Themenprojekten“ alles selbst erarbeiten können.

tip Sich Stoff selbstständig zu erarbeiten, liegt aber selbst in der Grundschule im Trend.
Gilles Duhem Ja, und es sorgt dafür, dass es bei Schülern zunehmend nur noch ein total zersplittertes Wissen gibt. Die Kinder sind nicht mehr verortet. Weder in Zeitabläufen, noch im Raum. Die wissen nicht, in welcher Reihenfolge historische Ereignisse abliefen, können nicht sagen, ob Barbarossa vor oder nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt hat. Die können sich auch geografisch nicht orientieren, wissen nicht, wo Städte, Flüsse, Länder liegen. Alles ist überall und nirgendwo. Sie gestalten zwar Plakate über die australische Wüste, wissen aber nicht, dass sie selber in der Mark Brandenburg leben. Die Basics fehlen.

tip Die werden dann zuhause mit den Eltern gepaukt?
Gilles Duhem Das Problem ist, dass die Schulpolitik von einer elitären Schicht gestaltet wird, die davon  ausgeht, dass alle Familien wie ihre eigenen funktionieren. Dabei gibt es in Wirklichkeit ganz viele Familien, die – aus welchen Gründen auch immer und egal, ob Migranten oder nicht – nicht in der Lage sind, ihre Kindern bei dem Erwerb einer soliden Grundbildung zu begleiten. Die Schule, so wie sie jetzt ist, geht davon aus, dass die Eltern Korrepetitoren ihrer Kinder sind, die mit ihnen zuhause den Schulstoff noch mal detailliert durchgehen. Dieses Konzept scheitert natürlich.

tip Auch Mittelschichtseltern, bei denen beide Elternteile arbeiten, haben Probleme, mit den Kindern den Schulstoff durchzugehen. Die Kurve für Nachhilfe- und anderen bezahlten Zusatzunterricht geht steil nach oben.
Gilles Duhem Die moderne Welt ist nicht mehr dazu geschaffen, das Aufwachsen von Kindern so zu organisieren, dass der Schulbesuch reicht, damit aus denen etwas wird. Das können nur noch Leute schaffen, die sowohl über ausreichend Bildung als auch Zeit für ihre Kinder verfügen. Kinderreichtum ist in der Welt von heute entweder ein Statussymbol von Superreichen oder ist in den Unterschichten überrepräsentiert. In den Mittelschichten gibt es für Kinder keine Zeit mehr. Die Mittelschicht, in der man um seine Stellen und um seine Stellung bangt, ist damit beschäftigt, sich über Wasser zu halten.

tip Seit dem Pisa-Schock Anfang des neuen Jahrtausends hat man flächendeckend Ganztagsschulen geschaffen, damit Eltern entlastet werden – und auch Kinder aus bildungsfernen Haushalten eine Chance bekommen.
Gilles Duhem Ob vor oder nach der Einführung der Ganztagsschule – bei unseren Kindern merke ich kaum einen Unterschied. Was sind das überhaupt für Ganztagsschulen? Gebunden – oder nicht? Mit Hort – oder ohne? Ich habe aufgehört, verstehen zu wollen, wie die überhaupt funktionieren. Ich habe den Eindruck, alles ändert sich permanent. Stattdessen braucht man für Bildung mehr Leute, die nachhaltig einen posi­tiven Druck ausüben. Eine fest angestellte, resolute Per­-?son – ich sagte: ANGESTELLT, nicht hier ein paar Honorarstunden und dort ein kurzes Projekt -, die sich verbindlich und täglich nach der Schule um die Hausaufgaben von vielleicht zehn Kinder kümmert. Sie soll jahrelang in Verbindung zu den Eltern und den Lehrern stehen, die Kinder dazu animieren, ihr Wissen durch Übung und Wiederholen zu verfestigen. Kindern Bildung zu ermöglichen, das ist Blut, Schweiß und Tränen und ist mit sehr viel Anstrengung für die Erwachsenen verbunden. Genau das machen wir hier bei Morus 14. Und dafür rennen uns Kinder und Eltern die Bude ein: Wir haben eine Warteliste von über 50 Kindern.

Interview: Eva Apraku
Foto:
Morus 14 e.V.

Gemeinschaftshaus MORUS 14 e.V.
Werbellinstr. 41, Neukölln, Tel.: 68 08 61 10, www.morus14.de

Bei Morus 14 gibt es einen ständigen Bedarf an ehrenamtlichen Schülerhelfern, die Kinder verlässlich und regelmäßig beim Lernen unterstützen. Außerdem werden Menschen gesucht, die verbindlich monatlich den Gegenwert einer Packung Zigaretten, also fünf Euro, spenden.

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