Musik & Party in Berlin

Interview mit Gudrun Gut

Ein Gespräch mit der Musikerin und Labelbetreiberin über Pop und Politik, die "Monika Werkstatt", Geschlechterrollen, die Musikbranche, Altersvorsorge, West-Berlin und die Genialen Dilletanten.

Interview mit Gudrun Gut

tip Gudrun Gut, verstehen Sie sich als politische Künstlerin?
Gudrun Gut Der Ausdruck ist nicht so schön, deshalb würde ich mich nicht darunter zählen. Politische Kunst hat für mich immer auch so ein Vorzeichen von „Schlechte Kunst“, und das möchte ich nicht machen. Es hat allerdings immer etwas Politisches, wenn man eine zeitgenössische Künstlerin ist. Aber ich verstehe mich nicht nur in der Politik beheimatet.

tip Sie üben ja immer wieder Kritik oder beziehen Stellung in bestimmten Fragen, etwa was die Dominanz der Männer im Musikbusiness angeht. Ein Statement von Ihnen lautet: „Der Anteil von weiblichen Protagonisten in der Popkultur liegt immer noch bei unter 10 Prozent“.
Gudrun Gut Klar, das ist ein wichtiges Thema für mich, aber ich mische mich nicht ins politische Tagesgeschäft ein. Doch gerade als weibliche Künstlerin ist es ja auch immer ein Statement, wie und ob überhaupt man sich den Gegebenheiten anpasst. Den männlichen Sexvorstellungen oder eigene entwickelt und ob man dem vorherrschenden Bild entspricht oder nicht und da bin ich dann schon dabei.

tip Ist der Erfolg von jüngeren Pop-Sängerinnen wie Adele, Lana Del Rey oder Lady Gaga für Sie in irgendeiner Weise von Bedeutung oder ist Independent und Mainstream zu weit voneinander entfernt?
Gudrun Gut Adele hab ich mir angehört, aber das interessiert mich nicht so richtig. Lady Gaga ist mir auch zu amerikanisch. Peaches ist allerding eine Künstlerin, die ich schon sehr früh geschätzt habe, seit ihrer ersten Platten, die in den 90er-Jahren bei dem Berliner Label Kitty-yo erschienen ist. Auch die ersten Videos waren schon toll, das war und ist ein Statement. Jetzt ist es mir doch oft ein wenig zu sehr auf die Eins, aber sie hat immer wieder Stücke auf ihren Alben, die einfach super sind, auch ohne das die emanzipatorische Kampfeshaltung da im Vordergrund steht. Und Lana del Rey finde ich wirklich tolle Popmusik. Music to watch Boys by, great. Hab ich oft gehört.

tip Sie arbeiten seit Jahrzehnten an Strukturen, die die Rolle der Frau in der Musik stärken sollen, sehen Sie eine Bestätigung Ihrer Arbeit, eine Entwicklung?
Gudrun Gut Es hat sich viel zu wenig verändert. Als ich jung war, so um die 20, also Ende der 1970er Anfang 80er-Jahre, da dachte ich, dass die Geschichte jetzt neu geschrieben wird. Das war die Punk-Zeit, davor gab es die große Emanzipationsbewegung, Beziehungen wurden infrage gestellt, der Mann musste abwaschen. Und danach ist dann nichts mehr passiert. Das war sozusagen der Kampf und das war’s. Der Zustand in der Musikbranche ist weiterhin hart, da sind höchstens zehn Prozent Frauen. In den letzten fünf Jahren ist eine Bewegung wieder erstarkt, etwa über das Netzwerk Female Pressure und viele Musikerinnen sich unglaublich engagieren und sagen, jetzt reicht’s. Aber Macht wird nicht so leicht abgegeben, das ist vermutlich das Problem und den wunderbaren Freiraum Musik haben sich auch die Männer unter den Nagel gerissen und das sehe ich nicht ein.

tip Anlass dieses Interviews ist ein Gesprächs- und Konzertabend im Roten Salon, die „Monika Werkstatt“. Sie werden auftreten, außerdem Islaja, Danielle de Picciotto und Sonae. Ist das eine Form von Basisarbeit?
Gudrun Gut Diese Reihe tourt durch mehrere Städte und der Kerngedanke ist, dass an diesen Abenden die Arbeit der Künstlerinnen meiner beiden Labels Monika und Moabit als solche vorgestellt wird. Erst findet eine Diskussion statt und danach spielt jede von uns ein kurzes Live-Set. Es geht darum, dass in diesem Kontext über Dinge gesprochen wird, die bei einem normalen Konzert nicht erwähnt werden. Dass man erzählt wie man arbeitet und das Publikum Fragen stellen kann. In den letzten Jahren habe ich auf Festivals gute Erfahrungen mit Panels gemacht, wo ich es immer toll fand, dass auf diese Weise ein Festival um den Diskurs erweitert wird. So entsteht eine ganz andere Beziehung zwischen Publikum und Künstler.

Monika Werkstatt

tip Vier Musikerinnen, ein relativ kleiner Ort, 14 Euro Eintritt, viel bleibt da vermutlich nicht übrig am Ende des Abends?
Gudrun Gut Der Abend ist vom Musicboard/Kultursenat gefördert, deshalb ist es finanziell halbwegs gesichert. Was aber die Arbeitsbedingungen angeht, ist es in Deutschland tatsächlich katastrophal. In diesem reichen Land, bekommt man die schlechtesten Gagen. Man braucht einfach immer wieder eine Förderung, überhaupt braucht die Musik viel mehr Geld. Verglichen mit dem was Theater und Oper bekommen, die klassischen Künste, gibt es für uns fast nichts. Wir verdienen ja nichts mehr mit Plattenverkäufen, die Finanzierung funktioniert nur noch über Konzerte und da müssen dann die Gagen stimmen, sonst kannst Du den Beruf an den Nagel hängen.   

tip Haben Sie deshalb ein eigenes Label gegründet, um in dieser Hinsicht die Kontrolle über das Geschäft zu haben?
Gudrun Gut Absolut. Aber es gibt natürlich noch andere Gründe…

tip Sie haben vor einiger Zeit auf Facebook die Summe gepostet, die Ihnen laut Rentenversicherung zustehen wird. Es war erschreckend wenig, um die 300 Euro… Ist der Lohn des Ganzen der Weg in die Altersarmut?
Gudrun Gut Das ist tatsächlich ein Witz, aber es sind nicht nur die Musiker betroffen, es sind alle selbstständigen Kreativen. Schriftsteller, Schauspieler usw. Alle Beamten sind die Könige des Alters, denen steht das Zehnfache zu, von dem womit wir auskommen müssen. Und ich hab ja noch zusätzliche Privatversicherungen abgeschlossen, weil ich ja wusste, dass es später ein Problem wird. Aber das reicht nirgends, ich weiß nicht was dann kommt, da mache ich mir lieber nicht zu viele Gedanken, sondern arbeite bis zum Schluss… so wie die Rolling Stones (lacht). Hässlicher als die kann man ja nicht werden.

tip Oder man muss erben.
Gudrun Gut Genau! Heute ist es ja wirklich so, dass viele junge Künstler von Haus aus finanziell abgesichert sind. Da ist dann Geld in der Familie. Früher war das nicht so. Es ist schon extrem, wie vielen Menschen es hier nicht wirklich gut geht.

tip Sie wirken seit etwa 35 Jahren als Musikerin, Labelbetreiberin, Radiomacherin (Ocean Club Radio), Produzentin und Organisatorin. Würden Sie rückblickend alles noch einmal so machen?
Gudrun Gut Schwierige Frage. Aber jetzt wäre ich vielleicht doch Landschaftsarchitektin geworden oder so etwas. Das ist der erweiterte Kulturbegriff.

Gudrun Gut um 1978tip Gehen wir kurz zurück zu Ihren Anfängen, Sie sind 1975 nach West-Berlin gezogen. Wie haben Sie die Stadt damals erlebt?
Gudrun Gut Das erste Mal bin ich Anfang der 1970er mit meinem bisexuellen Freund nach West-Berlin gekommen, der hat damals in einer antiquarischen Buchhandlung gearbeitet. Ich war total begeistert. Wir sind Schlesisches Tor ausgestiegen, und es hat gerochen, es war laut, da dachte ich, das ist die Freiheit. Damals hab ich noch in einer Kleinstadt in der Lüneburger Heide gelebt, und West-Deutschland empfand ich als eng, sauber, ordentlich und ich sah dort keinen Weg mehr für mich. Da war klar, ich muss nach West-Berlin.

tip Anfangs haben Sie Mode gemacht. Ihr Laden Eisengrau ist heute eine Legende.
Gudrun Gut Erst einmal habe ich mein Abitur nachgemacht und dann habe ich an der Hochschulde der Künste Visuelle Kommunikation studiert. Während dessen, das war 1978, habe ich mit Bettina Köster einen Laden in Schöneberg betrieben, wo wir Klamotten gemacht und verkauft haben. Da hatte ich eine Strickmaschine aufgestellt und Pullover gestrickt. Das war das Eisengrau.

tip War Strick damals angesagt? Die Designerin Claudia Skoda hat zu der Zeit auch Strickmode gemacht.
Gudrun Gut Von Claudia Skoda war ich großer Fan. Mit ihr habe ich damals ein Interview im Fernsehen gesehen und war sehr beeindruckt. Sie war so anders und frei und ihre Sachen waren toll. Im Eisengrau haben wir auch Mode von anderen Designern verkauft, unter anderem auch von ihr.

tip Sie haben dann aber doch lieber Musik gemacht?
Gudrun Gut Mit der Musik habe ich eigentlich schon parallel zur Mode angefangen. Bettina Koester, mit der ich die Band Malaria gegründet habe, hatte keine Lust mehr auf das Eisengrau, und dann habe ich den Laden eine Zeit lang mit Blixa Bargeld gemacht. Das Eisengrau war ja sowieso ein Szene-Treff, es gab ja nicht so viele Orte in Berlin, wo wir hingehen konnten. Später dann den Zensor-Plattenladen, der auch in Schöneberg war und wo ich gearbeitet habe. Davor habe ich mit Mark Eins und anderen bei DIN-A-Testbild gespielt, danach fragte mich Beate Bartel ob ich bei Mania D. mitmachen will, dann kurz am Anfang bei den Einstürzenden Neubauten, weil wir den Proberaum mit Mania D. bei Blixa im Keller hatten. Mit Blixa war ich befreundet, wir hatten den gleichen Musikgeschmack und man sah sich die ganze Zeit, jeder hatte eine Band und jeder hatte mit jedem gespielt. Dann hatte Blixa den Auftritt am 1. April 1980 im Blue Moon und er hat gefragt, wer mitspielt, da sagte ich spontan zu. Beate Bartel, die ebenfalls bei Mania D. war, übrigens auch. Das war der erste Auftritt der Neubauten überhaupt.

tip Die Einstürzenden Neubauten sind weltberühmt, geben Konzerte in großen Hallen, touren durch die Welt. Bereuen Sie manchmal, dass Sie nicht dabei geblieben sind?
Gudrun Gut Nein, überhaupt nicht! Für mich waren meine eigenen Bands Mania D. und später dann Malaria viel wichtiger. Ich habe mir gerne die Konzerte der Neubauten angeguckt, aber da richtig mitzuspielen, hätte ich mir nicht vorstellen können. Das ist so männlich geworden, Blixa war ja am Anfang viel androgyner und die Musik war nicht so klar auf Industrial ausgerichtet. War krautrockiger glaube ich.

tip Ist das West-Berlin der 80er, die Ära der Genialen Dilletanten eine Art musikalische oder mentale Heimat für Sie?
Gudrun Gut Was heißt Heimat? Den Begriff finde ich schwierig, aber auf jeden Fall komme ich da her, das sind meine Wurzeln und „Geniale Dilletanten“ ziehen sich schon durch meine Arbeit, mit dem Ausdruck fühle ich mich schon wohl, weil ich in dem Sinne keine wirklich gute Musikerin bin, sondern mich als Künstlerin gesehen habe und bis heute jemand bin, der eher mit Versatzstücken arbeitet, die Musik aus Collagen fügt. Ein guter Künstler muss kein guter Maler sein, der perfekte Bilder malt.

tip War dieser Geist der Genialen Dilletanten mit der Wende schlagartig vorbei?
Gudrun Gut Das war schon vorher vorbei. In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre ist die Szene eigentlich schon implodiert. Alles wurde sehr dunkel, sehr drogig, sehr kaputt, man hat sich nicht mehr unterstützt gegenseitig. Wir waren mit Malaria sehr viel unterwegs, lebten eigentlich auf Tour, da hat man den Kontakt auch verloren. Die Neubauten waren auch immer weg. So hat sich das auseinandergerissen.

tip Alexander Hacke, ein gebürtiger West-Berliner, sagte mir neulich Interview, die Stadt, in der er aufgewachsen ist, existiert heute nicht mehr. Verspüren Sie eine West-Berlin-Nostalgie?
Gudrun Gut Das sehe ich anders und erkenne viel wieder obwohl sich viel verändert hat. Ich bin ja viel umgezogen, lebte lange in Schöneberg, auch in Kreuzberg und inzwischen bin ich in Charlottenburg gelandet, wo ich ganz zu Anfang meiner Berliner Zeit schon mal gewohnt habe. Und das ist hier ja so richtiges altes West-Berlin und das ist schon ganz schön hier. Das ist ganz komisch, wenn ich dann im Cafй am Neuen See bin oder im Tiergarten, wo ich davor seit Jahren nicht war, dann kommt schon so ein Nostalgie-Gefühl hoch. Oder am Zoo, wo so viel umgebaut wurde und der Beate-Uhse-Laden weg ist, das ist schon komisch.

tip Es zieht Sie ja auch ins Umland, in die Uckermark.
Gudrun Gut Ich bin sehr gerne in der Uckermark aber auch sehr gerne in Berlin. Hälfte Hälfte.

tip Ihr Label Monika Enterprise hat um die Jahrtausendwende eine ganze Generation von Berliner Musikern begleitet und hervorgebracht. Haben Sie heute noch Kontakt zu der ganz jungen Musikszene, die derzeit in Berlin aktiv ist?
Gudrun Gut Nein, eher nicht, obwohl ich natürlich sehr viele Demos bekomme und viele Künstlerinnen auf mich zukommen. Die jungen Künstler spielen Konzerte in Clubs oder sind auf Festivals unterwegs, machen aber überhaupt keine Alben mehr. Denen reicht Youtube oder Soundcloud. Wenn man es dann doch mal macht und ein Album veröffentlicht, so wie ich es mit Pilocka Krach oder Islaja kürzlich getan habe, ist das Problem, dass das eigentliche Klientel, die Fans von ihnen, kaum noch Platten kaufen. Diese Generation nimmt es als gegeben, dass alles umsonst ist. Man nennt sie schon die „lost Generation“ der Musikbranche – zwischen 25 und 35. Das ist ein Problem. Kinder und Teenager sind eine weitaus sicherere Zielgruppe für Verkäufe… ha. Mir geht es trotzdem darum zu zeigen, dass es interessante Musik von Frauen gibt und mit Monika eine Plattform dafür. Daran halte ich fest, obwohl mir meine Mutter neulich geraten hat, damit aufzuhören.

tip Und Sie haben nicht auf die Mutter gehört?
Gudrun Gut Nein, obwohl es finanziell schon etwas schwierig ist, aber mir ist es ein politisches Anliegen, deshalb mache ich auch weiter.

Interview: Jacek Slaski

Fotos: Malte Ludwigs, Monika Enterprise, Anja Freyja

Monika Werkstatt im Roter Salon am So 6.12.

Mehr Informationen zu Gudrun Gut und Monika Enterprise finden SIe auf www.monika-enterprise.de

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