Kultur & Freizeit in Berlin

Interview mit Imran Ayata

Der Berliner Schriftsteller Imran Ayata über Fußball als Gesellschaftsmetapher, einen Kiezverein als Mikrokosmos, einen ganz neuen Trinkspruch und seinen aktuellen Roman "Ruhm und Ruin".

Interview mit Imran Ayata

tip Herr Ayata, „Ruhm und Ruin“ dreht sich um einen ehemals ruhmreichen Kiez-Fußballclub. Haben Sie je selbst gespielt?
Imran Ayata In der C-Jugend beim Eisenbahner-Sport-Club Ulm. Ich 
hatte eine  ganz gute Übersicht, war aber unfassbar lauffaul. Ach, ich
war nicht gut genug. Aber wenn ich heute eine Truppe hätte, würde ich
vielleicht wieder kicken.

tip In der Freizeitliga?
Imran Ayata Ja, so etwas. Ich war mal bei der
Autorennationalmannschaft. Aber die Jungs sind fast schon
Halbprofessionelle, mit Lauftraining und allem. Das war mir zu krass.
Ich dann so: Ihr seid verrückt.

tip Das Buch basiert auf dem Theaterstück „Liga der Verdammten“,
das Sie vor zwei Jahren im Ballhaus Naunynstraße mit Neco Зelik gemacht
haben. Dafür hatten Sie bei  Türkiyemspor diverse Gespräche geführt.
Imran Ayata Ich habe das Buch neu geschrieben. Viele der elf
Romanfiguren existierten im Stück nicht. Auch die Art der Erzählung
nicht. Elf Geschichten, die zu einem Ganzen verwoben sind. Dieses
Episodenhafte. Da hat mich dann die Idee des Mikrokosmos überzeugt. Der
Verein ist ein Abbild unserer Gesellschaft und eine Ersatzfamilie.
Insofern ist der Roman eine gesellschaftliche Momentaufnahme.

tip Der „Migrantenverein“ stand mal kurz vor dem Aufstieg in die
zweite Bundesliga und ging 2011 insolvent. Warum kommt der Vereinsname
im ganzen Buch nicht vor?
Imran Ayata Fußball ist eine gesellschaftliche Metapher für
geliehenen Zusammenhalt: Für 90 Minuten sind wir alle eins.  Es handelt
sich um eine universelle Geschichte, die möglicherweise in Berlin
spielt, aber auch in Frankfurt spielen könnte. In den letzten Jahren hat
sich verstärkt die Erzählung von Migration als Erfolgsgeschichte
durchgesetzt. Immer wieder tauchen „Role Models“ darin auf. Mein Roman 
ist auch ein Anschreiben gegen dieses Narrativ: „Streng dich an, sei
erfolgreich, dann wirst du schon integriert.“

tip „Wir waren der spielende Beweis, dass Ausländer in Almanya etwas erreichen können“, sagt einer der elf Protagonisten.
Imran Ayata Ja, Aufstieg und Niedergang. Eben ein Verein! Mit
Cliquenbildung. Machtgeklüngel. Siegen und Niederlagen und Lügen. In
„Ruhm und Ruin“ wird ständig gelogen. Die Protagonisten erzählen sich
das  Leben so zurecht, wie sie es gern haben. Es ist auch ein
Lügenroman.

tip Weil alle den Mythos vom Aufstieg leben.
Imran Ayata Der Mythos begegnet mir selbst auch. Wenn man Bücher geschrieben hat, wird man auch zum „Role Model“ gemacht.

tip Nervt das nicht?
Imran Ayata Und wie! Das wird man auch nicht los. Wenn auf dem
Buchdeckel Imran Ayata statt zum Beispiel  Stefan Müller steht, ist der
Zugang ein anderer.

tip Wie meinen Sie das?
Imran Ayata Mein erstes Buch „Hürriyet Love Express“  wurde von
vielen Medien aufgegriffen. Aber der Erzählband wurde nicht als
Literatur besprochen. Es ging um mich als Person, als „Kanak
Attak“-Mitbegründer, Deutsch-Türke, Agenturchef. Beim zweiten Buch…

tip … der Roman „Mein Name ist Revolution“ erschien 2011.
Imran Ayata … gab es dann wirkliche Rezensionen des Romans. Da
dachte ich: Okay, ich revidiere meine Meinung. Trotzdem denke ich, dass
es bei Menschen mit Migrationshintergrund stärker als bei anderen auch
um die Biografie geht.

tip Sie werden ja auch ganz gern zu Integrationsthemen befragt.
Imran Ayata Das passt schon! Es gibt ja diesbezüglich durchaus
eine Kontinuität in meinen Arbeiten. Früher hat man Migration immer als
peripheres Thema behandelt. Spätestens nach der aktuellen
Flüchtlingsgeschichte wissen doch immer mehr Menschen: Migration ist im
Zentrum dieser Gesellschaft.  Mich interessiert, die Geschichten von
Einwanderung und Einwanderern neu zu schreiben. Insgesamt sind sie noch
immer viel zu wenig präsent.  

tip Ist „Ruhm und Ruin“ eigentlich eine Aufzählung oder eine zeitliche Reihenfolge?
Imran Ayata Nein, keine Reihenfolge. Auch wenn im Erfolg immer
auch ein Scheitern liegt.  Mit „Ruhm und Ruin“ kann man übrigens
fantastisch anstoßen. Bei der Buchpremiere gab Jörg Sundermeier (vom
Verbrecher Verlag, Anm. d. Red.) Sekt für alle aus und sagte: „Auf ,Ruhm
und Ruin’!“ Ein Lachen ging durch den Saal. Da fiel mir zum ersten Mal
auf, dass der Titel das Zeug zum Trinkspruch hat: „Auf Ruhm und Ruin!“

Interview: Erik Heier

Foto: Harry Weber

Ruhm und Ruin von Imran Ayata, Verbrecher Verlag, 200 S., 19 Euro

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