Lesungen und Bücher in Berlin

Interview mit Kai-Uwe Kohlschmidt zu „Flucht Tunnel“

Interview mit Kai-Uwe Kohlschmidt anlässlich des Audio-Buches „Flucht Tunnel“ und der Einweihung des gleichnamigen Audiowegs.

Kai-Uwe-KohlschmidtNeben der CD-Veröffentlichung (in der Edition Berliner Unterwelten) wird am 9.November der Audioweg eingeweiht, der an die Originalschauplätze in der Bernauer Straße führt. Der tip sprach mit Autor und Regisseur Kai-Uwe Kohlschmidt über die Umsetzung eines historischen Stoffes und seinen Blick auf die gegenwärtige künstlerische DDR-Aufarbeitung.

„Flucht Tunnel“ stellt einen Audioweg, eine CD und demnächst auch ein Theaterstück dar. Wie sind diese verschiedenen Medien miteinander verbunden?
Die Hörbuchfassung beruht im Wesentlichen auf den Bestandteilen des Audioweges, also vor allem den Zeitzeugen-Cuts, alten Radioreportagen und der halbfiktiven Ebene eines Stasioffiziers, sowie der Erzählerin, die den Gehenden wie Hörenden durch den zeitgeschichtlichen Dschungel  navigiert. Das erst in der Entstehung befindliche Theaterstück wird diese drama-dokumentarischen Mittel wesentlich deutlicher transformieren, in eine traumatische Bühnenform eben. Allen drei Kunstformen zugrunde liegen allerdings die Erlebnisse des Tunnels 29 und 57, den brisanten Erinnerungen von Claus Stürmer, Hasso Herschel, Achim Neumann und vielen anderen mehr.

Wann wurde der Fluchttunnel in der Bernauer Straße benutzt und wie vielen Menschen stand er zur Verfügung?

Es gab zahlreiche Tunnelprojekte in der Bernauer Straße, auch von Ost nach West. Viele scheiterten. Bei den Tunneln 29 und 57 sind die Anzahl der Flüchtlinge namensgebend gewesen. Der Tunnel 29 lief 1962, der Tunnel 57 zwei Jahre später. Dies umfasst auch in etwa die Hauptzeit der Berliner Fluchttunnel, da nach dem tragischen Ausgang des Tunnels 57, bei dem Unteroffizier Egon Schulz bei einem Schusswechsel ums Leben kam, sich die öffentliche Meinung den Fluchthelfern gegenüber erheblich distanzierte.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Verein Berliner Unterwelten?
Meine Frau und ich arbeiten schon lange für die Unterwelten und speziell in deren „Theater in den Unterwelten“ (früher das Dokumentartheater). Inzwischen sind wir selbst überzeugte Unterweltler, ein agiler und tatkräftiger Verein! Dietmar Arnold, der Vorstand der Unterwelten hatte schon ein Buch über die Berliner Fluchttunnel veröffentlicht. Er erfuhr von meiner Mitwirkung als Komponist beim Audioweg Gusen von Christoph Mayer und schlug vor, ein solches Projekt im Verein zu realisieren und beauftragte mich, dies umzusetzen.

Die von Uwe Preuss gesprochene Figur ist fiktiv, basiert sie auf Recherche-Ergebnissen und eigenen Erfahrungen?
Die Figur des Major Hanke ist im „operativen Bereich, also Berichte tippen, Beobachtungen auswerten und ähnliches mit Originalmaterial von verschiedenen MfS-Akten unterfüttert. Der „private“ Major Hanke allerdings ist Fiktion, also von mir ins Leben gerufen. Er tippt außerdienstlich einsame Lyrik ins Portfolio und gibt uns seine innere Dynamik zur Ansicht. Dies war mir Gelegenheit, einen geschichtlichen Exkurs jenseits plumper Kischeehaftigkeit aus der Zeit heraus zu exhumieren. Die Intelligenz saß ja beim MfS. Sie bewirkte nur leider wenig, wie Intelligenz eben oft wenig bewirkt, aber die Dinge zuweilen sehr klar sieht. Die DDR als eine Russenkolonie, ein Sommertheater Moskaus, in dem auf der Bühne echtes Blut floss.


Flucht_TunnelDie künstlerische Aufarbeitung der DDR-Geschichte funktionierte bisher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit viel Pomp und viel Schwarz-Weiß-Denken. Warum wird sich damit so schwer getan?
Ich glaube, es ist so gewünscht, also es wird gar so gefördert und in diesem Sinne von den Machern vorrauseilend dann auch angeboten. Die Tendenz in der Reflexion dieses Teils der deutschen Geschichte ist konterideologisch aufgeladen. Das Gespenst des Kommunismus soll auf ewig in jener Vorstellung aus ABV, Puhdys, Stasi und Kessel Buntes seinen Wohnsitz haben. So dass die Idioten darüber lachen können und die Schlauen nicht auf die Idee kommen, dass eine andere Welt zumindest denkbar gemacht werden muss. Der Kommunismus ist  ja am psychologischen Dilemma gescheitert, dass Raubtiere nur schwerlich teilen wollen, auch wenn sie davon träumen, dass es besser anders wäre. Solange unsere Steinzeitseele noch Fernsehen mit Donnersmarck serviert bekommt, wird sich da nicht viel ändern.  

Wie hast Du die DDR erlebt? Wie erklärst Du das Land Deinen Kindern?

Ich hab die DDR als Kind und als Teenager erlebt und war in ihren letzten Tagen tätiger Augenzeuge, wie sie aus den Latschen kippte. Ich kann von Glück reden, dass ich so jung war und die Zone schon so hohl, dass sie eben eher implodierte, als dass sie einen letzten echten Fight ablieferte. Ein Freund sagte mal, die DDR, das war eine Schlampe vom Dorf, die gut kochen konnte. Die BRD hingegen ist die schöne Hure, die bei weiten nicht hält, was sie verspricht und gar kostet.

Wie sieht das Live-Programm am 9. November aus?

Der Audioweg ist ein Ereignis, welches der Besucher selbst unternimmt, also 4,2 Kilometer in zwei Stunden, bei Wind und Wetter durch Berlin und seine düstere Geschichte. Wir geben die Geräte aus und sammeln sie auch wieder ein. Danach gibt es Blasmusik.

Interview: Ronald Klein

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